Main-Tauber

150 Jahre Tauberbahn Erst durch das Anwerben von Arbeitskräften im In- und Ausland konnte das Großprojekt umgesetzt werden

Auch Frauen gehörten zum Gleisbautrupp

Main-tauber-Kreis.Viel Wissenswertes durfte man in den letzten Tagen über die Fertigstellung der Taubertalbahn und ihrer Nebenstrecken aus den Fränkischen Nachrichten erfahren, über Planung und Ausführung von Bahnhöfen, zu überwindende Schwierigkeiten, anfallende Kosten und Belebung der Wirtschaft durch Schaffung diverser Arbeitsplätze.

Ganz wesentlich dazu beigetragen haben in aller erster Linie zunächst die Menschen, durch deren Schweiß und Plage dieses technische Großprojekt erst ermöglicht werden konnte: die Arbeiter und –was verwundert – auch Arbeiterinnen.

Anwerbung in anderen Ländern

Da der Versuch, Arbeitskräfte aus der heimischen, überwiegend in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung zu requirieren, nicht befriedigend ausfiel, wurde die Anwerbung den beteiligten Bauunternehmern überlassen. So findet sich in der Tauber-Zeitung am 14. Juni 1867 folgendes Gesuch: „Zweihundert Eisenbahn-Arbeiter finden bei den Unterzeichneten gegen guten Lohn dauernde Beschäftigung. Rollbahnerverdienst von 1 fl. 45 kr. Bis 2 fl. 9 kr. Gebr. Lapp, Bauunternehmer in Bronnbach bei Wertheim a/M.“

Des weiteren werden in Bronnbach die Bauunternehmer Benonet und Chiono genannt, von denen wir annehmen dürfen, die Anwerbung in ihren Heimatländern übernommen zu haben.

Die Arbeiter sollen überwiegend aus Spanien, Italien, aber auch aus Ungarn und anderen Ländern gekommen sein und wanderten von dem soeben fertiggestellten Streckenabschnitt zum nächsten weiter. Über deren Unterbringung kann nur spekuliert werden.

Einzelne Zimmer zur Mehrfachbelegung mit einfachen Arbeitern waren inseriert, höheren Beamten mit Familie ganze Wohnungen zur Miete angeboten, wie zum Beispiel in Bischofsheim ein ganzes Stockwerk des Franz Michael Steinam’schen Hauses in der mittleren Hauptstraße. Das Gros musste sich jedoch mit Massenschlaflagern begnügen.

Darüber, ob dies in bereitgestellten Waggons oder in großen Gebäuden wie Mühlen oder Gutshöfen erfolgte, schweigen sich die Pfarrbücher der in der Seelsorgeeinheit betroffenen Bahnanschlussorte leider aus.

In Hochhausen hätte sich das sogenannte Hofhaus angeboten, das ja bereits im Dreißigjährigen Krieg die Thilly’schen und später die Napoleonischen Soldaten hatte aufnehmen müssen.

Hingegen gewähren die Matrikel jedoch streiflichtartig Einblick in die Parallelwelt der Wanderarbeiter, getrieben von der gemeinsamen Hoffnung auf ein besseres Leben.

Man erfährt, dass im Jahr 1867 von 34 Kindern acht unehelich geboren wurden, darunter sechs von ledigen Eisenbahnarbeiterinnen. Die Kindesväter waren ebenfalls auswärtige Eisenbahnarbeiter, die sich, wohlbemerkt, allesamt zur Vaterschaft bekannten.

Alle stammten durchweg aus armen Gegenden mit kärglicher Landwirtschaft wie Südtirol, dem Trentino, dem Bayrischen Wald oder dem damaligen Unterdonaukreis. Die Orte heißen Podensoi bei Longarone, Ladis, Nauders, Kirchdorf bei Pfarrkirchen, Arnschwang und Furth bei Cham, Steinweg bei Regensburg, Stachesried bei Kötzing und Schneeberg bei Neuburg vorm Wald. Auch die Paten und Patinnen dazu finden sich unter den Bahnarbeitern.

Sicherlich wäre die Arbeitskraft der jungen Männer und Frauen auch auf den Höfen daheim dringend gebraucht worden, aber die Aussicht, Geld zu verdienen, lockte oder schickte viele in die Fremde. Dass sich Burschen zu dieser Schwerarbeit verdingten, ist verständlich, dass aber wiederholt Eisenbahnarbeiterinnen genannt werden, macht betroffen. Welche Tätigkeit war den Frauen vorbehalten? Gestrüpp roden, hacken, kreilen, Steine lesen oder wurden sie gar als eine Art Marketenderinnen zum Kochen und Waschen für die Trupps angeheuert?

Tödlicher Vorfall

In „Die Tauber“ liest man, 1865 dass es vor einem Grünsfelder Wirtshaus zu einer blutigen Rauferei zwischen einheimischen und ausländischen Bahnarbeitern kam, der für einige Minuten durch das Eingreifen einer sogenannten „Schicks“ aufgehalten werden konnte. Warum der Streit ausgebrochen war, ist nicht vermerkt, jedoch sollte man nicht vergessen, dass die allgemeinen Preise mit dem Bauboom sofort in die Höhe schossen, was den Wanderarbeitern um so mehr zusetzte. Dass die Karriere als Bauarbeiter nach einem blutigen, gar tödlichen Vorfall schlagartig beendet war, versteht sich von selbst.

Auch das Totenbuch Hochhausen offenbart am 23. Dezember 1865 ein entsetzliches Schicksal: „Die ledige Theresia Ebner von Plattling, angeblich 33 Jahre, durch Überschüttung von Stein und Erde beim Eisenbahnbau ums Leben gekommen.“ Ihren Leichnam wird man nicht mehr gefunden haben, denn eine Beerdigung wurde von dem sonst so gewissenhaft eintragenden Pfarrer Dörr nicht erwähnt.

Bei Hochhausen war ein Tunnel in den Fels gesprengt worden, wofür eigens der „Sections-Ballier“ Anton Schön aus Rockenberg, aus dem Großherzogtum Hessen angestellt war. Zusammen mit seiner Frau hatte er zumindest 1866 in Hochhausen gelebt, denn hier starb eines seiner Kinder mit seiben Monaten und ein weiteres wurde im Dezember geboren.

Nach Abschluss der Bauarbeiten fanden viele einheimische Bauern und Handwerker ihr zuverlässiges Auskommen im allgemeinen Bahnbetrieb. Die Männer der ersten Stunde hatten das Glück, einen Posten zunächst als Hilfs,- dann Bahn- oder Schrankenwärter, Bahnexpediteur, Billetverkäufer bis hin zum Bahnhofvorstand zu erheischen und ihr erlerntes, oft wenig einträgliches Handwerk gegen einen gesicherten Verdienst eintauschen und dennoch mit ihren Familien vor Ort wohnen bleiben zu können.

Nachfolgende wurden im ganzen Badnerland versetzt und manches Hochhäuser Mädchen fand unter den Eisenbahnern ihr zukünftiges Glück in der Ferne. IWL