Limbach

„Vergessene und verdrängte Geschichte(n)“ Dr. Jörg Scheuerbrandt stellte die Beiträge des Bandes vor

Wie die NS-Diktatur Lebensentwürfe zunichte machte

Wagenschwend.Als „äußerst eindrücklichen und bewegenden Vormittag“ bezeichnete Verbandsvorsitzender Dr. Jörg Scheuerbrandt das Kolloquium, das der Verband der Odenwälder Museen am 21. Mai 2017 in und mit der KZ-Gedenkstätte Neckarelz zum Internationalen Museumstag veranstaltete. „Spurensuche – Mut zur Verantwortung!“ lautete das Motto, und am Ende war die Idee zum Buch geboren.

Ans Licht Geholtes festgehalten

Das bei diesem Treffen „ans Licht Geholte“ soll damit nicht wieder in Vergessenheit geraten, hielt er bei der Vorstellung des Tagungsbands fest.

Wie zu erwarten, berichten außer einem alle Beiträge von Unrecht in der Zeit des Nationalsozialismus und von seinen Nachwirkungen, leitete Scheuerbrandt seine Inhaltsübersicht ein und begann mit einem Kapitel Sozialgeschichte aus dem 19. Jahrhundert: Ralf Egenberger fasst die Geschichte des Tolnaishofes bei Adelsheim zusammen. Ein Dorf, das im 18. Jahrhundert gegründet wurde und sich im Laufe des 19. Jahrhunderts als nicht lebensfähig erwies. Der badische Staat löste das „Hungerdorf“ 1881 auf.

Thomas Naumann stellt „Kinderlandverschickungen“ im nationalsozialistischen Deutschland und ihre Folgen anhand zweier Erinnerungen aus Gerolzahn und Walldürn als eine „unrühmliche Maßnahmen“ der NS-Diktatur vor.

Dieter Gräf zeigt, wie der Krieg den Lebensentwurf des Merchinger Hoferben Karl Hambrecht vollständig zunichte machte. Hambrecht verbrachte ein Fünftel seines Lebens im Krieg und starb in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Karl Heinz Neser erinnert anhand eines Zufallsfundes – eine Postkarte in einem Museum in Slowenien – an die zwangsweise Umsiedlung ganzer Bevölkerungsgruppen aus den besetzten Gebieten ins Reich.

„Besser kann man den bis in die letzte Ebene der Zivilgesellschaft reichenden Wahnsinn des 3. Reiches kaum beschreiben“, meinte Jörg Scheuerbrandt zum Artikel von Gerhard Schäfer über einen verhängnisvollen Vorfall am 24. Februar 1945 im Gasthaus „Zur Linde“ in Wagenschwend. Der Artikel mache aber auch Mut – zeige er doch eindrücklich, dass Spurensuche im Museum auch Jahrzehnte nach jenem unheilvollen Geschehen zu Versöhnung führen könne.

Einem Einzelschicksal folgt Jürgen Kowalewski aus Hamburg: Der norwegische Fußballer Asbjörn Halvorsen war lange Jahre Spielmacher beim HSV, wurde Nationaltrainer in Norwegen, geriet nach der deutschen Besetzung Norwegens als Sportfunktionär ins Blickfeld der Gestapo, wurde 1942 verhaftet und kam in die KZ Natzweiler, Neckarelz und Vaihingen.

Seine „Figur“ aus der KZ-Gedenkstätte findet sich verfremdet auf dem Bucheinband.

Der Verbandsvorsitzende selbst thematisiert die Irrfahrt nicht gehfähiger KZ-Häftlinge in einem Zug durch die Region sowie den Vormarsch der Amerikaner. Deren überraschend schneller Vorstoß durch den Odenwald verhinderte zweimal die Weiterfahrt des Zuges nach Dachau. Auf freier Strecke zwischen Adelsheim und Osterburken harrten 880 geschwächte Menschen drei Tage zwischen den Fronten aus, bis endlich die Kämpfe vorüber waren.

Dass sich „verdrängte Geschichte“ aus jenen zwölf Jahren auch im Kreisarchiv – dessen Bestände in der Regel erst 1945 einsetzen – quasi „retrospektiv“ erschließen lassen, belegt Kreisarchivar Alexander Rantasa mit Beispielen zu den Themen „Kriegsgefangenschaft“ sowie „Heimatvertriebene und Flüchtlinge“. Zeitzeugenberichte von Anneliese Gräf (Merchingen) und Richard L. Johmann (Diedesheim) runden den mit einem Vorwort von Landrat Dr. Achim Brötel eingeleiteten Band ab. Gerd Layer