Main-Tauber

Dreimal gen Osten neigen

Es läuft noch heute, das „Abrisswochenende“ in der Weikersheimer Stadthalle. Also nichts wie hin zu Coverrock und DJ-Party. Denn diese alte, längst und lange baufällige und mithin quasi über-abrissreife Halle muss jetzt mal endlich weg.

Aber Obacht: den Bauarbeiter-Schutzhelm beim Feiern nicht vergessen. Die Halle ist ja – irgendwie jedenfalls – so marode, dass sie nicht mehr geht. Steinschlaggefahr vielleicht. Oder es wird am Ende auch noch Fan-Gestein geklaut wie bei der Berliner Mauer.

Eine Marketing-Idee für Klaus Kornbergers neue Bürger-Hallen-Mitfinanzierung der „Tauphi“. Der Mensch gibt viel lockerer, wenn er was dafür bekommt. Einen Stein. Das kalte Herz. Holländermichel!

Aber was soll man auch jetzt noch hinterherhermeckern und den Abschiedsschmerz alter Weikersheimer auf dem letzten Meter nochmals herbeizitieren? Das Neue ist doch bereits sichtbar. Und „das Neue ist das Bessere“, das hat Hegel oder Marx gesagt. Oder beide. Und dann wird’s schon stimmen.

Hier ein altes Giebeldach, dort ein neuer Schachtelbau. Und der schnöde Beton wird lattenummantelt, dann sieht man ihn wenigstens nicht mehr allzu deutlich. Die Weikersheimer wollten diesen Bau und dass am alten Hallenort Gabionen-Lidl sich ausbreitet, wen stört das schon? Wir müssen doch alle essen und kaufen, kaufen, kaufen.

„Form folgt Funktion“, das ist ein architektonisches Diktum der Moderne und wird als Prügel gerne den Ignoranten entgegengeschleudert, die mit romantischem Käse wie „Schönheit“ kommen, wenn irgendwo wieder so ein hässlicher Quaderkasten hochgezogen wird (ausdrücklich nehme ich in diesem Punkt hier die Weikersheimer Philharmonie von der Beschimpfung aus.)

Richten wir doch lieber den Blick vorbachtalaufwärts zum geplanten Neubau des Umschulungs- und Fortbildungszentrums.

Wie stand’s gestern in dieser Zeitung? „Der zweigeschossige Bau fügt sich gut in das Areal ein.“ Super Argument bei einem viereckigen Klotz mit einer Dachterrassenlücke nach Osten. In „Kalif Storch“ muss man sich dreimal gen Osten neigen und „Mutabor!“ sprechen. Dann verwandelt sich alles.

Die Wohnhäuslein, die man vor dem Neubau im Bild auch noch sehen konnte, wirken wirklich putzig und harmonisch im Zusammenklang mit dem geplanten „Campus“.

Form folgt Funktion. Also – der Quader ist letztlich die Funktion. Lernen und arbeiten in viereckigen Räumen, damit man sich später im Beruf nicht wundert, dass die Firma auch viereckig ist und ein Flachdach aus einer Art Falzblech hat und (damit man den Beton nicht sieht): Lattenummantelung. Lernen im Quadrat, damit man nicht auf dumme Gedanken kommt. „Campus“, das war beim alten Römer übrigens mal ein Feld und keine Ballung von Lernhäusern.

Eine gewisse Lustigkeit ergibt sich in Niederstetten noch dadurch, dass am Bau-Ort früher das (ebenfalls ziemlich klotzförmige, mit den nahen Schul-Bauten korrespondierende) Hallenbad stand. Jetzt wird’s ein noch etwas größeres Klötzchen. Nur Schwimmen kann man drin nicht. Es gibt halt Fördergeld nur für das, was für nötig gehalten wird.

Top war für mich das finale Statement des Architekten: Er habe sich von der „spannenden Umgebung“ inspirieren lassen. Es sei reizvoll gewesen, „da einen Solitärbau umzusetzen“. Naja. Es kann eben nicht alles spannend sein.