Lauda / Königshofen

Theater Relatief Vorpremiere des Stücks „Die lächerliche Finsternis“ im Kulturschock

Von einer Reise ins eigene Ich

Reisen bildet – sagt man. Im 21. Jahrhundert scheint diese Zuversicht verloren gegangen zu sein. Reisen heutzutage führen in die Dunkelheit. Einen Ausweg gibt es nicht.

Königshofen. Erkenntnisse sind fragwürdig geworden. Davon handelt „Die lächerliche Finsternis“, eine Arbeit des jungen Dramatikers Wolfram Lotz. Regisseur Tobias Endres hat das Stück mit dem Theater Relatief in einer bearbeiteten Version auf die Bühne gebracht. Am Mittwoch war Vorpremiere im Kulturschock.

Auf die Reise gehen zwei Bundeswehrsoldaten. Sie suchen einen Oberstleutnant. Der ist in der Wildnis wahnsinnig geworden, hat zwei Kameraden getötet. Er befindet sich im Herzen der Wildnis der Globalisierung. Da gibt es einen gefangenen somalischen „Neger“, der davon erzählt, wie die wohlhabenden Nationen die heimischen Fischgründe leergefischt haben und er darüber zum Piraten geworden ist.

Da gibt es ein italienisches Blauhelmlager, in dessen Schutz sich Eingeborene vor den Übergriffen der Taliban schützen und zugleich Rohstoffe für den Westen abbauen für die weltweite Handyproduktion. Sie treffen einen durchgeknallten Reverend, der die Eingeborenen zum rechten Glauben und zu mehr Freizügigkeit bekehren möchte. Schuld und Unschuld fließen immer mehr ineinander. Taliban, Nato, Afghanistan – alles wird hier eins und verschwimmt.

Wuchernde Welt

Die beiden deutschen Offiziere reisen weiter, auf der Suche nach dem Deutschen, um diesen zu liquidieren. Weiterreisen bedeutet aber auch: sich selbst weiter verstricken in der immer monströser werdenden Natur, der wuchernden Welt, der Wildnis.

Plötzlich totale Finsternis. Der Mann, den sie suchen, taucht auf. Er hat die Reise längst hinter sich und deutet sie als Reise ins eigene Ich, in das eigene Unbewusste, in den eigenen Anus, in die Wildnis und Finsternis des eigenen Körpers. Am Ende dieser Weltreise bleiben nur das Ich und seine Existenz – doch auch das ist fragwürdig und droht in dieser „lächerlichen Finsternis“ verloren zu gehen.

Das Publikum bekommt bei dieser vielleicht ambitioniertesten Produktion des Theaters Relatief einiges geboten. Mit den Akteuren geht es auf die Reise.

Vom Kulturschock in Königshofen fährt man im Bus den Fluss „Hindukusch“ hinauf bis zur Missionsstation Reverend Carters, einer alten Industriehalle am Laudaer Bahnhof. Unterwegs steigen weitere Schauspieler zu und kommen ins Gespräch. Unversehens sind die Zuschauer mitten im Geschehen. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion wird fließend.

Tobias Endres’ Regieeinfälle spornen die Akteure zu Höchstleistungen an. Hiner Ali und Christoph Adam sind als somalische Piraten ein kongeniales Paar, das um eine gemeinsame Kommunikation ringt. Wittgensteins Paradigma, dass die Grenzen meiner Sprache, die Grenzen meiner Welt bedeuten, setzen sie damit eindrucksvoll außer Kraft.

Die Rollen der Soldaten Oliver Pellner und Stefan Dorsch sind mit Burkard Peterle und Lothar Lempp beziehungsweise Brigitte Breitenstein und Cornelia Fibich-Buchner doppelt besetzt. Der geschlechtsspezifische Ansatz ergibt interessante Nuancen in der Darstellung.

Auch die Nebenrollen können überzeugen. Thomas Nitschke hat als italienischer Offizier die Lacher auf seiner Seite. Andreas Berge gibt einen verstörend durchgeknallten Reverend Carter. Martin Weißenberger (Stojkovic) und Andrea Baumann (Sanja Stojkovic) stellen Fragen nach Schuld und Vergebung.

Intensive Inszenierung

Deutinger (Barbara Ernst-Hofmann) ist schließlich Sehnsuchtsziel und Projektionsfläche zugleich. Sein Erscheinen markiert die existentialistische Wende. Die Reise durch die „Regenwälder Afghanistans“ ist letztlich eine Entdeckungsfahrt in die menschliche Psyche. Der Abgrund, den sie offenbart, führt ins Dunkel. Einen Ausweg – zumindest diese Erkenntnis vermittelt die beklemmend intensive Inszenierung des Theaters Relatief – gibt es nicht.

Die Reise in „Die lächerliche Finsternis“ kann noch an folgenden Terminen gebucht werden: Mittwoch, 18. April, Donnerstag, 19. April und Sonntag, 22. April, jeweils um 19 Uhr, sowie Freitag, 18. Mai um 19.30 Uhr.

Die Vorstellungen am Freitag, 4. Mai, und Samstag, 5. Mai, sind bereits ausverkauft.