Main-Tauber

Main-Tauber-Kreis Der Trend zum Abitur hat deutschlandweit einen neuen Höchstwert erreicht / 34,7 Prozent haben das Reifezeugnis in der Tasche

Deutlich niedrigere Quote in der Region ermittelt

Archivartikel

Mama Abitur, Papa Abitur, Kind Abitur – ist eine alte Lehrerregel. Sie war aber noch nie so richtig wie heute.

Main-Tauber-Kreis. Fast zwei Drittel aller Kinder, die bundesweit auf einem Gymnasium sind, kommen aus Haushalten, in denen mindestens ein Elternteil Abi oder Fachhochschulreife hat, sagt das Statistische Bundesamt. Der Trend zum Abitur hat deutschlandweit derweil auch einen neuen Höchstwert erreicht: 34,7 Prozent der zuletzt gezählten Schulabgänger hatte das Reifezeugnis in der Tasche.

Verglichen damit liegt die Quote im Main-Tauber-Kreis mit rund 22,1 Prozent Abiturienten niedriger als im Bund. Und in der Bundesliga der Abiturienten liegt der Kreis damit auf Platz 355 unter den 403 im Regionalatlas ausgewerteten Städten, Kreisen und Stadtstaaten, Spitzenreiter mit einer Abiturientenquote von 62 Prozent ist in diesem Vergleich die Stadt Neustadt an der Weinstraße.

Geschichte mit Haken

Die Geschichte hat allerdings auch einen Haken: Es gibt auch einen Trend zu keinem Abschluss: Bundesweit sind es jetzt 5,7 Prozent der Jugendlichen, deren Zukunft damit nicht gerade rosig ist. Im Main-Tauber-Kreis blieben zuletzt 3,9 Prozent ohne jeglichen Abschluss. Im bundesweiten Vergleich bedeutet das für den Main-Tauber-Kreis Platz 52, die niedrigste Quote hat die Stadt Mainz mit 1,2 Prozent jungen Menschen ohne Abschluss.

Jahrelang galt die Abiturientenquote als das Maß aller Bildungsdinge. Besonders bei der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Auf dem Bildungssektor ist die vor allem durch die Pisa-Studie bekannt. Seit dem Bildungsbericht 2017 lobt sie auch das deutsche duale System. Und in der weltweiten Bildungshierarchie ist Meisterbrief inzwischen sogar etwas besser als Abitur, weil dem Bachelor gleich gestellt.

Karriere mit Lehre kann auch finanziell funktionieren, wie Betriebswirtschaftler errechnen können. Erstens, weil Abitur nicht zwingend eine Lehre ausschließt. Zweitens, weil Handwerk bekanntlich goldenen Boden hat. Sagt das Handwerk ja gerne selber und bestätigt die OECD für Deutschland beim Einkommensvergleich. Und drittens, weil der Handwerker von heute auch beispielsweise der Manager von morgen werden kann. „Schuster, bleib’ bei deinem Leisten“, gilt also nicht mehr.

Es gibt aber auch eine Kehrseite der Medaille und die birgt durchaus sozialen Sprengstoff: die Abgehängten. In ganz Baden-Württemberg beendeten 5,2 Prozent junge Menschen die Schulzeit, ohne einen Hauptschulabschluss in der Tasche zu haben. Das ist eine etwas höhere Quote als im Vorjahr mit damals 4,8 Prozent. Deutschlandweit ist der Anteil der Abschlusslosen zum dritten Mal in Folge – nach Jahren mit sinkender Tendenz – wieder leicht gestiegen: und zwar zuletzt von 5,6 auf runde 5,7 Prozent. Allerdings ist diese Zahl statistisch mit Vorsicht zu genießen, weil die Statistiker zwei Gruppen mixen, die nicht in einen Topf gehören: Etwa gut die Hälfte der Schulabgänger ohne Abschluss konnte gar keinen Abschluss machen, denn sie besuchten eine Förderschule. Viele von ihnen eine mit dem Schwerpunkten Lernen oder Geistige Entwicklung, und da wird meist gar kein Hauptschulabschluss angeboten.

Aber selbst wenn alle Förderschüler, sprich bundesweit rund die Hälfte, abgezogen werden, verpasst eine hohe Zahl Jugendlicher die nötige Ausbildungsreife.

Aktuell entfernen sich die Zahlen damit deutschlandweit auch weiter vom Fernziel, das die Bundesregierung beim Bildungsgipfel 2008 ausgerufen hat: Bis 2015 sollte sich die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss von damals acht auf dann vier Prozent halbieren. 5,7 Prozent und Tendenz steigend, wie aktuell zu verzeichnen ist, ist das kein Erfolgswert.

Im Main-Tauber-Kreis entwickelten sich die beiden Gruppen junger Menschen so: 2008 blieben 4,3 Prozent ohne Abschluss, 2013 waren es 4,0 und aktuell sind es 3,9 Prozent. Dagegen machten im Sommer 2016 im Main-Tauber-Kreis rund 22,1 Prozent der Schüler Abitur, und damit weniger als im Vorjahr mit 22,5 Prozent. 2013 hatte die Abiturienten-Quote bei 21,9 Prozent und im Jahr 2008 bei rund 19,0 Prozent aller Schulabgänger den begehrten Abschluss.

Nur die halbe Miete

Für die Bildungspolitik heißt das: Die Abiturientenquote zu steigern, ist nur die halbe Miete. Die Zahl der Abgehängten zu senken, ist genauso wichtig. Denn Mama kriminell, Papa kriminell, Kind kriminell, ist auch eine Gleichung, die viel zu oft aufgeht. Vor allem, wenn die Schule auch ein Misserfolg ist. Im Wissenschaftsdeutsch: „Betrachtet man den Einfluss der Bildungsvariablen auf kriminelle Verhaltensweisen, so zeigt sich, dass der Abbruch einer Ausbildung, ein fehlender Hauptschulabschluss sowie der Besuch der Hauptschule an sich eine signifikante, meist hochsignifikante Rolle bei der Erklärung kriminellen Verhaltens spielen. Aufgrund des Einflusses dieser Variablen ist zu vermuten, dass besonders bei Jugendlichen, die ihren Schulabschluss nicht geschafft haben oder – aus welchen Gründen auch immer – ihre Ausbildung nicht erfolgreich zu Ende führen konnten, ... dazu führen, dass häufiger kriminelle Verhaltensweisen an den Tag gelegt werden und die Gefahr besteht, in die Kriminalität abzurutschen. Um kriminellem Verhalten wirksam vorzubeugen, ist es daher von entscheidender Bedeutung, Jugendlichen Bildungschancen und, damit verbunden, die Aussicht auf ein selbstbestimmtes und glückliches Leben in Beruf und Gesellschaft zu eröffnen.“

Die stand 2010 in der Bertelsmann-Studie „Unzureichende Bildung: Folgekosten durch Kriminalität“ zu lesen.

Samt den Millionenbeträgen, die zusätzliche Kriminelle kosten. Das war 2010, ist bei den derzeitigen Quoten aber immer noch kein Schnee von gestern, sondern mangels politischen Erfolgs das heiße Eisen von morgen. zds