Lauda / Königshofen

Historie Die Geschichtsschreibung über die Rolle der Frauen im Bauernkrieg

Gegeben sei die Macht der gemeinen Frau?

Archivartikel

Am 2. Juni jährt sich wieder die Schlacht am Turmberg in Königshofen. Es war ein „Aufstand des gemeinen Mannes“. Doch welche Rolle spielten die Frauen im Bauernkrieg?

Königshofen. Befasst man sich mit der doch umfangreichen Literatur zum Thema Bauernkrieg 1524 bis 1526, ist hier sehr häufig vom „Aufstand des gemeinen Mannes“ die Rede, der – weil von der Last der zu zahlenden Abgaben und der den „Herren“ zu leistenden Frondiensten dem Hungertod nahe – keinen Ausweg mehr sah, als sich mit Gewalt aus dieser Umklammerung zu befreien.

„Gegeben sei die Macht dem gemeinen Mann“, war eine gängige Formulierung und Forderung im Zusammenhang mit den Aufständen der Bauernschaft. In der einschlägigen Literatur werden immer wieder die Anführer der Bauern und die Feldherren der Obrigkeit benannt, die in mehreren kleineren und einigen bedeutenderen Schlachten den Krieg ausgefochten haben. Doch welche Rolle spielten in diesem Zusammenhang die Frauen? Hier schweigen sich die Geschichtsschreiber meist aus.

„Göttliche Ordnung“

Über allem der damaligen Zeit stand die „Göttliche Ordnung“, die von den Geistlichen der Katholischen Kirche den Bauern eingetrichtert und von den Lehnsherren und Gutsbesitzern konsequent gelebt wurde. In dieser von Gott in der Bibel vorgegebenen Ordnung hatte jeder Stand, ja jeder Mensch, seinen Platz und seine Rolle unwiderruflich in die Wiege gelegt bekommen. So zumindest wurde über Generationen hinweg die Ständeordnung verteidigt.

Nach dem Weltbild der Kirche war die „gemeine Frau“ quasi unfähig, über den häuslichen Bereich hinaus den Lauf der Welt ansatzweise mitzubestimmen. Frauen waren dazu bestimmt, Kinder zu gebären und ihrem Mann beim Arbeiten zu helfen. Das sah auch Martin Luther so: „Frauen sind geschaffen zur Haushaltung, der Mann aber zu weltlichem Regiment, zu Kriegen und Gerichtshändeln, die zu verwalten und zu führen.“ Aber war damit wirklich alles geregelt? Gaben sich die Frauen mit dieser zugewiesenen Rolle so einfach zufrieden? Schließlich machten Frauen in den 1520-er Jahren etwa die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands aus.

1993 brachte die Hamburger Historikerin Dr. Marion Kobelt-Groch (geboren 1955, gestorben 2018) unter dem Titel „Aufsässige Töchter Gottes“ ein Buch auf den Markt, in dem sie die Erkenntnisse aus mittelalterlichen Quellen sowohl zu der Rolle der Frauen im Bauernkrieg, als auch dem damit eng verbundenen „Täufertum“ zusammenführte.

Obwohl unbestritten sein dürfte, dass es keine Frauen an der Spitze eines Bauernhaufens gegeben hat, und die Geschichtsschreiber (wahrscheinlich ausschließlich Männer) gerne mit dem geflügelten Wort: „Männer machen Geschichte, Frauen machen Geschichten“, den aufsässigen Bauern als die starke Persönlichkeit im Kampf für eine gerechtere Welt präsentierten, darf laut Dr. Kobelt-Groch die Einflussnahme der Frauen auf die Geschehnisse der damaligen Zeit nicht unterschätzt oder gar gänzlich in Abrede gestellt werden. Die Beziehungen zwischen Mann und Frau seien grundsätzlich nicht so streng geordnet gewesen, wie es die Vorstellung patriarchalischer Verhältnisse nahelegen könnte. Im Bauernstand waren Mann und Frau aufeinander angewiesen. Sie waren wie Kameraden, im Umgang gelegentlich rau und direkt, aber innerhalb ihrer Familie gleichberechtigt. Einen – wenn auch nur von einem Lehnsherren angemieteten Hof – konnte man nur gemeinsam bewirtschaften. Während sich die Männer in den Wirtshäusern zum Austausch von Neuigkeiten trafen, funktionierte dies bei den Frauen in den Badestuben, auf dem Markt oder bei Festen.

Nonnen als Feindbild

In die gewalttätigen Auseinandersetzungen des Bauernkrieges griffen die Frauen hin und wieder auch tatsächlich ein. So gibt es Überlieferungen, wonach „Frauenbanden“ Nonnenklöster geplündert und Kirchen demoliert haben sollen. Nonnen waren ohnehin ein erklärtes Feindbild der Bauersfrauen. Während man sich trotz harter Arbeit stets in materieller Not befand und im Laufe einer Schwangerschaft oder bei der Geburt eines Kindes Lebensgefahr bestand, konnten die aus vornehmem Hause stammenden Nonnen ein in jeder Hinsicht unbeschwertes Leben führen.

In den historischen Aufzeichnungen über die Bauernaufstände der 1520-er Jahre sind zwei Frauen erwähnt, die wohl maßgeblich Einfluss auf mit entscheidenden Schlachten genommen haben sollen. Eine namentlich nicht bekannte „Wahrsagerin“ soll am Pursenperg (Vorarlberg) den Sieg der Bauern prophezeit und damit für mächtig Unruhe unter den Landesherren gesorgt haben. Die zweite Frau ist Margarethe Renner, verheiratete Abrecht, besser bekannt als die „Schwarze Hofmännin“.

Mit dem Teufel im Bunde

Schwarz, weil man ihr unterstellte, sie sei mit dem Teufel und den dunklen Mächten im Bunde. Hofmännin, weil ihr Mann Peter einen Hof des Deutschen Ordens gepachtet hatte und als seine Frau war sie somit eine Hofmännin. Welche Rolle sie bei den Ereignissen und speziell bei der „Weinsberger Bluttat“ tatsächlich gespielt hat, ist deutlich umstritten. Während der Historiker Wilhelm Zimmermann in seinem „Großen Deutschen Bauernkrieg“ Margarethe Abrecht als besonders blutrünstig, grausam, ja „der Menschlichkeit fast wie der Weiblichkeit entwachsen“ darstellt, findet der Böckinger Heimatdichter Wilhelm Klink in einem Theaterstück zumindest eine Rechtfertigung für ihre Untaten, nämlich die Rache für den Tod ihres Mannes.

Besonders ausgiebig befasst sich Klemens Ludwig in seinem 2017 erschienenen Roman mit dem Leben der Schwarzen Hofmännin. Hier wird die aus Böckingen bei Heilbronn stammende Frau als Heilerin, Hellseherin und Ratgeberin des von Jäcklein Rohrbach angeführten Neckartaler Haufens beschrieben. Keine Spur von einer blutrünstigen „Hexe“, die nach Zimmermann bei der Ermordung des Grafen von Helfenstein in Weinsberg mit dabei gewesen sein und sich dabei in den Vordergrund gedrängt haben soll: „Die schwarze Hofmännin stach mit ihrem Messer ihm in den Bauch und schmierte sich mit dem herauslaufenden Fette die Schuhe…“

Sieg in der Schlacht prognostiziert

Umstritten ist auch die Passage in dem Roman, wonach Margarethe Abrecht im Vorfeld der Schlacht von Böblingen auf sanften Druck der Anführer hin, weit über tausend Bauern und deren Waffen gesegnet und den Sieg in der Schlacht prognostiziert haben soll: „Seine (Gottes) Macht ist ohne Grenzen und sie wird euch unverwundbar machen gegen die Gewehre und Kanonen der Landsknechte. Seid mutig und getrost, stürzt euch mit Zuversicht und Vertrauen in die Schlacht, der Sieg im Namen des Herren kann euch nicht genommen werden.“ Die Vorhersehung trat nicht ein, tausende Bauern fanden den Tod.

Margarethe Abrecht wurde nach der Schlacht von Böblingen verhaftet und in Heilbronn eingekerkert. Ihr Leibherr, Graf Jörg von Hirschhorn, veranlasste kurze Zeit später nicht nur ihre Freilassung, sondern entließ sie angeblich sogar aus der Leibeigenschaft. Ein Indiz dafür, dass die „Schwarze Hofmännin“ nicht die treibende Kraft in Weinsberg gewesen sein dürfte, sie wäre sonst sicherlich zum Tode verurteilt worden.

Die Anführer der Bauernhaufen werden in den Büchern und Berichten über den Bauernkrieg meist ziemlich gleichlautend eingestuft. Während Götz von Berlichingen die Rolle des Verräters zukommt, stehen Florian Geyer, Wendel Hippler und Georg Metzler als aufrechte Verfechter für die gerechte Sache der Bauern. Jäcklein Rohrbach gilt allgemein als der unbesonnene, egoistische Choleriker, der mit dem Spießrutenlauf für den Grafen von Helfenstein in Weinsberg, dem Aufstand der Bauern für eine humanitäre Weltordnung den Boden entzogen hatte.

In dem Roman von Klemens Ludwig wird durch die Person der Margarethe Abrecht Jäcklein Rohrbach nahezu verklärt. Die Schilderung des grausamen Tods des Rebellen relativiert das allgemein dokumentierte Geschehen. Am Ende muss man beinahe Mitleid für den auf dem Scheiterhaufen Hingerichteten aufbringen.

Frauen zogen nach den dokumentierten Quellen im Bauernkrieg eher im Hintergrund die Fäden. Obwohl bei ihnen wie bei den Männern der unteren Schichten auch, der Wille nach Veränderungen zweifelsfrei vorhanden war. Oft werden die Frauen als das besonnene „Gewissen“ des Aufstands dargestellt, das den einfältigen (männlichen) Bauern intellektuell überlegen war, sich aber nicht entscheidend behaupten konnte, um die erste „frühbürgerliche Revolution“ zu einem guten Ende zu führen.