Lauda / Königshofen

Bildung Dr. Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, als Festredner bei der Verleihung des Titels „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“

Hohe Auszeichnung für das Gymnasium

Das Martin-Schleyer-Gymnasium erhielt von Dr. Josef Schuster, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ verliehen.

Lauda-Königshofen. Zum 50-jährigen Bestehen des Martin-Schleyer-Gymnasiums (MSG) hatte sich die Schule selbst ein ganz besonderes „Geschenk“ gemacht: Für die feierliche Verleihung des Titels „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ gewann man dank persönlicher Kontakte des Mathematik- und Physiklehrers Andreas Roser als Paten und Festredner Dr. Josef Schuster, den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Entsprechend zahlreich waren Schüler, Lehrer und Eltern zum Festakt in der Aula des Gymnasiums erschienen. Die herausragende musikalische Umrahmung durch Schülerinnen des MSG (Greta App/Cello, Lea Vollrath/Klarinette, Franca Steffan/Cello), wunderbar am Klavier begleitet durch Dr. Lotte Springorum und den ehemaligen Musiklehrer Peter Leicht, zeigte ebenfalls die große Bedeutung der Veranstaltung.

Herausforderung annehmen

Mit der Bewerbung um den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ wolle man die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft annehmen und nicht nur der 50 vergangenen Jahre mit Stolz gedenken, so der Schulleiter Dr. Gernert in seiner Begrüßung. „Die Gymnasien besitzen eine lange humanistische Tradition, die (…) das Denken und Handeln bewusst in den Dienst der Würde des Menschen stellt“. Gleichwohl erlebe man heute im Alltag und auch in der Schule Herabsetzungen und Ausgrenzungen.

Die Schulen müssten aber „nicht nur Wissen und Können vermitteln“, sondern auch „Herz und Charakter bilden“. Zu dieser Persönlichkeitsbildung junger Menschen wolle man an diesem Abend einen Beitrag leisten.

Ähnlich äußerte sich Siegfried Neumann, stellvertretender Bürgermeister der Stadt Lauda-Königshofen, des Schulträgers, in seinem Grußwort. Er berief sich auf die Worte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlässlich der Woche der Brüderlichkeit in Nürnberg. Dieser hätte davon gesprochen, dass der Kampf gegen den Antisemitismus noch entschiedener geführt werden müsse.

Gefragt sei dabei neben staatlichem Handeln vor allem auch die Zivilcourage aller Bürger und das Gespräch miteinander. Bei der feierlichen Übergabe der Plakette „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ an den Schulleiter Dr. Gernert, am Ende der Veranstaltung, rief denn auch Herr Neumann den Schülern zu, dass nicht diese Plakette die Schule zu einer solchen mache, sondern sie selbst, ihr Verhalten.

„Gestalter von morgen“

„Für ein verträgliches Miteinander – Kann Bildung Vorurteile verhindern?“, so lautete der Titel des Festvortrags von Dr. Josef Schuster, in dem er gleich zu Beginn die zur Abendveranstaltung geladenen Schüler besonders hervorhob als die „Gestalter von morgen“, als mögliche zukünftige Bundeskanzler. Man hatte den Eindruck, dass vor allem den Schülern seine Rede galt. Er sprach sie immer wieder direkt an, in einfachen und klaren Worten, die dennoch differenziert die Probleme heute in Deutschland, in Bezug auf das Thema Rassismus, beim Namen nannten. So gäbe es aktuell einen grassierenden Antisemitismus, „Jude“ sei auf manchen Pausenhöfen wieder ein Schimpfwort geworden. Sogar in einer Grundschule sei ein jüdisches Mädchen schon mit dem Tode bedroht worden. Keiner werde als Antisemit oder Rassist geboren, könne es aber in einer Atmosphäre werden, in der Vielfalt nicht als Bereicherung gelebt werde.

Werte wie Gleichheit oder Glaubensfreiheit gründeten auf den Lehren der Vergangenheit, 70 Jahre Frieden seien auch der schrecklichen Erfahrung der Shoah geschuldet. Leider würden immer weniger Jugendliche und junge Erwachsene – so entsprechende von ihm zitierte Umfragen – etwas über den „Holocaust“ wissen. „Nie wieder!“ und „Wehret den Anfängen!“ blieben so nur Schlagworte.

Volkskrankheit „Unwissen“

Als Mediziner diagnostiziere er eine Krankheit und verabreiche dann die entsprechende Medizin oder ordne die passende Behandlung an. Heute könne man von der Volkskrankheit „Unwissen“ sprechen, der ein moderner Geschichtsunterricht abhelfen müsse. Dieser könne etwa durch den Besuch eines Konzentrationslagers oder der Übernahme einer Patenschaft von Stolpersteinen zur persönlichen Auseinandersetzung führen, die sensibilisiere und immunisiere. Schubladendenken und damit auch Vorurteile seien weit verbreitet, aber nie harmlos, auch nicht bei Aussagen wie etwa „Alle Juden sind klug“. Es gelte genau hinzusehen, schon im kleinen Kreis der Familie und der Freunde die Stimme zu erheben, auch wenn man dabei vielleicht selbst zum Mobbingopfer werde. Dies erfordere Courage im Sinne von Mut, Beherztheit, Unerschrockenheit.

Die Schule habe bei einer zukunftsorientierten Bildung die Aufgabe, ihren Schülern das nötige Rüstzeug zu bieten, damit eine demokratische, tolerante und offene Gesellschaft entstehen könne. Neben Bildung gäbe es aber noch ein zweites wichtiges B: die Begegnung. Das Martin-Schleyer-Gymnasium könne ein solcher Raum der Begegnung sein, der Ängste abbauen hilft. Im Sinne des jüdischen Tikun Olam, was in etwa als „Reparatur der Welt“ übersetzt werden könne, bräuchten wir heute zunächst die Wahrnehmung, dass etwas nicht stimme – wenn etwa die Zeit des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte bezeichnet und damit Verbrechen relativiert werden. Darauf müsse dann die „Reparatur“ erfolgen, mit der Schule als Ausgangspunkt, im Sinne des Aufbaus einer Gesellschaft des Miteinanders, der Toleranz, Akzeptanz, Offenheit und Nächstenliebe. Johann Martin Schleyer, dem Namensgeber des Gymnasiums, sei dieses gegenseitige Verständnis in der Welt auch ein großes Anliegen gewesen und er hätte dafür eigens eine Kunstsprache, das Volapük, entwickelt. Eine „Sprache der Herzen“ würde wohl ausreichen, so Dr. Schuster, damit nicht nur eine „Schule ohne Rassismus“ entsteht, sondern eines Tages eine „Welt ohne Rassismus“.

Frenetischer Applaus

Spätestens mit diesem Ende einer sehr bewegenden Rede hatte Dr. Schuster die Herzen aller Zuhörer und ganz besonders der immer wieder angesprochenen Schüler erreicht. Ein nicht enden wollender Applaus, bei dem sich alle von den Stühlen erhoben, zeigte dies eindrücklich.

Das abschließende Musikstück, Faurés berühmte Elégie für Cello und Klavier (Franca Steffan/Cello, Peter Leicht/Klavier), lotete mit den tiefen Tönen des Cellos, dem getragenen, traurigen Eingangsthema, die beängstigend aktuelle Problematik des Rassismus in allen Untiefen aus. msg/adh