Lauda / Königshofen

800 Jahre Unterbalbach Vortrag über Judenfriedhöfe in Deutschland war sehr lehrreich und ein voller Erfolg

Einführung in jüdische Sepulkralkultur

Archivartikel

Einen vielbeachteten Vortrag über 1000 Jahre jüdische Sepulkralkultur hielt Nathanja Hüttenmeister, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut.

Unterbalbach. Unter dem Titel „Stätten des Lebens – Jüdische Friedhöfe in Deutschland“ veranstaltete der Unterbalbacher Heimat- und Kulturverein im Rahmen der 800-Jahr-Feierlichkeiten einen hochinteressanten Fachvortrag. Rund 120 Besucher aus Unterbalbach und Umgebung hatten sich im Pfarrsaal versammelt und bekamen eine kurzweilige und lehrreiche Einführung in 1000 Jahre jüdische Sepulkralkultur.

Der Heimat- und Kulturverein gewann für den Vortrag eine äußerst kompetente Expertin, die es verstand, das Publikum über den ganzen Nachmittag an das Thema zu fesseln.

Nathanja Hüttenmeister, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut, studierte Judaistik, Islamwissenschaften, Arabistik und Geschichte in Tübingen, Berlin und Jerusalem.

Harald Rudelgass, Vorsitzender des HKV, zeigte sich sehr erfreut über das rege Interesse.

Der Fachvortrag selbst war von „außen nach innen“ aufgebaut, das heißt, es wurde zuerst über den Friedhof an sich berichtet, dann über das Grab, den Grabstein, Inschriften und Rituale. Nathanja Hüttenmeister war extra schon einen Tag zuvor angereist, um sich mit dem Unterbalbacher Judenfriedhof vertraut zu machen.

Sie schoss zahlreiche Fotos, die sie immer wieder in ihren Vortrag einbaute. Noch heute gibt es über 2000 jüdische Friedhöfe in Deutschland. Vielerorts sind sie die letzten sichtbaren Zeugnisse eines einst blühenden jüdischen Lebens auf deutschem Boden.

Die Geschichte jüdischer Friedhöfe in Deutschland geht bis ins Mittelalter zurück, als im 10. und 11. Jahrhundert die ersten größeren jüdischen Gemeinden entstanden. Am Ende des Mittelalters wurden die Juden der Städte ermordet und vertrieben, als letztes im Jahr 1519 in der Stadt Regensburg. Mit dieser Vertreibung endet für die Juden in Deutschland das Mittelalter. Die meisten Juden, die die Vertreibungen überlebt hatten und im Land geblieben waren, lebten nun in kleinen Dörfern, weit über das ganze Land zerstreut. Erst im 18. und 19. Jahrhundert besserte sich die Lage wieder.

Während der NS-Zeit wurden viele Friedhöfe systematisch zerstört, verwüstet, geschändet oder nach Zwangsenteignung abgeräumt. Bezüglich der Anlage eines Judenfriedhofes ist es so, dass Jüdische Friedhöfe für die Ewigkeit angelegt sind, das heißt, bis zur Auferstehung am Jüngsten Tag. Daher werden alle Gräber mit Grabsteinen gekennzeichnet und müssen bis in alle Ewigkeit bestehen bleiben. Die Auflösung kommt für Juden nicht in Frage.

Neben der Grabsteingestaltung, Materialien und Kunststilen ging Hüttenmeister besonders auf die Inschriften ein. Bis ins 19. Jahrhundert nur auf hebräisch, ab dem 19. Jahrhundert auch in Deutsch, setzen sich die Inschriften aus mehreren Elementen zusammen: Den Namen, den Daten, gerahmt von einer Einleitungsformel und einem Schlusssegen.

Besuch vor Ort

Im Anschluss an den Vortrag hatten die Besucher die Möglichkeit, den Unterbalbacher Judenfriedhof zu besichtigen. Viele Interessierte folgten dem Angebot und wurden unter fachkundiger Führung von H. und F. Meissner, H. Hornig und auch Nathanja Hüttenmeister über das Gelände geführt. Auch für Besucher, die den Judenfriedhof schon öfters besucht haben, war dies ein besonderes Erlebnis, da Nathanja Hüttenmeister fließend hebräisch spricht und die Inschriften übersetzen und erklären konnte.

So erfuhr man nicht nur den Namen, sondern oft auch den gesellschaftlichen Status, innergemeindliche Funktionen, den Herkunftsort, den Familienstand und den Lebensabschnitt des Verstorbenen.

Der Heimat- und Kulturverein Unterbalbach bekam im Anschluss sehr viel positive Rückmeldung von den Teilnehmern und freute sich über eine rundum gut gelungene Veranstaltung. clsch