Lauda / Königshofen

„Gerlachsheimer Mon(d)tage“ Podiumsdiskussion zum Thema „Was die Gesellschaft zusammenhält“

„Egoismen nehmen überhand“

„Was die Gesellschaft zusammenhält“ war Thema einer Podiumsdiskussion zum Auftakt der „Gerlachsheimer Mon(d)tage“ im Josefshaus.

Gerlachsheim. „Was uns verbindet – Von unruhigen Zeiten und Zeichen der Hoffnung“ lautet das Motto der „Gerlachsheimer Mon(d)tage“, einer seit langem etablierten, jährlich stattfindenden und jeweils dreireihigen Vortrags- und Diskussionsserie, die in einer Kooperation von der Katholischen Landvolkbewegung (KLB) und Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) im Josefshaus in Gerlachsheim präsentiert wird.

Teilnehmer einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Was die Gesellschaft zusammenhält“ zum Auftakt der „Gerlachsheimer Mon(d)tage 2019“ waren Dr. Thomas Dietrich, Leiter der Abteilung Sozialpastoral, Seelsorgeamt Freiburg, Joachim Markert, Bürgermeister der Stadt Grünsfeld, und Silke Ortwein, Regionssekretärin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) für den Stadt- und Landkreis Heilbronn.

„Ich glaube, es gibt eine große Einigkeit, dass uns gesellschaftliche Einigkeit und Zusammenhalt immer mehr abhandenkommen, Egoismen überhand nehmen und wir wachsam sein müssen, um demokratische Werte zu bewahren“, äußerte Moderator Norbert Mittnacht, Diözesanreferent der KLB in Freiburg, in einem Einführungsstatement. Weit weniger Einheit bestehe bei der Frage, mit welchen Rezepten den genannten Tendenzen begegnet werden könne.

Trend zur Verinselung

Die Menschen in unserer Gesellschaft verbinde zum Beispiel die ständige Vorsicht und Rücksicht wie etwa im Straßenverkehr, meinte Dietrich.

Wer am Straßenverkehr teilnehme, solle sich so verhalten, dass er nicht seine Egoismen vor die Interessen anderer stellen würde. Es gebe immer mehr Trends zur Verinselung und zu Egoismen.

„Keiner kann alles und keiner kann nichts, daher braucht jeder von uns etwas von einem anderen Mitmenschen“, gab der Sozialpastoralleiter zu bedenken. Umgekehrt könne jeder mit seinen Begabungen seinem Umfeld und der Gesellschaft etwas geben. Gesellschaft bedeute, dass viele Menschen zusammenwirken. „Wenn wir so mit Menschen umgehen, heißt dies, etwas zu finden, um das Miteinander zu bereichern. Wenn jeder etwas kann, muss man jedem Menschen auch zutrauen, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten“, betonte er.

In den vergangenen Jahren hätten sich politische Diskussionen ums Ehrenamt verstärkt. „Wenn jedoch jeder nur noch das tut, was er muss, wird es atmosphärisch sehr kalt um uns“, hob Dietrich hervor. „Wärme entsteht nur da, wo Personen etwas mitbringen und tun, was sie nicht müssen, sondern freiwillig beitragen“.

In den vergangenen zehn bis 15 Jahren seien immer weniger gemeinsame Visionen, Ziele und Solidaritäten feststellbar, äußerte Ortwein. Begonnen habe es zum Beispiel mit den Run auf die Telekom-Aktien in der zweiten Hälfte der 90-Jahre und mit Slogans wie „Geiz ist geil“. Gemeinsame Verantwortung wie etwa durch Mitspracherechte von Arbeitnehmern habe ebenfalls zunehmend abgenommen.

Gefahr für die Gesellschaft

„Immer mehr Arbeitnehmer treten aus den Verbänden und Gewerkschaften aus und damit auch aus gemeinsamer Verantwortung“, berichtete die DGB-Regionssekretärin. Bei Diskussionen, ob Ehrenamt bezahlt werden solle, müsse bedacht werden, dass die Gesellschaft die gemeinsame Verantwortung benötige. Wenn es keine soziale Verantwortung füreinander und miteinander mehr gebe, würde die Gesellschaft stagnieren.

„Im Grunde ist es die emotionale Verbundenheit, die unsere Gesellschaft prägt und auszeichnet“, meinte Markert. Die Digitalisierung trage dazu bei, dass vieles unpersönlich vonstatten und der „soziale Kitt“ verloren gehe sowie die Menschen individualisiert in einer Art „Parallelwelten leben würden.

Bei den Vereinen fehle insbesondere die Gruppe der 20-bis 40-Jährigen, die für das Gemeinwohl beitragen könnten. Darunter leiden unter anderem bürgerliche Veranstaltungen, weil es an Helfern fehle und das Interesse nachgelassen habe. „Wenn es die Menschen nicht mehr gibt, die sich einbringen und engagieren, sieht es mit unserer Gesellschaft schlecht aus“, unterstrich der Grünsfelder Bürgermeister.

Bei einer Studie der Bertelsmann-Stiftung „Radar des gesellschaftlichen Zusammenhalts“ habe die Region Heilbronn-Franken deutschlandweit mit am besten abgeschnitten, und zwar als ländlicher Bereich, wo man sich noch am ehesten gegenseitig helfe.

„Wir müssen jedoch an einigen Stellschrauben drehen, um den auch im Ländlichen Raum geänderten Lebensumständen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt Rechnung zu tragen“, appellierte Markert. Hier seien sowohl die Kommunen als auch der Staat gefordert, soweit wie möglich beispielsweise das Ehrenamt zu fördern.

„Wir haben regelmäßige Ehrenamtsauszeichnungen, um diese Personenkreise wie etwa Blutspender als Vorbilder herauszustellen. Vielleicht animiert das auch andere Bürger“, berichtete er aus der Stadt Grünsfeld. Vereine bezeichnete der Bürgermeister „als die besten Kulturträger einer Kommune und machen diese lebenswert“.

Das Ehrenamt fördern, Gerechtigkeit bewahren und miteinander im Gespräch bleiben wurden von den Podiumsgästen unter anderem als zentrale Bereiche für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt genannt.

„Was Europa zusammenhält“, lautet das Thema am Montag, 25. Februar, um 19.30 Uhr im Josefshaus (Würzburger Str. 18-20) in Gerlachsheim.

Referent ist Hermann Kroll-Schlüter, Staatssekretär a.D., ehemaliger Bundesvorsitzender der KLB, Warstein.