Leserbrief

Leserbrief Zum Leserbrief "Hilfe vor Ort ist der richtige Weg" (FN 7. Oktober)

Asyl ist und bleibt ein Menschenrecht

Mit Entsetzen musste ich feststellen, welch polemischer Argumente sich Frau Dr. Baum in ihrem Leserbrief zur Flüchtlingsdiskussion bedient.

Natürlich stammt ein Großteil der Flüchtlinge, die Asyl in Deutschland beantragen, aus muslimisch geprägten Kulturen. Doch die Behauptung, dass religiös motivierte Gewalt zu ihren Werten gehörten, ist erstens eine maßlose Pauschalisierung und zweitens völlig haltlos. Gerade vor dieser Gewalt fliehen die Menschen aus ihrer Heimat.

Die Gewalt ist nicht in der Kultur verankert, sondern wird von religiösen Fanatikern wie der IS ausgeübt. Die Menschen fliehen daher aus purer Angst ums Überleben und schon gar nicht um es sich "hier bequem zu machen". Da eine Asylbeantragung aus dem Ausland und vor allem aus Kriegsgebieten unmöglich ist, flüchten viele Männer unter lebensgefährlichen Umständen, um Asyl für ihre Frauen und Kinder zu beantragen, die die Flucht nach Europa mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überleben würden.

Die Behauptung von Frau Dr. Baum, dass "die 51 jungen, gesunden Männer in Tauberbischofsheim [...] in ihrer Heimat im Kampf gegen den Terror" gebraucht würden, mag wohl am Sonntagsstammtisch der AfD gut ankommen, kann aber kein ernst gemeintes Argument gegen die Asylbeantragung sein. Alle dieser 51 Männer haben Einzelschicksale erlitten, die wir uns in keinster Weise vorstellen können. Außerdem sind diese Männer keine Soldaten. Also, wer gibt Ihnen das Recht, Frau Dr. Baum, Menschen aufzufordern in einen Bürgerkrieg zu ziehen?

Die Flüchtlingssituation in Deutschland ist lange nicht so dramatisch wie im Leserbrief von Frau Dr. Baum dargestellt, und erst recht keine Gefahr für unsere innere Sicherheit. Die Mehrheit der Flüchtlinge sind gar nicht in der Lage große Wege zurückzulegen und bleiben daher Binnenflüchtlinge in der Herkunftsregion.

In den Nachbarstaaten wie Libanon oder Jordanien halten sich derzeit rund 2,6 Millionen Flüchtlinge auf (Quelle UNHCR), so dass im Libanon mittlerweile jeder vierte Mensch ein Flüchtling ist. Dies ist eine bemerkenswerte Hilfeleistung, wenn man bedenkt, dass dieses Land in etwa nur halb so groß wie Hessen ist. Doch damit stößt der Libanon mit der Hilfe vor Ort eben an seine Grenzen und benötigt dringend mehr internationale Unterstützung in Form von Hilfsgütern.

In Deutschland dagegen wurden 2013 nur 109 580 Asylanträge gestellt (Quelle Stat. Bundesamt). Damit kämen auf 1000 Bürger 1,4 Flüchtlinge. Als eines der reichsten Länder der Welt ist es unsere Pflicht, diese geringe Anzahl an Flüchtlingen zumindest temporär aufzunehmen und ihnen menschenwürdige Bedingungen zu schaffen. Daher sei allen ehrenamtlichen Helfern an dieser Stelle höchstes Lob ausgesprochen.

Schon jetzt verhindert die EU durch ihre Grenzpolitik geordnete, menschenwürdige Flüchtlingsströme, so dass immer wieder verzweifelte Flüchtlinge, unter ihnen auch Frauen und Kinder, den lebensgefährlichen Seeweg über das Mittelmeer suchen.

Die Folgen dessen wurden uns am 3. Oktober 2013 vor der Insel Lampedusa schmerzlich bewusst. Eine Verschärfung der EU-Grenzpolitik wäre feige und unmenschlich, Frau Dr. Baum, denn Asyl ist ein Menschenrecht.