Limbach

Schmerzlicher Verlust für die Balsbacher Ab August können sie nicht mehr „bei’s Franze“ einkaufen

Bäckerei und Laden gehören bald Vergangenheit an

Archivartikel

Balsbach.Ende Juli gehen in Balsbach drei Generationen Bäckerei und Gemischtwaren-Laden Roos zu Ende. Es ist ein schmerzlicher Verlust für die Infrastruktur des 315 Einwohner zählenden Odenwalddorfes, aber auch für die nähere Umgebung mit ihren seit vielen Jahren treuen Kunden. Bäckerei und Laden gehören ab August der Vergangenheit an.

Die 1990 vorgestellte Familienchronik von Otto Roos (1913-2008) und die Badische Handwerkskammer mit der Handwerksrolle für die Bäckerinnung Mosbach weisen drei Bäckergenerationen „bei’s Franze“ – so der Hausname – aus.

Demnach eröffnete am 1. Mai 1900 Valentin Roos (1876 bis 1940) in dem im April desselben Jahres gekauften Haus eine Backstube. In der Vorgeschichte dieses laut Grundstein 1872 erbauten Gebäudes werden u. a. ein Gastwirt, ein Kaufmann und zwei Bäcker als Besitzer erwähnt, dazu die Führung einer Gaststätte sowie im Kaufvertrag von 1903 neben landwirtschaftlichen Gebäuden und Gerätschaften, Mobiliar, Grundstücken und Wald auch eine Ladeneinrichtung.

Valentin Roos stammte aus der Nachbarschaft, dem ehemaligen „Klotzehäusle“, Ecke Wagenschwender Straße/Campingstraße auf der Talseite. Er erlernte das Bäckerhandwerk im „Prinz Carl“ in Buchen, arbeitete dort in der Gaststätte und Bäckerei „Roß“ und danach in Hagsfeld.

Von 1900 bis zum Ersten Weltkrieg betrieb er mit seiner Frau Maria, geb. Kaiser (Heirat 1903) die Bäckerei und einen Krämerladen, daneben eine kleine Landwirtschaft mit zwei Kühen. Gesundheitlich angeschlagen durch den Krieg, konnte er den Bäckereibetrieb nicht weiterführen, bis 1925 Sohn Karl (1910-1977) seine Lehre begann.

Dieser fand nach der Gesellenprüfung 1928 auf der Wanderschaft vorübergehend Arbeit in einem Sanatorium in Göppingen. Auf die Meisterprüfung 1937 folgten wenige Jahre später der Einzug zum Kriegsdienst und französische Kriegsgefangenschaft, aus der er kurz nach Kriegsende heimkehrte. 1946 und 1947 starben seine Frau Hilda, geb. Münch (Heirat 1944), und die Kinder Ursula und Josef.

Karls Mutter und Geschwister hatten Ladengeschäft und Landwirtschaft während des Kriegs weitergeführt. Nun wurde auch der Bäckereibetrieb wieder aufgenommen. Nach der Heirat mit Amalie, geb. Link (1913-1982), von der „Rose“ in Mudau, erfolgte im Mai 1948 die Übernahme von Anwesen und Geschäft.

Sohn Edgar, geb. 1949, absolvierte seine Bäckerlehre 1963/64 im heimischen Betrieb und von 1964-1966 in der Bäckerei Hagendorn in Strümpfelbrunn, wo er auch bis 1977 arbeitete (Meisterprüfung 1976). 1975 übernahm er Anwesen und Geschäft, das er mit Frau Ingrid, geb. Schork aus Wagenschwend, bis zuletzt als Familienbetrieb führte - mit zahlreichen „kundenfreundlichen Besonderheiten“. So bekamen die Wagenschwender seit Jahren im Haustürservice täglich die Brötchen an die Klinke gehängt – eine zeitaufwändige Arbeit. Jahrelang erfolgte in beiden Ortschaften samstags ein Kofferraumverkauf von Haus zu Haus.

Schwägerin Isolde, die am Samstagmorgen hinter der Theke stand, kannte die Backwarenwünsche fast aller Kunden und wusste, ob lieber „hell oder dunkel gebacken“ bevorzugt wurde. Auch Edgars „Brezen“, äußerst schmackhaft und lange weich und frisch, werden fehlen wie die schon zur Tradition gewordene Beteiligung an der „Aktion Minibrote“ an Erntedank, der Besuch der Kindergartenkinder und die Brotteiglieferung für das Backhaus am Wagenschwender Museumsfest. Dort wird die Teigmaschine weiter ihre Dienste tun.

Acht Lehrlinge arbeiteten in der Bäckerei: Karl, Otto und Viktor Roos (aus der Familie), Florian Hutfluß (wohnte als Heimatvertriebener im Haus), Gottfried Christ (Krumbach), Leonhard Schork (Balsbach), Karlheinz Gräber (Mudau) und Edgar Roos.

Viele Balsbacher erinnern sich noch, dass früher samstags die Backwaren mit dem Bäckerkorb auf dem Rücken und dem Fahrrad oder von den Bäckerskindern mit dem „Ziechwächele“ ausgefahren wurden.

Beliefert wurde der Laden durch die Firma Schanzenbecher (Seckach), die Firma Hartmann (Mosbach), Edeka und die Lebensmittel-Handelsgesellschaft Würzburg. Viele Umbauten und Modernisierungsmaßnahmen erfolgten in den 118 Jahren. nsch