Main-Tauber

Öffentlicher Personennahverkehr Bahnfahrer müssen wegen der Sperrung der Bahnstrecke Würzburg-Lauda auf Busse ausweichen / Ein Selbstversuch

Beim „Frühsport“ mit den Pendlern

Archivartikel

Ein Redaktionsmitglied unserer Zeitung unternahm einen Selbstversuch und fuhr mit dem Bus-Schienenersatzverkehr einmal von Würzburg nach Wittighausen und zurück.

Main-Tauber-Kreis. Sechs Uhr in der Früh’ – für Journalisten ist das eine höchst unchristliche Uhrzeit. Doch hier beginnt mein Selbstversuch am Südbahnhof in Würzburg. Ich will wissen: Klappt das mit dem Ersatzverkehr, jetzt, wo der Tunnel für Züge erst einmal nicht mehr passierbar ist?

Ich löse schnell ein Ticket und steige ein, in die Regionalbahn um 6.02 Uhr nach Kirchheim. Der Zug ist nicht wirklich voll, erst in Geroldshausen beginnt das morgendliche Gewusel: Hier steigt der erste Schwung Schüler zu.

Umsteigen in Kirchheim: Die Uhr zeigt 6.20 Uhr, alles fest nach Plan. Die Haltestelle für den Ersatzverkehr ist nur wenige Meter von den Gleisen entfernt. Kommt der Zug also, wie am Tag meines Selbstversuchs, pünktlich in Kirchheim an, ist der Anschluss bei sieben Minuten Umsteigezeit ohne Probleme zu erreichen.

An der Bushaltestelle finde ich mich in einem bunten Pulk von Schülern wieder. „Aufs Gymnasium nach Lauda!“, lautet die Antwort auf die Frage, wo sie denn zur Schule gingen. Ihr Bus kommt zuverlässig, auf der Straße stehen geblieben ist bei der Kälte bisher noch keiner – wenn man auch manchmal mit etwas Verspätung klarkommen muss. Ein älterer Fahrgast, der nach Lauda zur Arbeit pendelt, bestätigt, was die Schüler sagen.

Und tatsächlich: Der Bus fährt vor – um 6.26 Uhr – auf die Minute genau pünktlich. Der Run auf die begehrten Sitzplätze beginnt. Ich halte mich vorbildlich zurück, finde aber trotzdem noch einen guten Platz. Der Bahnhof in Wittighausen ist schnell und pünktlich um 6.36 Uhr erreicht, die nächste Etappe meiner morgendlichen Fahrt „über Land“. Hier treffe ich auf die ersten Pendler, die aus dem Main-Tauber-Kreis Richtung Würzburg wollen. Zwei Damen aus Wittighausen erzählen mir noch schnell, damit sie den Bus um 6.36 Uhr nicht „verschnappen“, dass der Schienenersatzverkehr aus ihrer Sicht bisher rund läuft.

Ich gehe kurz dorthin, wo normalerweise die Züge abfahren: an das menschenleere Gleis, um den Rückfahrschein zu lösen. Der eigentlich erste größere Kritikpunkt auf meiner Fahrt hat nichts mit dem Ersatzverkehr zu tun und ist eher ein generelles Problem an Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn: Zwanzig-Euro-Scheine nimmt er nicht. Also nach Münzgeld kramen.

Zurück an der Bushaltestelle treffe ich auf weitere Pendler, die auf den Bus um 7.12 Uhr warten. Diese Abfahrtszeit habe ich ganz bewusst gewählt, da dieser Bus offenbar schon öfter zu spät gekommen ist und damit der Zuganschluss in Würzburg gefährdet sei. So zumindest hatte mir das eine Frau aus Zimmern in einem Telefonat in der Redaktion vor meinem Selbstversuch geschildert.

Verspätungen kommen vor

Und dies bestätigt mir auch die erste ankommende Pendlerin. „Der Bus kommt häufig zwei bis drei Minuten zu spät. Normalerweise wartet der Zug in Kirchheim aber“, räumt sie ein. Bisher habe sie es erst einmal erlebt, dass der Zug schon weg war. Ärgerlich für die Dame: „Dann musste ich in Kirchheim eine Stunde auf den nächsten Zug warten.“ Sie müsse aufgrund des Schienenersatzverkehrs aber nicht wesentlich früher aus dem Haus, erzählt die Frau trotz dieser einmaligen „Panne“.

Ein älteres Ehepaar gesellt sich dazu. „Klappt das mit dem Bus?“, fragen sie uns Wartende und berichten, dass sie zu einem Arzttermin nach Würzburg müssten. Sie nutzen den Schienenersatzverkehr zum ersten Mal, erklären sie mir.

Auch der 13-jährige Nils, der die achte Klasse einer Realschule in Würzburg besucht, nimmt den „7.12er“. „Zweimal hat es mit dem Anschluss bisher nicht geklappt. Da hat der Zug nicht gewartet“, erzählt er mir.

Etwas Gutes hat der Schienenersatzverkehr für Nils aber: Der Unterricht an seiner Schule wurde 15 Minuten nach hinten verschoben, weil die Schüler, die auf den Schienenersatzverkehr angewiesen sind, erst später in Würzburg ankommen. „Ich gehe deshalb zur Zeit sogar fünf Minuten später aus dem Haus“, freut sich Nils. Offenbar ist Nils Langschläfer, so wie ich.

Wenn er einmal nicht zur ersten Stunde zur Schule müsse, dann sei der neue Fahrplan aber etwas ungünstig. Dann heißt es früher raus als nötig. Er muss dann ganz normal zur ersten Stunde fahren und in der Schule warten. 7.15 Uhr: Der Bus zurück nach Kirchheim ist da. Wie von der ersten Pendlerin geschildert, leicht verspätet. In Kirchheim wird es beim Umsteigen deshalb etwas hektisch. Eine ganz eigene Form von „Frühsport“: Mit gut 20 Mitreisenden eile ich jetzt von der Bushaltestelle zum abfahrbereiten Zug. Der Zugbegleiter am Gleis behält den Überblick. Alle erreichen den Zug nach Würzburg.

Ersatzverkehr funktioniert

Auch wenn das Umsteigen für mich in Kirchheim etwas unfreiwillig „sportlich“ war, stelle ich nach meinem Selbstversuch fest: Der Schienenersatzverkehr funktioniert reibungslos. Die Pendler, mit denen ich gestern Morgen sprach, nehmen’s gelassen, Sie können mit der Ausnahmesituation gut umgehen.

Ich bin offengestanden trotzdem froh, dass ich nun wieder erst zu für Journalisten „verträglichen“ Arbeitszeiten auf der Matte stehen muss. Hut ab vor all denen, in deren Schlafzimmer schon um fünf der Wecker klingelt. . .