Main-Tauber

Informationsreise Baden-württembergische Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut hörte sich die Anliegen aus Politik und Wirtschaft geduldig und äußerst aufmerksam an

„Der Kreis ist ein Vorbild an Vielfältigkeit“

Archivartikel

Die Kunst des Zuhörens beherrscht Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut. Das bewies die baden-württembergische Wirtschaftsministerin bei ihrer Reise durch den Main-Tauber-Kreis.

Main-Tauber-Kreis. Das Land und seine Wirtschaft kennenlernen. Das hatte sich die promovierte Betriebswirtin bei ihrem Amtsantritt vor zwei Jahren vorgenommen. Am Dienstag kam sie zu ihrer 13. Kreisbereisung in den hohen Norden. Den Tag begann sie in der guten Stube des Main-Tauber-Kreises, in Kloster Bronnbach.

„Der Main-Tauber-Kreis ist ein Landkreis, in dem man gut leben kann“, so Landrat Reinhard Frank. Als dynamischer Wirtschaftsraum rangiere er in der Focus-Studie bei den Aufsteigern des Jahres. „In den vergangenen fünf Jahren sind allein 5000 Arbeitsplätze dazugekommen“, so Frank. Dies sei ein Zeichen, dass es in der ländlichen Region mehr Perspektiven als in den Ballungsräumen gebe. Dort seien Flächen für Neuansiedlungen einfach nicht mehr vorhanden. Als weitere wichtige Wirtschaftsfaktoren stellte er den Tourismus und die Gesundheit mit der Kurstadt Bad Mergentheim und den Krankenhäusern dar.

Sorge hingegen bereite ihm die demografische Entwicklung. Auch die Haltelücken auf der Frankenbahn, das Klimaschutzkonzept, der Breitbandausbau und der Wohnungsbau beschäftige den Kreis und die Kommunen. „Wohnbauflächen sind zwar ausgewiesen, aber es gibt keinen sozialen Wohnungsbau“, so der Landrat.

„Der Main-Tauber-Kreis ist ein Vorbild an Vielfältigkeit“, lobte die Ministerin. Sie versprach, den ländlichen Raum zu unterstützen, damit er sich weiterentwickeln und den Fortschritt stemmen könne. Zu Mobilfunklöchern meinte sie: „Wo der Markt versagt, muss der Staat aktiv werden.“ Gespräche mit den drei großen Anbietern Telekom, Vodafone und Telefónica würden geführt.

Für ausreichenden und bezahlbaren Wohnraum im Land sei eine Wohnraumallianz gegründet worden, die alle Akteure an einen Tisch bringen will. Die Fördermittel habe das Land massiv erhöht. Es gelte, kommunale Wohnungsbaugesellschaften als Partner einzubeziehen. Teilweise legten Kommunen Quoten für den sozialen Wohnungsbau fest, informierte sie über einen Lösungsansatz.

Von der Region für die Region

„Wir haben den Scheitelpunkt überschritten“, meinte Hoffmeister-Kraut zum Fachkräftemangel in Unternehmen und leitete so zum Austausch mit Protagonisten vor Ort ein. Prof. Dr. Seon-Su Kim von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, Campus Bad Mergentheim, stellte Projekte von der Region für die Region vor. So sei ein Zentrum für internationale Fachkräfte, das für Abiturienten aus EU-Ländern sowie gut qualifizierte Flüchtlinge ausgelegt sei, auf den Weg gebracht worden.

Lehrer in anderen EU-Ländern nähmen eine Scharnierfunktion ein. Junge Menschen könnten in Deutschland lernen und studieren, um später in ihrer eigenen Heimat in Auslandsniederlassungen deutscher Unternehmen zu arbeiten. Vor allem Frauen, so Kim, würden von Fächern wie Wirtschaftsinformatik oder Elektrotechnik angesprochen.

Zudem stellte der Campusleiter das in Bad Mergentheim entwickelte Kompetenzcluster Digitalisierung und Open Labs vor, in dem neue Studiengänge konzipiert und die Digitalisierung der Gesellschaft und deren Bedeutung in den Blick genommen werden. Gerade Kommunen im ländlichen Raum könnten von speziell für diesen Bereich ausgebildeten Fachleuten profitieren.

„Es ist wichtig, das Thema Digitalisierung in der Fläche zu diskutieren“, stimmte die Wirtschaftsministerin zu. Denn man müsse die Menschen dort abholen, wo sie zu Hause sind. Deshalb seien im Land zehn regionale „Digital Hubs“ gegründet worden, in denen unterschiedlichste Kompetenzen, Technologien und Kreativität gebündelt werden sollen.

Ganz praktische Probleme sprachen die Wirtschaftsvertreter an. Michael Szabo, Innungsobermeister für das Kfz-Handwerk, sprach von steigenden Umsätzen, aber fehlenden Fachkräften. „Wir würden mehr Mitarbeiter einstellen, finden aber keine“, so Szabo zur Situation. Als Gegenmaßnahme schlug er vor, dem Studium eine verpflichtende Ausbildung voranzustellen.

Beim Thema Flüchtlinge merkte er die vielen bürokratischen Hürden an, die eine Einstellung erschwerten. Letzterem stimmte Sonja Scherer, Geschäftsführerin von Spinner Landtechnik, Sanitär, Heizung zu. Schulische Hilfen seien für Flüchtlinge ausbildungsbegleitend dringend erforderlich.

Auch Jörg Aeckerle, Geschäftsführer der der gleichnamigen Holzbaufirma monierte: „Die Administration frisst uns auf.“ Vorschriften wie die Datenschutzgrundverordnung würden allen gleichsam, egal ob Kleinstbetriebe oder Großunternehmen, übergestülpt. Außerdem bat er die Ministerin, die Landesbauordnung mit ihren vielfältigen Restriktionen zu entschlacken. Innungsobermeister Gerhard Baumann plädierte, auch kleine Fachklassen vor Ort zu belassen, da ansonsten Berufe vom Aussterben bedroht seien. Zudem forderte er als Ausbildungsvoraussetzung klare Richtlinien, wer von den Flüchtlingen da bleiben dürfe und wer nicht. Baumann: „Wir brauchen ein Einwanderungsgesetz.“

Ausbildungsbotschafterin Lorena Klingert merkte an, dass die duale Ausbildung in den aufs Studium orienten Gymnasien oft unterginge. Ihrer Mitstreiterin Julia März ist es wichtig, zu verdeutlichen, dass der berufliche Weg nach einer Ausbildung noch lange nicht aufhört.

Aufmerksam verfolgt hatte Nicole Hoffmeister-Kraut die Ausführungen. Bei der Novellierung der Bauordnung sei man bereits auf der Ziellinie, kündigte sie eine Neufassung für Anfang 2019 an. Kleineren Betrieben riet sie, egal ob bei der Digitalisierung oder bei der Nachwuchsgewinnung, Strategien zu entwickeln.