Main-Tauber

Grünlandbegehung Landwirte informierten sich über angemessene Beweidung von FFH-Mähwiesen

Extensive Nutzung fördert die Artenvielfalt

Archivartikel

Main-Tauber-Kreis.Mit Klappertöpfen grasreiche Wiesen in bunte Blütenparadiese umwandeln: Das ist schon die hohe Kunst der Wiesenpflege und sicher nur etwas für wahre Wiesenexperten. Dies erklärte Lorenz Flad, Geschäftsführer des Kommunalen Landschaftspflegeverbands Main-Tauber (KLPV), bei einer Grünlandbegehung mit Landwirten.

Klappertopf-Arten sind gelblich blühende, so genannte Halbschmarotzer, die zwar grüne Blätter haben, aber einen Teil ihrer Nährstoffe durch das Anstechen der Wurzeln benachbarter Pflanzen beziehen. Unerwünschte Obergräser können durch die Einsaat von Klappertopf-Arten zurückgedrängt werden. Es entsteht wieder Platz für Kräuter. Besser und in den meisten Fällen auch einfacher ist es, bestehende artenreiche Wiesen durch angemessene Bewirtschaftung zu erhalten und vor einer Verschlechterung zu bewahren.

Durch einen besonderen Reichtum an Pflanzen- und Tierarten zeichnen sich die so genannten „FFH-Mähwiesen“ aus, benannt nach der FFH-Richtlinie der EU. Diese dient der Erhaltung und dem Schutz der heimischen Tier- (Fauna) und Pflanzenwelt (Flora) und ihrer natürlichen Lebensräume (Habitate). Die FFH-Mähwiesen weisen mehr als doppelt so viele Pflanzenarten und zehnmal so viele Tierarten wie intensiv genutztes Wirtschaftsgrünland auf und spielen für die Erhaltung der Artenvielfalt daher eine besonders wichtige Rolle.

In Deutschland hat Baden-Württemberg mit mehr als der Hälfte dieser Wiesen eine besondere Verantwortung für die Erhaltung. Und auch im eigentlich grünlandarmen Main-Tauber-Kreis gibt es derzeit über 460 Hektar kartierte FFH-Wiesen. Bei einer Erstbegehung erfassten Pflanzenexperten alle Grünlandflächen und entschieden dann, ob die Artenvielfalt ausreicht, um den Status FFH-Mähwiese vergeben zu können.

Des Weiteren wurde bewertet, in welcher Zustandsstufe von A (hervorragend) bis C (durchschnittlich) sich die Wiese befindet. Im Abstand von mehreren Jahren erfolgen Nachkartierungen, bei denen festgestellt wird, ob bzw. in welche Richtung sich Bestände verändert haben. Sollte dabei festgestellt werden, dass eine FFH-Wiese verschwunden ist oder sich zum Beispiel in einen grasreichen, kräuterarmen Bestand verschlechtert hat, verlangt die FFH-Richtlinie die Wiederherstellung in den ursprünglichen Zustand. Und das ist meist kein Kinderspiel, sondern erfordert erhebliche Anstrengungen von den Bewirtschaftern und den beteiligten Behörden.

Besonders viele FFH-Mähwiesen im Main-Tauber-Kreis gibt es im Raum Niederstetten. Um die Bewirtschafter dieser Wiesen auf ihre Verantwortung für deren Erhaltung aufmerksam und sie mit der Artenvielfalt besser vertraut zu machen, aber um auch von ihren Erfahrungen zu lernen, organisierte das Landratsamt des Main-Tauber-Kreises eine gemeinsame Grünlandbegehung. Die Stadt Niederstetten stellte das „KULT“ als Treffpunkt und Ausgangspunkt zur Verfügung. Nach einer kurzen Einführung ins Thema durch Stephan Hielscher vom Umweltschutzamt und einigen Anmerkungen zur Bewirtschaftung durch Klemens Joerger vom Landwirtschaftsamt ging es direkt ins Gelände.

Viele typische Kennarten, seien es Kräuter mit bunten Blüten und markanten Namen wie Storchschnabel, Bocksbart, Teufelskralle, Wiesenknopf, Wiesenpippau, Knolliger Hahnenfuß oder die unscheinbarer blühenden Gräser wie Glatthafer, Taube Trespe, Goldhafer, Wiesen-rispe, Ruchgras und viele mehr konnten auf verschiedenen Standorten bestimmt werden. Lorenz Flad stellte die Pflanzen nicht nur mit Namen, sondern auch mit ihren individuellen Standortansprüchen an Wasser- und Nährstoffversorgung sowie ihren sonstigen Besonderheiten vor.

Entstanden sind die FFH-Wiesen in aller Regel durch jahrzehnte- bis jahrhundertelange landwirtschaftliche Nutzung als extensive Heuwiesen – meist ein bis zwei Mal (selten drei Mal) gemäht und mehr oder weniger regelmäßig zumeist mit Stallmist gedüngt. Eine angemessene Beweidung war und ist ebenfalls möglich. Ohne diese eher extensive Nutzung konnten die Wiesen nicht entstehen, und ohne landwirtschaftliche Nutzung können sie nicht erhalten werden. Hierüber herrschte bei allen Teilnehmern Einvernehmen.

Die Zahl der Tierhalter mit Rindern oder Schafen hat in den vergangenen Jahren stetig abgenommen. Ohne Verwertungsmöglichkeit des Futters im eigenen Betrieb fehlt manchmal der Anreiz für die notwendige Pflege der Grünlandflächen, Stallmist als Dünger fällt weg, ein Schnitt wird vielleicht durch einen Mulchgang ersetzt. In wenigen Jahren hat dies häufig eine veränderte Artenzusammensetzung mit weniger Vielfalt zur Folge. Wird die Pflege vollständig eingestellt, gehen ehemals wertvolle Wiesen nach und nach in Buschland über. Das Taubertal verliert dann nicht nur Tier- und Pflanzenarten, sondern auch an landschaftlicher und touristischer Attraktivität.

Wenn im umgekehrten Fall Tierhalter auf intensivere Bewirtschaftung angewiesen sind, um ausreichend Futter zu erzeugen und dazu früher im Jahr mit der Mahd beginnen, mehr Dünger einsetzen und häufiger mähen, werden aus blütenreichen Beständen grasbetonte artenärmere Pflanzengemeinschaften. Im Main-Tauber-Kreis spielt jedoch nach wie vor der Verlust durch Extensivierung und Nutzungsaufgabe die größere Rolle.

Meinhard Stärkel, Leiter des Landwirtschaftsamtes, dankte ausdrücklich allen Landwirten, die mit großem persönlichen Engagement, Maschineneinsatz und Handarbeit in oft schwierigem, hängigem Gelände ihre Wiesen pflegen. Nur durch ihren Einsatz könnten sich viele Naturliebhaber weiterhin an der abwechslungsreichen Landschaft im Taubertal und seinen Seitentälern mit dem Wechselspiel von blühenden Wiesen, Ackerflächen und Waldinseln erfreuen.

Das Land fördere mit dem FAKT-Programm (Förderprogramm Agrarumwelt, Klimaschutz und Tierwohl) und durch den Abschluss von LPR-Verträgen die extensive Grünlandnutzung und die Erhaltung von FFH-Wiesen. Dadurch könne aber nur ein Teil des Aufwandes ersetzt werden.

Attraktive Verwertungsmöglichkeiten für Aufwüchse zu finden, bleibe eine wichtige Herausforderung, um Klappertopf und Co. weiterhin Lebensräume bieten zu können, hieß es. lra