Lauda / Königshofen

Bildung Verdun-Fahrt deutscher und französischer Schüler aus den beiden Partnergemeinden Lauda-Königshofen und Boissy-Saint-Léger

Eindrücke waren imposant, aber auch erschreckend

Archivartikel

Lauda-Königshofen.„Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen!“ (Jean-Claude Juncker, EU-Kommissionschef, auf dem Soldatenfriedhof in Luxemburg am 4. Juni 2005). Dieser Aussage Junckers können heute, nach zwei Weltkriegen, viele zustimmen. Aber gilt sie auch für deutsche und französische Jugendliche, die noch keine Kriege in ihren Ländern erlebt haben? Eine Antwort auf diese Frage bot sich 17 deutschen und 14 französischen Schülern aus den Partnerstädten Lauda-Königshofen und Boissy-Saint-Léger auf einer Reise zu den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs rund um Verdun und zum Europazentrum Robert Schuman in Scy-Chazelles bei Metz.

Ermöglicht wurde diese fünftägige Begegnung mit dem Titel „L’Europe sur les ruines de la guerre“ durch die finanzielle Unterstützung der beiden Partnerstädte und des „Deutsch-französischen Jugendwerks“ (DFJW, Sitz Berlin) beziehungsweise des „Office franco-allemand de la jeunesse“ (OFAJ, Sitz Paris).

Die Mühe der Antragsstellung und der Reiseplanung übernahm Michèle Bésigôt von der „Association Boissy Jumelage (ABJ)“, unterstützt von Claudia Heidrich, Französischlehrerin am Martin-Schleyer-Gymnasium Lauda (MSG) und Mitglied des Partnerschaftskomittees der Stadt Lauda-Königshofen. Beide hatten auch die Leitung der Fahrt inne, begleitet auf deutscher Seite durch zwei Lehrer des MSG Lauda (Dr. A. Decker-Heuer, M. Rösner), auf französischer Seite durch M. Courtat von der ABJ und durch Dessé Magassa, Betreuer des Jugendrats von Boissy.

Inhaltliche Vorbereitung

Zu den Auflagen der beiden Jugendwerke gehörten auch die inhaltliche Vorbereitung vor Ort. Dies bedeutete beispielsweise für die 17 Schüler des MSG Lauda, dass sie sich bereits im April, an einem Samstag, mit dem Ersten Weltkrieg und dem Thema Europa in einem Workshop beschäftigten. Unmittelbar vor der Fahrt fand der Besuch der deutsch-französischen Wanderausstellung „Menschen im Krieg. 1914 bis 1918 am Oberrhein“ bzw. „Vivre en temps de guerre des deux côtés du Rhin. 1914 – 1918“ im Staatsarchiv in Bronnbach statt.

Und so sahen die Schüler, gut vorbereitet, auf den ehemaligen Schlachtfeldern in Lothringen und unzähligen Soldatenfriedhöfen, was der Erste Weltkrieg aus den Lebensentwürfen der oft noch jugendlichen Franzosen und Deutschen gemacht hatte: Wenn sie in diesem ersten industriellen Krieg nicht ums Leben kamen, kehrten doch sehr viele nicht unbeschadet, sondern an Leib und Seele versehrt in ihre Heimat zurück. Geschichte, konkret das Schicksal einzelner Menschen vor 100 Jahren, wurde hier unmittelbar begreifbar.

Besonders beeindruckt waren die Schüler von den fast überall durch Granattrichter zernarbten Landschaft, von den Schützengräben der heiß umkämpften „Butte de Vauquois“ oder von dem im „Fort de Vaux“, in seinen unterirdischen Gängen und Räumen, noch erahnbaren Leben der früheren französischen Verteidiger.

Besucht wurde natürlich auch das Beinhaus von Douaumont, „Grabstätte für die Gebeine der Gefallenen, die nach der Schlacht um Verdun nicht identifiziert werden konnten“ und Ort des historischen Händedrucks von Mitterand und Kohl im Jahr 1984. Das Foto von diesem Geschehen wurde zum „Sinnbild der deutsch-französischen Versöhnung“.

Welchen Stellenwert der Erste Weltkrieg in Frankreich heute immer noch hat – im Unterschied zu Deutschland, wo der Zweite Weltkrieg stärker im Fokus ist – , zeigte sich im nahegelegenen „Mémorial de Verdun“, Erinnerungsstätte an die zehnmonatige Schlacht um Verdun im Jahr 1916, die so genannte „Hölle von Verdun“. Wie sehr auch die Schüler von Boissy und Lauda-Königshofen von allem berührt waren, zeigten die abendlichen Arbeitsrunden in der Jugendherberge von St. Mihiel.

Emotionaler Rückblick

In fiktiven Dialogen oder Tagebucheinträgen, aber auch im persönlichen, emotionalen Rückblick verarbeiteten sie das, was sie im Laufe des Tages gesehen und erlebt hatten: „In den Schützengräben zu stehen, sich vorzustellen wie hier hunderte Soldaten durchmarschierten, war sehr beeindruckend. Zugleich war es aber auch erschreckend, zum Beispiel aus den Gräben herauszuschauen und die vom Granatenhagel zerpflückte Landschaft zu sehen. Zu diesem Zeitpunkt kommen einem die Bilder der Schlachtfelder, welche man schon in Filmen oder Dokumentationen sah, wieder in den Kopf und man kann sich das Kriegsszenario bildlich vorstellen. Die Eindrücke waren imposant und zugleich erschreckend“ (Jonathan).

Als Vorbereitung für die Fahrt nach Scy-Chazelles wurde die erst 1981 zufällig gefundene und auf den 17. Juli 1916 datierte Friedensbotschaft von Fiquelmont bei Verdun von allen Schülern reihum auf Deutsch und Französisch gelesen. Sechs deutsche Soldaten, die auf einem Bauernhof einquartiert waren, hatten darin – angesichts des Kriegsgeschehens und dem damit verbundenen Leiden, gerade auch der „Bevölkerung des Occupationsgebiets“ – kommende Generationen zum Frieden aufgerufen: „Utopie und mögliches Eden ist ein geeintes Europa. Freundschaft zwischen den Völkern und Verwirklichung des Wortes, dass wir Brüder sind“.

Europa war dann auch das Thema im Centre européen Robert Schuman in Scy-Chazelles. Nach vielen Informationen zu Europa, der EU und Robert Schuman, dem „Vater Europas“, durften die Schüler selbst tätig werden mit der Methode „World Café“. In fünf gemischten Gruppen beschäftigten sie sich intensiv mit Themen wie beispielsweise „Jugendliche für Europa begeistern“, „Die Flüchtlingsproblematik“ oder „Die EU in 50 Jahren“.

Dass trotz des Arbeitscharakters der Fahrt auch viele persönliche Beziehungen, vielleicht sogar deutsch-französische Freundschaften entstanden sind, zeigte der emotionale Abschied, nach einem gemeinsamen Mittagessen vor der Rückfahrt nach Boissy bzw. Lauda. msg/adh