Lauda / Königshofen

19. Klein-Kunst-Bühne Kabarettist Mathias Tretter trat im Weinhof Ruthardt auf und begeisterte das Publikum

„Kim Jong Gauland“ und post-postmoderne Spießer

Lauda.Mit einem Outing begann der Auftritt des Würzburger Kabarettisten Mathias Tretter bei der 19. Auflage der Kleinkunstbühne im Weinhaus Ruthardt in Lauda. „Ich habe lange überlegt, ob ich das machen soll“, sagte Tretter, um dann seine schreckliche Erkenntnis mit dem Publikum zu teilen: „Ich brauche eine Brille“. Auch für seine Frau sei das ein großer Schock gewesen. Aber spätestens als er auf dem Spielplatz das falsche Kind mitgenommen habe, sei es einfach nicht mehr anders gegangen.

Mit Brille fühlt sich der gebürtige Würzburger einfach unwohl, wie er dem Publikum im ausverkauften Weinhaus Ruthardt erzählte. Allein schon, weil er damit wie ein Intellektueller aussieht. Und das will ja heute keiner mehr. „Früher versteckten die Leute ihr Unwissen, heute verstecken sie ihre Bildung“, bemerkte Tretter scharfzüngig. Denn wer heute noch seine Bildung zeige, gelte doch als arrogantes Arschloch.

Doch auf seine Brille kann Tretter eigentlich schon wegen seinem neuen Hobby gar nicht verzichten. Gemeinsam mit seinem Kumpel Ansgar betreibt er jetzt den Retro-Trend „Windowing“. Klingt ziemlich neumodisch, ist aber eigentlich ein alter Hut. Denn „Windowing“ ist nichts Anderes als einfach aus dem Fenster zu schauen. So wie man es von Rentnern kennt, die in Feinripp oder Kittelschürze am Fenster lümmeln und mürrisch die Welt beobachten. „Wobei das eigentlich eher hospitieren als lümmeln ist.“

Überhaupt unsere ganze moderne Zeit. Irgendwie ist das Tretter doch alles etwas suspekt. So fragt er sich zum Beispiel, wo eigentlich die ganzen Spießer hin sind? Die gebe es ja heute gar nicht mehr. Mit einer Ausnahme. „Die Identitären sind die Spießer der Post-Post-Moderne“, so der Kabarettist. Identitäre, das seien Leute, die glaubten man habe nur eine einzige Identität im ganzen Leben. „Wenn sie morgen vor der Arbeit in den Spiegel schauen und dann nochmal nach der Arbeit in 38 Jahren, sind sie immer noch derselbe“.

Ein besonderes Merkmal der Identitären sei zudem, dass sie immer gleich beleidigt seien. Zum Beispiel, wenn man sie Rassisten nenne. Dann würden sie sofort drauf bestehen, dass sie doch Ethnopluralisten seien. „Ethnopluralisten, so nennen sich Rassisten, nachdem der Unternehmensberater da war“. Das Thema Sprache hatte es Tretter bei seinem Auftritt in Lauda sowieso angetan. Etwa das heute alles so seltsame Namen bekomme. So kenne er einen Blumenladen, der sich „Werkstatt für florale Objekte“ nenne. Aber eigentlich würde Tretter bei diesem Trend auch gerne mitmachen und ein Bordell mit den Namen „Institut für humane Penetrationshydraulik“ eröffnen.

Politik und Sprache

Beim Thema Sprache konnte der Würzburger Politkabarettist natürlich auch das Thema Politik nicht außen vorlassen. Sein Rat: Den Rassisten und Sexisten die politisch inkorrekte Sprache wieder wegnehmen. In Zukunft solle man eben wieder zu Bimbo-Musik mit seiner Ossi-Trulla tanzen und dann auf dem Heimweg noch beim Mullah-Grill vorbeigehen.

Die Macht der Sprache machen sich auch Populisten zu Nutze. Diese seien eigentlich Linguisten, weil sie bestimmen würden, wer per Definition „völkisch“ sei. Und der Großteil der Bevölkerung sei dies nicht. Das Deutschland in der Vorstellung der Populisten sei quasi ein Volk ohne Gesellschaft. „Wie Nordkorea mit Kim Jong Gauland“.

Aber nicht nur die Gegenwart bereitet Tretter Kopfzerbrechen, sondern auch die Zukunft. Die Prognosen der Technologiepropheten aus dem Silicon Valley findet er wenig verlockend. „Das Ziel ist 95 Prozent Arbeitslosigkeit“. Dann habe jeder 30 Tage Urlaub, und zwar im Monat - auch im Februar. Und ob das so eine gute Idee ist? Denn vermutlich könnten die meisten Leute damit gar nicht umgehen, schließlich würde schon heute der meiste Blödsinn in der Freizeit angerichtet. jer