Main-Tauber

Jugendhilfeausschuss Martina Knödler, Leiterin Soziale Dienste beim Jugendamt, informierte über die Situation unbegleiteter minderjähriger Ausländer

Die meisten kommen gut zurecht

Jeder Einzelne hat seine Geschichte, hat sein Schicksal zu tragen. Das beschrieb Martina Knödler, Leiterin Soziale Dienste beim Jugendamt, an Beispielen von unbegleiteten Minderjährigen.

Main-Tauber-Kreis. Regelmäßig informiert werden will der Jugendhilfeausschuss über die unter der Ägide des Jugendamts untergebrachten minderjährigen Flüchtlinge, die in der Regel im Herbst 2015 im Zuge der Flüchtlingswelle in den Main-Tauber-Kreis gekommen sind. UMA, unbegleitete minderjährige Ausländer, lautet ihre Behördenbezeichnung.

Da ist Ali, der im Alter von 16 Jahren nach Deutschland kam, schildert Knödler. Er hat schnell die deutsche Sprache gelernt, sich integriert, kam gut mit anderen deutschen Jugendlichen zurecht. Er machte sich die Werte und Normen, die in der Wohngruppe herrschten, zu eigen und hielt sich daran. Wenn er volljährig ist, möchte er freier sein, hatte er geäußert. Deshalb wurde ihm bei der Wohnungssuche geholfen. Ein Betreuer schaut regelmäßig nach ihm. Mittlerweile absolviert Ali, den Martina Knödler als Paradebeispiel vorstellte, eine Bäckerlehre.

Auch Mohammad, der über das Mittelmeer nach Deutschland kam, ist mittlerweile richtig angekommen. Bei ihm lief es zunächst jedoch nicht so glatt. Er konnte Menschenansammlungen, was für ihn bereits ein voll besetzter Tisch im Esszimmer der Wohngruppe darstellte, nicht ertragen. In der Psychiatrie wurde ihm eine posttraumatische Belastungsstörung attestiert. Immer wieder stahl er sich heimlich davon. Der Umzug in eine Wohngemeinschaft brachte ebenso wenig wie die Unterbringung in einer Gastfamilie. Die Wende brachte der Fußballverein. Das Spiel machte ihm Spaß, er war gut, brachte Leistung, integrierte sich in die Mannschaft. Der Trainer kümmerte sich intensiv um ihn. Heute wohnt er in einer eigenen kleinen Wohnung im Haus seines Mentors und wird vom Jugendamt stundenweise betreut.

Hamoudi wiederum hat dem Jugendamt das beschert, was die Leiterin Soziale Dienste als Supergau bezeichnet. Die ersten sechs Monate lief alles noch gut. Die Unterbringung in der Regelgruppe klappte, seine ältere Schwester hatte die Vormundschaft. Doch dann kippte die Situation. Hamoudi griff Erzieherinnen an, wurde immer wieder gewalttätig. Er flog aus der Gruppe, wurde obdachlos.

Die Schwester hatte das Sorgerecht mittlerweile auf das Jugendamt übertragen, distanzierte sich von ihrem oft alkoholisierten Bruder. Das Jugendamt nahm ihn in Obhut, brachte ihn schließlich in einer Pension mit einem arabischstämmigen Wirt unter. Doch auch das sollte schief gehen. Der junge Mann scherte immer wieder aus. Ein Gespräch mit Hamoudi zu führen sei unmöglich gewesen, berichtete Knödler. Wenn er kam, forderte er Geld. "Er ist aus unseren Händen gerutscht", was das Schlimmste sei, was einem Jugendamt passieren könne. Derzeit sitzt der junge Mann in Untersuchungshaft.

90 unbegleitete junge Menschen werden derzeit vom Jugendamt des Kreises betreut. Bei 33 von ihnen hat das Jugendamt die Vormundschaft. Sechs leben aus unterschiedlichen Gründen mittlerweile außerhalb der Kreisgrenze, sechs sind seit ihrer Ankunft in Gastfamilien untergebracht, 38 leben in speziellen Wohngruppen für unbegleitete minderjährige Ausländer, zwölf in Regelgruppen. 21 im sogenannten akkumulierten betreuten Jugendwohnen - also in einer Wohngemeinschaft, die stundenweise betreut wird - sechs in anderen betreuten Wohnformen und zwei sitzen in Untersuchungshaft. Letztere machen einen Prozentsatz von 2,2 Prozent aus.

"Die meisten jungen Menschen sind mittlerweile zwischen 17 und 19 Jahren alt", so die Leiterin Soziale Dienste, "und bei den meisten läuft es gut". Die Mitarbeiter des Jugendamts und die Betreuer in den Wohngruppen wissen recht viel über die Fluchtursachen und Fluchterlebnisse sowie über die Hoffnungen und Erfahrungen an ein Leben in Deutschland. "Sie haben erfahren, dass sie in Deutschland Leistung erbringen müssen, um sich zu integrieren", stellte sie fest.

Die häufig zitierte Selbstständigkeit, die sie durch die Flucht erlangt hätten, sei oft nur vordergründig. Die Fähigkeit, sich durchzuschlagen sei nicht mit den Anforderungen vergleichbar, die zum Aufbau einer neuen Lebensperspektive in Deutschland notwendig sei. Deshalb brächten sie Hilfe, Beistand und Unterstützung, und deshalb sei der Auf- und Ausbau von Kooperationsstrukturen zwischen den verschiedenen Helfersystemen eine wichtige Herausforderung.

Lediglich eine sehr kleine Minderheit falle negativ durch Regelverstöße, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Straftaten oder fehlende Mitwirkung in der Jugendhilfe auf, betonte sie. "Jeder Jugendliche, den wir gewinnen, ist eine wertvolle Bereicherung für die Ausbildung", wies Landrat Reinhard Frank gerade mit Blick auf die Mangelberufe hin. Martina Knödler informierte, dass sich der Großteil der jungen Menschen entweder auf den Schulabschluss vorbereite oder sich in der Berufsvorbereitung befinde. Thomas Anemüller wies zudem auf die rund 400 Kinder von Flüchtlingen hin, die im Kreis zur Schule gingen. Sie besuchten vorwiegend die Realschule, einige auch das Gymnasium. "Viele Lehrer sind begeistert, weil diese Kinder lernen wollen", meinte er.

Und noch ein Thema sprach er an, dass zuvor schon Werner Fritz, Leiter der Jugendhilfe Creglingen, genannt hatte. Das Drama, Wohnungen zu finden. Für eine Integration würden dringend kleine Wohnungen gesucht, hatte er appelliert.