Limbach

Verband der Odenwälder Museen Tagungsband „Vergessene und verdrängte Geschichte(n)“ im Dorfmuseum Wagenschwend vorgestellt

Dunkle Kapitel regionaler Geschichte ausgeleuchtet

Im Dorfmuseum Wagenschwend wurde der Tagungsband „Vergessene und verdrängte Geschichte(n)“ vorgestellt. Das Werk ist Thomas Naumann gewidmet.

Wagenschwend. Zukunft braucht Herkunft und damit Wissen um die Vergangenheit – auch um deren Schattenseiten. In Zeiten zunehmenden Schwarz-Weiß-Denkens und der Verharmlosung nationalsozialistischer Gräueltaten kommt daher der ersten Buchpublikation des Verbands der Odenwälder Museen besondere Bedeutung zu, unterstrichen die Redner bei der Präsentation im Dorfmuseum Wagenschwend.

„Vergessene und verdrängte Geschichte(n)“ lautet der Titel des Bandes, der sich in neun von zehn Beiträgen mit dem „dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte“ befasst und dem langjährigen Vorsitzenden Thomas Naumann gewidmet ist.

Von 1986 bis 2016 leitete Naumann die Geschicke des Verbandes. „Ohne sein Wirken wäre dieses Buch nie Wirklichkeit geworden“, befand Naumanns Nachfolger im Amt des Vorsitzenden, Dr. Jörg Scheuerbrandt.

Dem Leiter des Römermuseums Osterburken wiederum oblag mit Gestaltung und Satz sowie der Redaktion des Bandes die Hauptlast der Arbeit – ebenso ehrenamtlich geleistet wie er 2017 in Kooperation mit der KZ-Gedenkstätte Neckarelz das Kolloquium „Museen und umstrittene Geschichte“ organisierte, dessen Referate das Buch vereint.

Beifall bei der Übergabe

Das fertige Produkt, „dem Thema angemessen“ mit einem grauen Einband versehen, überreichte Jörg Scheuerbrandt unter Beifall an Thomas Naumann.

Dass Rathaus und Museum in Wagenschwend nicht nur harmonisch zusammenarbeiten, sondern als Männerquartett auch so klingen, bewies der „museumseigene“ Chor „Humor“. Heimat- und Museumsverein sowie Ortschaftsrat stecken in dem Namen, erläuterte Dirigent Gerhard Schäfer.

Der war an diesem Abend gleich mehrfach gefragt: Als Museumsleiter stellte er das in vielen Bereichen neu konzipierte Haus vor, als Vereinsvorsitzender war er gemeinsam mit seinem Team umsichtiger Gastgeber, und schließlich zählt er zu den Autoren des 136-seitigen Buches.

„Gut gewählt“, meinte Limbachs Bürgermeister Thorsten Weber zum Ort der Vorstellung. Denn wie der Sammelband wirke auch der Heimat- und Museumsverein Wagenschwend mit seinen Ausstellungen „gegen das Vergessen“ – und dafür sei die Gemeinde dankbar.

Dokumentiert findet sich im ehemaligen Schul- und Rathaus auch die Schießerei mit zwei amerikanischen Spionen am 24. Februar 1945, bei dem ganz in der Nähe vier Menschen ihr Leben verloren.

Allen Autoren sagte Thorsten Weber Dank dafür, dass sie „Spuren unserer nicht immer rühmlichen Vergangenheit“ niederschrieben und so kommenden Generationen erhalten.

„Nicht vollständig aufgearbeitet“

Diesen wichtigen Aspekt betonte auch Landrat Dr. Achim Brötel. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung und der sozialen Medien, „wo Fakten und Fakes leicht ineinander übergehen“, beweise der Verband mit seiner Veröffentlichung Mut zur Verantwortung, „vor allem auch denen gegenüber, die nach uns kommen.“ Das Buch leuchte dunkle Kapitel unserer regionalen Geschichte weiter aus. Die Zeit des Nationalsozialismus sah er „noch längst nicht vollständig aufgearbeitet“; gerade lokale Quellen seien hier „aktiv verschüttet“ worden.

Als umso verdienstvoller stufte er das Gemeinschaftswerk ein und lobte die Initiative der Herausgeber und Autoren. Thomas Naumann als „unermüdliche Triebfeder hinter dem Buchprojekt“ und Dr. Jörg Scheuerbrandts außergewöhnlichen ehrenamtlichen Einsatz würdigte der Landrat nachdrücklich.

Dem Buch wünschte er eine große Leserschaft und fügte die Hoffnung an, dass die „zweifelsohne nachdenklich machende Lektüre“ auch zu selbstkritischen Fragen anregen möge.

Anstöße genug bieten die Beiträge, die Jörg Scheuerbrandt knapp umriss (siehe gesonderter Bericht) und vergaß dabei nicht, den Autorinnen und Autoren sowie insbesondere Thomas Naumann Anerkennung auszusprechen.

Der frühere und jetzige Verbandsvorsitzende waren sich einig, dass die Erinnerung an Opfer des Nazi-Regimes auch den Blick auf Tendenzen in der Gegenwart schärfe.

Dass rechtspopulistische Ansichten so weit in die Mitte der Gesellschaft dringen, hätte er nicht für möglich gehalten, gestand Thomas Naumann ein. Dem entgegenzuwirken, sei daher geboten. Dazu kann auch eine ungeschminkte Geschichtsschreibung ihren Beitrag leisten, war die Botschaft dieser Buchvorstellung. Gerd Layer