Leserbrief

Hier hat der Leser das Wort Zur Sitzung des Stadtteilbeirats Reinhardshof (FN, 1. Juni)

Papa hat nicht immer recht

Mein Papa hat immer Recht. In Wertheim. Noch.

Was ist eigentlich der Zweck einer öffentlichen Stadtteilbeiratssitzung und warum gibt es derer so wenige? Jedenfalls hat die jüngste Sitzung trotz fast drei Stunden Dauer gezeigt, dass eine Sitzung maximal (!) pro sechs Monaten zu wenig ist.

Seit sechs Wochen habe ich nichts mehr aus dem Kreis gehört aber in fünf Monaten darf ich wieder was hören. In meinen Augen war die Sitzung eher eine Publicity-Veranstaltung, die einen Anschein von Demokratie wecken soll. Kein „green washing“, sondern ein „democracy washing“.

Wir wurden über einen wahrscheinlichen Zubringer zum Gewerbegebiet informiert und über die Ausbreitung des Gewerbegebiets. Dann wurde mal kurz „geschimpft“ über die Naturschützer; wer will schon eine intakte Natur? Lieber noch mehr Straßen und blühende Betonklotze am Straßenrand.

Reden durften wir Teilnehmer aber auch. Über die Parkplätze an der Schule und die Verlängerung eines Lärmschutzwalls um einige Meter. Aber, wollen wir Anwohner am Reinhardshof einen neuen Zubringer? Wollen wir auf unser Erholungsgebiet zugunsten eines größeren Gewerbegebiets verzichten?

Nein, für Meinungsaustausch dazu war kein Platz. Unser Stadtteilbeirat weiß, was unser Stadtteil will. Woher? Mir ist das nicht klar. Und wie demokratisch ist ein Ortsteilbeirat in Wertheim eigentlich? Ich verbinde mit Demokratie auch ein Wahlrecht. Gewählt habe ich aber noch nicht. Dann wenigstens bürgeroffen? Ja, so ähnlich wie die Wertheimer Straßenmeisterei; „Wir wollen unsere (Pflege-)Praxis grundsätzlich beibehalten und nicht ändern“. Tja, auch unsere beziehungsweise die Stadtteilbeiräte wollen wohl nichts ändern?

Der Beirat hat eine Meinung, und das ist unsere, sprich meine Meinung? Ja, ich bin erwachsen, aber natürlich hat mein Papa recht? Ja, anno 1918 hatte er da wohl recht; aber anno 2018 ist er damit im Unrecht. Entschuldigung, aber als Einwohner habe ich eine Meinung zum Reinhardshof. Und es wurmt mich, dass der Beirat nicht nach meiner, unserer Meinung fragt.

Ach ja, und in eigener Sache. Ein bisschen Tempo 30 am Reinhardshof? Finde ich gut. Aber gerne mehr davon. Und unbedingt auch am Halbrunnenweg. Denn der wird gerne als Abkürzung Richtung Vockenrot genommen. Spart ja einige Meter. Und jedes Jahr gibt es mehr Fahrer, die diese einige Meter sparen wollen; auch viele Lkw-Fahrer. Konnte ich früher noch mit offenem Fenster schlafen, so geht das schon lange nicht mehr. Dazu kommt die Gefährdung der Anwohner. Denn inzwischen haben Menschen hier gebaut, ein Pizza-Dienst ist angesiedelt (Besucherverkehr). Der Bürgertreff liegt direkt am Weg und der Fußgängerweg ist für viele Kinder der Weg zum Kindergarten. Ich plädiere darum für Tempo 30 den Halbrunnenweg und für den ganzen Reinhardshof (und den Wartberg, falls die Wartberger das wollen) und für die Verkehrsregelung „Rechts vor links“.

In Österreich gilt in Ortschaften oft Tempo 30 (außer an der zentralen Durchgangsstraße). In Freiburg gilt sogar auf einer Bundesstraße nachts Tempo 30, demnächst auch tagsüber. Also gerne mehr Mut für den Reinhardshof.

Und am Rande: Meine Frage zu „meinen“ Halbrunnenweg und Tempo 30 wurde auf der Sitzung nicht beantwortet. Die Antwort wäre wohl auch, dass der Halbrunnenweg zum Wartberg gehört (sehr unlogisch) und der Reinhardshof somit nicht zuständig sei. Also dürfte der Stadtteilbeirat seine Hände in Unschuld waschen? Und nichts tun? Erinnert mich an Pontius und Pilatus.

Nein, wir Anwohner werden nicht gefragt. In Wertheim wird alles lieber im stillen Kämmerlein unter Freunden geregelt. Auf den Plätzen wird dann das Wort verkündet. Wir dürfen vielleicht noch über die Flugbahnen der Fliegen reden, die sich durch den Zubringer ändern. Über die Autos und die Vernichtung der Natur reden unsere Papas. Aber ich mache lieber Schluss. Sonst kommt Papa mit seiner Fliegenklatsche. Platsch und . . . Ende.