Leserbrief

Leserbrief Zu "Hotel- und Gastronomiebetrieb als Nachnutzung wünschenswert" (Samstag 11. Januar 2014)

Dem Verfall tatenlos zugesehen

Schon bei unserem Umzug in die Gemeinde Königheim vor mittlerweile sechs Jahren fiel uns das imposante Mühlenanwesen am Ortseingang von Königheim ins Auge. Es war uns damals ein Rätsel, wie ein solch schönes und vollständiges Ensemble eines Dreiseithofs derart vergessen werden konnte. Wir vermuteten hinter dem Desaster -wie es ja leider häufig der Fall ist- eine zerstrittene private Erbengemeinschaft.

Mittlerweile wissen wir es besser: Das Anwesen, dessen Verfall man seit Jahrzehnten tatenlos zugesehen hat, befindet sich - traurig aber wahr - in Gemeindebesitz. Nun ist der "unabwendbare" Einsturz der ehemals schmucken Scheune natürlich nur das Resultat einer jahrzehntelangen Unterlassung. Zuletzt waren die Schäden einfach so groß, daß eine Rettung nicht mehr möglich war. Mit einer neuen Dacheindeckung hätte man - zumindest vermutlich bis vor zehn Jahren noch - den Bestand weiter sichern können. Wo ein Wille ist, ist ja bekanntlich auch ein Weg. Aber für ihre historische Bausubstanz scheint der Gemeindeverwaltung ja leider jeder Euro zu schade zu sein.

Wie Hohn erscheint da die Hoffnung des Gemeindeoberhaupts auf eine Nachnutzung des nunmehr verstümmelten und letztlich wohl zum Untergang verurteilten Anwesens als Hotel- und Gastronomiebetrieb. Welcher Investor plant einen solchen touristischen Betrieb in einer Gemeinde, die dem Verfall ihrer Kulturgüter so schulterzuckend zusieht?

Dabei stellt die Scheune der Kunstmühle ja keinen Einzelfall dar. Regelmäßig fallen Gewölbekeller, historische Hoftore und Bruchsteinmauern der Spitzhacke zum Opfer. Hier ist dringend ein Umdenken nötig - gerade in einer Gemeinde wie Königheim, die durch das Hochwasser von 1984 so viele Verluste an ortsbildprägenden Bauten hinnehmen msste.

Eines ist jedenfalls klar: Kein Tourist verirrt sich in einen Ort, dessen einzige Attraktion in Neubaugebieten besteht, die von Mittenwald bis Flensburg in ganz Deutschland gleich aussehen.

Nur wer versteht, dass die heute noch erhaltenen Baudenkmale unsere regionale Identität darstellen und daß die historischen Ortskerne das unverwechselbare Gesicht der Ferienregion Taubertal sind, der wird auf Dauer die Attraktivität unserer Orte sichern können.

Dabei geht es nicht darum, aus jedem Ort ein Freilichtmuseum zu machen. Trotzdem stellt jedes abgebrochene Fachwerkgebäude und jede eingerissene Bruchsteinmauer einen unwiederbringlichen Verlust dar. Denken wir an unsere Kinder: Auch sie haben noch ein Recht darauf, zu sehen und zu erfahren, wie unsere Vorfahren gelebt, gewirtschaftet und gebaut haben.

Lernen kann man von den alten Bauten nämlich allerhand: In puncto Nachhaltigkeit stellen sie alle heutigen Bauten in den Schatten und überstehen mühelos Jahrhunderte.

Mit ihrer ausschließlichen Verwendung regionaler, natürlicher Baustoffe haben sie ebenfalls Vorbildcharakter. Lassen wir also nicht verfallen, was Generationen vor uns teilweise unter schwierigsten Bedingungen erhalten und gepflegt haben - wir haben alle etwas davon.