Lauda / Königshofen

50 Jahre Martin-Schleyer-Gymnasium Schüler führen das Musical „Oliver“ am 13. und 14. Oktober in der Stadthalle in Lauda auf

13 Monate Probezeit für Großprojekt

Zu seinem 50-jährigen Bestehen präsentiert das Martin-Schleyer-Gymnasium Lauda-Königshofen am kommenden Wochenende in der Stadthalle in Lauda das Musical „Oliver“.

Lauda-Königshofen. Das Musical-Großprojekt ist einer der besonderen Höhepunkte eines interessanten „Straußes“ unterschiedlicher Sonderveranstaltungen aus Anlass des 50. Geburtstages des Martin-Schleyer-Gymnasiums (MSG) in diesem Jahr. Unter Gesamtleitung von Claudia Heidrich sind eine große Zahl von Schülerinnen und Schüler des MSG an dem Musical „Oliver“ beteiligt. Die komplexen Probenarbeiten der letzten 13 Monate sollen mit den beiden Aufführungen am Samstagabend und Sonntagnachmittag (13. und 14. Oktober) in der Stadthalle in Lauda zu einem erfolgreichen Glanzpunkt geführt werden.

Das Stück basiert auf dem Roman „Oliver Twist“ des englischen Schriftstellers Charles Dickens. Lionel Bart hat mit seiner Adaption von Dickens Literaturwerk mit viel Gefühl ein mitreißendes Musical geschaffen, in dem Humor und Ernsthaftigkeit eine energievolle Kombination eingehen. Olivers Lebensstationen führen aus der Düsternis eines Waisenhauses heraus in die scheinbare Geborgenheit einer Londoner Diebesbande bis hin zum „Happy End“ einer bürgerlichen Heimstatt.

Die abenteuerliche Irrfahrt des sympathischen Oliver begeistert und rührt zugleich. Die teils drastischen sozialen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts werden durch die Form eines Musicals zu einem abwechslungsreichen, teils dramatischen, teils amüsanten Gesamterlebnis.

Gesellschaftliches Pamphlet

Die Veröffentlichung des Romans „Oliver Twist“ im Jahr 1837 schlug geradezu wie eine Bombe ein und machte Dickens auf einen Schlag berühmt. Statt leichter Unterhaltung hatte der englische Schriftsteller mit diesem Werk ein gesellschaftspolitisches Pamphlet geschrieben, in dem er die schamlose Gier der Industriebarone und Obrigkeiten anprangerte sowie vor dem Verfall der Gesellschaft warnte. Dickens stand stets auf der Seite gesellschaftlich und sozial Benachteiligter, denn was Armut und Unterdrückung bedeuteten, hatte er selber am eigenen Leib erfahren.

Sein Vater landete 1823 im Schuldgefängnis, als Dickens erst elf Jahre alt war, worauf die Mutter mit seinen sieben Geschwistern in der Anstalt einzog, während Charles draußen blieb und Geld für die Familie verdienen musste. Kinderarbeit war dereinst im viktorianischen England gang und gäbe, die Industrielle Revolution hatte neue Fabriken und rasant wachsende Großstädte mit sich gebracht. Auch Dickens arbeitete in Lagerhallen und konnte deshalb erst zur Schule gehen, nachdem sein Vater aus dem Gefängnis entlassen wurde.

In Dickens literarischer Erzählung über Oliver Twist seien für heutige Leser auch zahlreiche Parallelen zur wirtschaftlichen und sozialen Gegenwart in Europa zu finden, betonen Gesamtleiterin Claudia Heidrich und Regisseur Gunter Schmidt. Insofern könne Oliver Twist auch als Kind unserer Zeit bezeichnet werden. In den vergangenen 40 Jahren habe die soziale Ungleichheit in allen Industrienationen zugenommen. Zugleich sei in kaum einem anderen Land Europas die Kluft zwischen Arm und Reich so tief wie im Vereinigten Königreich, fast jeder zehnte Brite gelte als arm.

Ein Junge, der im Arbeiterviertel von Glasgow auf die Welt komme, sterbe statistisch 13,5 Jahre früher als einer, der im gutbürgerlichen Londoner Stadtteil Kensington aufwachse. Laut einer OECD-Studie würden die obersten zehn Prozent der britischen Bevölkerung zwölfmal so viel wie die untersten Einkommensgruppen verdienen. Zwar sei in Deutschland der Unterschied nur halb so groß, Oliver Twist stehe jedoch auch hier für die vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, von denen in Deutschland zur Zeit etwa 45 000 lebten. Diese ebenso aktuellen Aspekte hätten gleichsam zu den wesentlichen Motiven gezählt, das Musical „Oliver“ nebst seiner Handlung mit den teilnehmenden Schülern und einigen weiteren Akteuren anlässlich des 50-jährigen Bestehens des MSG einzustudieren sowie zur Aufführung auf die Bühne zu bringen. So könne und dürfe das Musical auf die Missstände unserer Zeit aufmerksam machen – einerseits ohne erhobenem Zeigefinger und nicht anklagend, anderseits aber eindringlich und unterhaltend.

Darüber hinaus könne das Motto „Fühl dich ganz zu Haus“ als eine Maxime der Schulgemeinschaft am MSG verstanden werden. In einer guten Atmosphäre lasse sich am Besten lernen.

„So haben alle am Musical Beteiligten in den Bereichen Ausdauer, Disziplin und Verantwortungsbereitschaft dazu gewonnen, zudem beim Training bei Gesang, Musik, Tanz und Schauspiel.

Schüler aus unterschiedlichen Klassen und Jahrgängen sind mit der Zeit und mit ihrem großen Engagement zu einer Oliver-Familie zusammengewachsen“, heben Heidrich, Schmidt und Choreografie-Leiterin Herta Beierstettel gemeinsam hervor.

Die Aufführungen finden zudem in Gedenken an den im Sommer tödlich verunglückten MSG-Schüler Johannes Herrmann statt, der an den Proben teilgenommen hatte und damit bei der Realisierung des Musicalprojekts mitwirkte.