Main-Tauber

Land und Leute Der Rauenberger Günter Wamser wagte sich auf einer alten Yacht von Wertheim bis nach Kuba und hat viel dazu gelernt – in jeder Beziehung

Der Traum vom Segeln ist ausgeträumt

„Was man wirklich will, kann man auch erreichen“, ist die Devise von Günter Wamser. Und so brach der Abenteuer-Reiter wieder auf – diesmal zu sprichwörtlich neuen Ufern.

Rauenberg. 20 Jahre war er mit Pferden unterwegs, ritt von der Südspitze Argentiniens bis hinauf nach Alaska. Doch nun sattelte der 59-jährige Rauenberger um. Es zog ihn zum Wasser. „Segeln sollte meine neue, völlig andere Lebensart werden“, berichtet er im FN-Gespräch. Er träumte von einer Weltumseglung nach Australien.

Ein zweiwöchiger Segeltörn auf der Ostsee war schön und gut – seine Fragen konnte er jedoch nicht beantworten. Also kaufte Wamser sich jede Menge Bücher und ein 45 Jahre altes Boot gleich dazu. Die kleine, neun Meter lange Segelyacht war schon einmal um die Welt gesegelt und hatte somit „Erfahrung“.

Der geborene Autodidakt studierte Wind- und Seekarten, lernte Funksprüche und übte eifrig Wende-, Halse- und Anlegemanöver. „Wenn man von irgend etwas keine Ahnung hat, heißt es nicht, dass man es nicht doch machen kann“, sagt er. In der heutigen Zeit sei alles möglich, man brauche nur den Willen, einen gesunden Menschenverstand, eine praktische, lösungsorientierte Herangehensweise, Lebenserfahrung und ein natürliches Urteilsvermögen. Das nötige Wissen kann man sich seiner Meinung nach mit Büchern und durch das Internet erarbeiten.

Von seinem „Heimathafen“ am österreichischen Mondsee lenkt Wamser das Boot bis hinauf in die Ostsee. Doch auch nach drei Wochen dort ist die Entscheidung noch immer nicht gefallen. „Wenn ich herausfinden will, ob das der richtige Weg für mich ist, dann muss ich ihn einfach gehen.“ Wamser macht klar Schiff. Von der Ostsee holt er das Boot nach Rauenberg, überholt und renoviert es gründlich.

Von nun an hat das „Kind“ auch einen Namen: Er nennt das Boot „Rebelde & Gaucho“ – in Erinnerung an die beiden treuen Pferde, mit denen er über 20 000 Kilometer von Argentinien bis Mexiko geritten war.

Und nun kommt auch noch das Schicksal ins Spiel in dieser Geschichte über Wellen, Wind und Wagemut. Denn seinen künftigen Mitsegler Daniel Salzmann lernt „Greenhorn“ Wamser zufällig bei einem Abendessen mit Freunden kennen. Ganz spontan entscheidet sich der erfahrene Segler, seinen Beruf als Lehrer schon früher als geplant zu beenden und gemeinsam mit Wamser sowie „Rebelde & Gaucho“ den Atlantik zu überqueren.

Das langsame Dahingleiten auf den verschiedenen Flüssen hinunter zum Mittelmeer gefällt Wamser ausgesprochen gut: „Man erlebt die Landschaft aus einer völlig neuen Perspektive und kann wunderbar entspannen“, sagt er. Günther Ascher aus Wertheim ist auf diesem Abschnitt mit von der Partie. In Port-Saint-Louis kommt Daniel Salzmann an Bord. Bereits mit 16 war er das erste Mal mit seinem Vater über den Atlantik gesegelt.

Am 26. Oktober 2017 heißt es „Leinen los“. 20 Jahre war das Schiff am Mondsee gelegen. Genau die Zeitspanne, in denen der Rauenberger mit seinen Pferden unterwegs war. Und nun sind Wamser, Salzmann und das Schiff so etwas wie Schicksalsgefährten. Bald schon geraten die Seemänner in einen heftigen Sturm. Mit der „I’m sailing“-Romantik hat das nichts zu tun.

Doch während das alte Schiff das Spiel mit den Naturgewalten genauso zu genießen scheint wie Salzmann, stößt Günter Wamser bald an seine Grenzen. Aus dem bis in die Haarspitzen motivierten Neu-Segler wird ein Häufchen Elend. Die Seekrankheit hat ihn voll im Griff: „Bei meinen bisherigen Abenteuern war ich immer davon überzeugt, dass ich für jedes Problem eine Lösung finden werde. Wenn du aber seekrank bist, dann ist dir alles egal. Und das ist sehr gefährlich.“

Ein paar Tage später. Die „Rebelde & Gaucho“ segelt durch die Straße von Gibraltar. Starker Wind von Achtern bläht die Segel und treibt die Yacht in flottem Tempo hinaus auf den Atlantik. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit, etwa zehn Seemeilen von der Küste entfernt, entdeckt Wamser ein kleines Gummiboot, „eines, wie es Kinder bei uns in Badeseen benutzen“, berichtet er. Zwei Afrikaner sitzen darin, winken und rufen. Wamser setzt einen Notruf ab.

Zwei Stunden später trifft ein Schiff der Seenotrettung aus Tarifa ein, auch ein großes Marineboot erreicht die Stelle – seine Besatzung hatte Wamsers Notruf ebenfalls gehört. Bei vier Meter hohen Wellen und Windstärke 5 beginnt die Rettungsaktion. Die beiden Flüchtlinge haben nichts dabei, keine Paddel, keine Lebensmittel, kein Wasser.

Die Männer kämpfen gegen den Sturm – und gewinnen. Danach funkt die Seenotrettungsleitstelle einen Dank an Wamser und Salzmann. Noch lange können sie in dieser Nacht nicht schlafen. Sie wissen: Der starke Ostwind hätte die Beiden ohne sie hinaus auf den Atlantik getrieben, dem sicheren Tod entgegen.

Auf Teneriffa vergrößert sich die Crew. Daniel Salzmanns 28-jähriger Sohn Manuel stößt hinzu. Nun teilen sich drei Männer den sieben Quadratmeter „großen“ Lebensraum auf dem Schiff. In Rekordzeit von nur 20 Tagen legen sie die 5000 Kilometer nach Barbados zurück. 20 Tage bei heftigem Wind und meterhohen Wellen. Günter Wamser verbringt die meiste Zeit in seiner Koje: „Die Drehbewegungen des Schiffs machen dich krank. Man fliegt ständig herum, haut sich den Kopf an. Irgendwann ist einem alles egal, auch das eigene Leben.“

Geschlafen hat er in der „Hundekoje“. Wamser erklärt: „Auf einem Schiff befindet sie sich gleich unten rechts am Navigationstisch. Man steigt wie in einen Formel-1-Wagen hinein. Dort kann man nicht herumfliegen.“

Seine Hoffnung auf Besserung erfüllt sich nicht. Und trotzdem ist er vom Segeln fasziniert. Tausende von Kilometern zurückzulegen, nur mit der Kraft des Windes, von einem Kontinent zum anderen zu reisen, ohne dabei fossile Ressourcen zu vergeuden – das gefällt ihm.

Auf Barbados verabschieden sich seine Mitsegler. Günter Wamser entschließt sich, alleine weiter zu machen. Zumindest bis ins 3000 Kilometer entfernte Kuba möchte er kommen.

Navigieren, Segel setzen und bergen, reffen, mit allem, was kommt, umgehen können: Auf dem Weg nach Kuba macht der Rauenberger seine „Meisterprüfung“. In der ersten Nacht alleine wird er zwar wieder seekrank, doch lernt er mehr und mehr, damit umzugehen. Schlaf bekommt er nicht viel als „Einhand-Segler“. Spätestens nach 20 Minuten muss er den Kopf aus der Luke stecken und den Horizont nach Schiffen absuchen.

Die Tage allein mit sich und dem Meer erlebt Wamser besonders intensiv. „Man hat viel Zeit zum Nachdenken“, sagt er. Seine Devise bewährt sich hier draußen auf dem Meer besonders: „Wenn ich ein Problem habe, muss ich es vor einer Reise lösen. Ich nehme es nicht mit“. Und er betont: „Alles, was ich unternehme, ist keine Flucht. Ich bin auch alles andere als ein Draufgänger. Es ging hier nie um Leben und Tod.“

Doch allein an Bord wird ihm etwas anderes immer klarer: „Wenn ich mit meinen Pferden unterwegs war, war für mich immer der Weg das Ziel. Nie hatte ich mein Unterwegssein in Frage gestellt, nie mein Ziel Alaska aus den Augen verloren.“ Doch diesmal war es anders. Er wollte endlich, endlich ankommen.

Seine Route führt ihn von Barbados über die Kleinen und Großen Antillen nach Kuba. Doch nirgendwo hat er das Gefühl, Land und Leute wirklich kennenzulernen. „In den Augen der Einheimischen gilt ein Yachtbesitzer automatisch als reich, auch wenn sein Schiff nicht mehr als ein modernes E-Bike gekostet hat. Die Pferde haben mir immer die Türen zu den Einheimischen geöffnet. Das Schiff hat sie mir verschlossen.“

Nun liegt sie vor Kuba, seine „Rebelde & Gaucho“. Wamser sucht einen Käufer für sie. „Segeln begeistert mich – als Hobby. Wer jedoch so ein intensives Leben führt wie ich, braucht kein Hobby“, sagt er. Der 59-Jährige ist froh, dass er diesen Schritt gewagt, seine Komfortzone wieder einmal verlassen hat: „Sonst hätte ich wohl ewig dem Traum vom Leben auf einem alten Segelboot hinterhergetrauert.“

Wamser wäre nicht Wamser, wenn er nicht schon wieder neue Pläne im Kopf hätte. Dieses Mal aber möchte er unbedingt seine vier Pferde wieder dabei haben. Vielleicht wird er über Asien nach Europa reiten, vielleicht aber auch 25 000 Kilometer vom Pazifik hoch ans Nordmeer und an den Atlantik in Kanada bewältigen, als „Three Oceans“-Tour.

Auf jeden Fall wird auch seine Lebensgefährtin Sonja Endlweber wieder mit dabei sein. Das Segeln hatte sie nicht gereizt. „Wir müssen beide dasselbe Ziel haben, für etwas brennen. Wenn sie nur mitkommen würde, weil ich es mache, ginge das schief“, ist Günter Wamser überzeugt.

Er bereut jedoch keine Minute auf der „Rebelde & Gaucho“. Im Gegenteil. Im Rückblick sagt er: „Die Reise hatte ihren Sinn. Zwei Menschen haben ich aus dem Wasser gezogen – ich sollte wohl dort sein.“