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Lesung Bestseller-Autor Gunter Haug las in der Stadtbücherei Schrozberg aus seinem neuen Buch

Ein Schriftsteller, der einfach "die Gosch net hält"

SCHROZBERG.Dass ein Leben zwischen "Wicklesgreuth und Schwäbisch Sibirien" richtig spannend sein kann, das hat der Bestseller-Autor Gunter Haug in seinem neuesten Buch auf 384 Seiten unterhaltsam beschrieben. Der Bogen, den er aus persönlichem Erleben schlägt, wirkt streckenweise wie ein gesellschaftlicher Zeitspiegel, ein Ausflug in frühere Verhältnisse, als die Welt noch anders tickte.

Mit seinen Tatsachenromanen und Lebensbeschreibungen sowohl einfacher Leute, aber auch solcher Größen wie Robert Bosch oder Ferdinand Porsche, hat er sich als Autor längst einen Namen gemacht, wobei ihn das Werk "Niemands Tochter" mit der bewegenden Geschichte des Lebens seiner Großmutter Maria Staudacher aus Rothenburg gleich als Bestseller-Autor platzierte (über eine halbe Million Leser). Letzteres besorgt ihm als gebürtigem Stuttgarter den "fränkischem Migrationshintergrund" wie er schmunzelnd erzählt.

Den Froschkönig besiegt

Dass Gunter Haug als über Sechzigjähriger aus seinen eigenen Lebenserinnerungen locker ein dickes Buch füllen kann, beweist er mit dem jüngsten Werk "Ohne Worte - Wie ich den Froschkönig besiegte".

Darin nimmt er Leser und Zuhörer mit auf eine persönliche Zeitreise und verleitet sie mit so vielversprechenden Titeln wie "Schimmel macht g'scheit", "Der Seggel" oder "Pest, Cholera, von dr Alb ra" zum Hineinlesen, aus dem zwangsläufig schnell ein Schmökern des ganzen Bandes wird, denn man möchte wissen, was dahinter steckt. In der Schrozberger Stadtbücherei konnte Leiterin Anette Brändle zur abendlichen Lesung einen längst bekannten Autor begrüßen. Während ansonsten oft tragische Schicksale geschildert wurden, ist diesmal eine höchst vergnügliche Lektüre angesagt, in der aber trotzdem nachdenkliche und kritische Bezüge stecken.

Seine Kindergartenrolle im Märchenspiel als Froschkönig und Kleinkinderlebnisse des gebürtigen Bad Cannstatters sind augenzwinkernde Einstiege. Wenn er sich dann erinnert, dass Kriegsversehrte zu seinen Kindheitsbildern gehörten, skizziert er nicht nur erheiternde Alltagsbilder aus der Republik der sechziger und siebziger Jahre, sondern Sozialhintergründe.

Zum Beispiel, was es für die Daimler- und Bosch-Leute bedeutete, in der Arbeitersiedlung wohnen zu können mit einem kleinen Gärtchen - in Zeiten, als es noch starke Genossenschaften und einflussreiche Gewerkschaften gab. Im "Epizentrum Untertürkheim" sei er aufgewachsen, betont Haug, und lässt nebenbei literarisch geschickt den gesellschaftlich-sozialen Wandel deutlich werden. So die Zeit, als der Tante-Emma-Laden verschwindet und in Stuttgart der erste Lebensmittel-Markt ein neues Zeitalter einläutet. Dass er als Achtjähriger mit den Eltern auf die Schwäbische Alb nach Gomadingen zieht, erschien wie die Verbannung ins kalte, schwäbische Sibirien. Dann aber erwies es sich doch als gar nicht so schlecht, denn Haug fand später als Gymnasiast am Münsinger Gymnasium Kontakt zur Lokalzeitung und begann seine ungeahnte Medienkarierre beim Alb-Boten, studierte dann in Tübingen Neuere Geschichte und empirische Kulturwissenschaft. 1976 als freier Südwest-Rundfunkmitarbeiter tauchte er journalistisch in die verrückten RAF-Zeiten ein und musste 1977 gleich als Jung-Reporter von den Stammheimer Selbstmorden berichten.

Hörfunk als Sieger

Wechsel zwischen Radio und Fernsehen folgten, bei denen am Schluss der Hörfunk Sieger blieb. Seine Eigenschaft, sich nicht verbiegen zu lassen, Hintergründe gnadenlos aufzudecken und kein Blatt vor den Mund zu nehmen, machte ihn schließlich bei den Rundfunk- und Fernsehoberen recht unbequem. Anstatt zu kuschen riskierte er die Kündigung und hat diese mitten in der Eberstädter Tropfsteinhöhle bei Dreharbeiten von einem SWR-Boten erhalten. Dass er in einem seiner ersten Krimis vom "Spätzlessender" schrieb, war gar nicht gut angekommen. Nach Aufstiegen beim SWR, Nachrichtenchef, Moderator und Abteilungsleiter wäre eine Intendantenkarriere nicht mal so abwegig gewesen, nachdem er sich wieder in den Sender "zurückgeklagt" hatte. Er wählte aber die Karriere als freier Schriftsteller, der "die Gosch net hält". Egal, welches Kapitel der Autor bei seiner Lesung herausgriff, ob Entstehungsgeschichte seiner Bestseller oder die Kindheitstraumata vom Hasenbraten und die köstlichen Lokalreporter-Erlebnisse - es ist sein lustigstes Buch und noch dazu aus wahren Begebenheiten. Mancher Leser wird sich dabei sicher auch an eigene Jugenderlebnisse erinnern.

Gunter Haugs nächstes Buch für 2018 steht an und er verrät, dass es um die "Suppen-Dynastie" der Familie Knorr aus Heilbronn geht. Dieter Balb