Main-Tauber

Weinlese 2017 hat begonnen Die Qualität stimmt, aber die Erträge fallen sehr unterschiedlich aus / Hermann Hohl erwartet "Lese-Sprint"

Existenzen durch Witterung gefährdet

2017 wird für die Wengerter des Weinbauverbandes Württemberg kein "normales Weinjahr". So viel steht für den Verbandspräsidenten Hermann Hohl zum Auftakt der Hauptlese schon fest.

Main-Tauber-Kreis. Hermann Hohl spricht aus eigener Erfahrung: Gemeinsam mit Agrarminister Peter Hauk wagte Hohl in der Wein- und Sektkellerei Schloss Affaltrach (Obersulm) eine erste offizielle Herbstprognose. Die Unterschiede beim Ertrag in den einzelnen Parzellen könnten nicht deutlicher sein, wie auch er in seinen eigenen Weinbergen im Obersulmer Ortsteil Willsbach feststellte. Die können örtlich bei bis zu 50 Prozent niedriger liegen.

Insgesamt gehe der Weinbauverband derzeit von einem Durchschnittsertrag in Höhe von 75 bis 80 hl Weinmost je Hektar aus, allerdings bei großen regionalen Unterschieden. Dies wäre im Vergleich zur Vorjahresernte ein Minus von 25 bis 30 Prozent. Insgesamt sei die Mengenschätzung sehr schwierig, denn besonders stark von den Ernteausfällen betroffen sind auch der Bereich Kocher-Jagst-Tauber und das Weinsberger Tal.

Noch keine konkreten Zahlen

Hier fielen die Temperaturen nach dem viel zu warmen März im Folgemonat April so tief in den Keller, dass schwerste Frostschäden in den Rebanlagen entstanden.

In diesen Tenor stimmte auch Veit Sambeth von den Markelsheimer Weingärtnern ein, die auf einer Fläche von rund 190 Hektar Weinbau betreiben. Zahlen zur erwarteten Menge in den einzelnen Mitgliedsgemeinden wollte er noch keine nennen. Die gemessenen Mostgewichte (Oechslegrade) seien im Durchschnitt der Jahre.

Die rund 300 Mitglieder in Markelsheim, Elpersheim, Schäftersheim, Weikersheim, Hagen, Laudenbach, Ebertsbronn, Vorbachzimmern, Nieder- und Oberstetten haben die Hauptlese mit der Sorte Müller-Thurgau begonnen. Durch die starken Regenfälle der letzten Tage sei die Lese aber ins Stocken geraten.

Es steht also ziemlich sicher fest: Nach extremen Spätfrösten im April wird es einen mengenmäßig deutlich unterdurchschnittlichen Jahrgang 2017 geben. Dafür sei bei reduzierten Erträgen die Qualität sehr hoch, wie in der anschließenden Pressekonferenz zu hören war. Die diesjährigen Oechslewerte hätten die Vorjahreswerte "quasi überrundet", hieß es.

Hohe Öchslegrade

Statt eines Erntemarathons erwartet Weinbaupräsident Hermann Hohl in diesem Jahr einen regelrechten "Lese-Sprint", denn die Trauben sind sehr reif und sollten schnellsten in die Kelter. Angesichts der sehr hohen und im Vergleich zur Vorwoche steil angestiegenen Oechslewerte lautet die Empfehlung des Weinbauverbandes: zügig lesen. Auch wenn die Vegetationsbedingungen im Sommer - abgesehen von lokalen Unwetter- bzw. Hagelschäden - nahezu optimal waren, wird im Verbandsgebiet Württemberg die Durchschnittmenge von 100 Millionen Liter Traubenmost nicht erreicht. "Dafür dürfen sich Verbraucher angesichts hoher Oechslewerte auf beste Qualitäten freuen", so der Verbandspräsident.

Im weinbaupolitischen Teil der Pressekonferenz ging Minister Peter Hauk auf die Wetterextreme und deren Häufigkeit ein, "auf die wir uns wohl verstärkt einstellen müssen". Der Landtag müsse am Ende über die finanziellen Mittel entscheiden. Die Hilfe des Landes wird dann Anfang 2018 ausbezahlt, da die notwendigen Landesmittel erst im Haushaltsjahr 2018 zur Verfügung gestellt werden können.

"Wir streben an, den Betroffenen zur Existenzsicherung bis zu 50 Prozent des Gesamtschadens über einen Zuschuss auszugleichen", sagte der Minister. In besonders begründeten Härtefällen bei sehr hohen Gesamtschäden von über 100 000 Euro und Existenzgefährdung können erhöhte Maximalbeträge gewährt werden.

Dem Ministerium seien im Gesamtverfahren klare Grenzen gesetzt, "die wir aber für unsere Bauern so weit wie möglich ausschöpfen wollen". Am Ende könne das Land nur eine Hilfe zur Existenzsicherung geben. "Leider können wir daher nicht alle Schäden ausgleichen", erklärt der Minister. Das Verfahren wurde mit den Verbänden der betroffenen Erzeuger abgestimmt. Ziel der Landeregierung sei es, die Existenz des heimischen Weinbaus trotz Änderungen des Klimas langfristig zu sichern. Letztendlich gehe es auch darum, einmalige Kulturlandschaften (Steillagen) zu erhalten und Weine aus dem Südwesten als authentische Genussbotschafter weiterzuentwickeln.

Risikovorsorge verstärken

Ein Hauptaugenmerk werde man daher der Risikovorsorge widmen, wobei alle Möglichkeiten der betrieblichen Schadensbeschränkung zu prüfen seien. Mögliche Bausteine zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für den Weinbau seien technische Vermeidungsstrategien, das Schaffen von finanziellen Fonds, die im Schadensfall herangezogen werden könnten, sowie Versicherungslösungen und Versicherungsbeihilfen.

Mehrere Varianten würden derzeit im Kontakt mit Bund und Ländern geprüft. Im benachbarten EU-Ausland gibt es solche Versicherungen bereits. Geprüft werde auch die Einführung einer steuerfreien Risikoausgleichsrücklage für witterungsbedingte Ernteausfälle. Zur aktuellen Bewältigung der Frostschäden vom April können bis zum 30. Oktober Anträge gestellt werden.

Auch zur Neuregelung der Steillagenförderung nahm Hauk Stellung. "Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die ökologisch wertvollen Weinbausteillagen und gewachsenen Weinbaukulturlandschaften zu erhalten", so Hauk. Die Zustimmung der EU-Kommission zur Steillagenförderung ab 2018 liege nun vor. Förderfähig seien nur sehr steile Weinberge innerhalb der Weinanbaugebiete Baden und Württemberg mit einer überwiegenden Hangneigung ab 45 Prozent und Terrassenweinberge, die von Hand bewirtschaftet werden müssten. Mit dem neuen Programm sollen auch Kleinststrukturen gefördert werden, um den Steillagenweinbau in der Fläche zu erhalten. Deshalb sei beim neuen Programm der Mindestauszahlungsbetrag je Antrag auf 150 Euro geplant worden, was einer Mindestantragsfläche von fünf Ar entspreche.

Vorbehaltlich der Bereitstellung entsprechender Haushaltsmittel durch den Landtag im Haushalt 2018/19 sei eine Förderung von bis zu 3000 Euro je Hektar und Jahr vorgesehen. Der Verbandspräsident sieht hier einen gangbaren Weg, über die tatsächliche Höhe des Förderbetrages müsse man aber noch verhandeln.