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Bilder aus der Seele Hans Hermann Schmidt hat mit geschwungenen Figurenchiffren seinen ganz eigenen Malstil entwickelt

Impulsiv und sehr ausdrucksstark

Schwungvoll, energiegeladen. Schwarze Linien auf weißem Grund: Hans Hermann Schmidt hat seinen eigenen Stil gefunden. Emotion und Seele liegen in seiner Malerei.

Neunkirchen. Er braucht die richtige Stimmung zum Malen. Unter der Pergola, mit Blick auf den Garten, hat Hans Hermann Schmidt seine Staffelei aufgestellt. Die für ihn aktuell typischen geschwungenen Formen hat er mit leichter Hand auf die Leinwand aufgebracht. Erste Farbimpulse in Blau und Pink sind platziert. Der 78-Jährige aus dem Bad Mergentheimer Stadtteil Neunkirchen wägt ab, wo weitere Akzente geplant sind.

Wenn Schmidt von seinem Schaffen erzählt, dann strahlen die Augen. Er brennt für die Kunst, auch nach mehr als 70 Jahren – obwohl oder vielleicht gerade weil er das nie studiert hat. Die weißgründige Leinwand ist ihm sehr wichtig. „Ich mag helle Bilder, so ist meine Seele“, lächelt er. Seine Seele und seine Empfindungen stecken in jedem seiner Werke.

Pinsel laufen lassen

Die Abstraktion dieser Farbchiffren ist schnell auf die Leinwand geworfen. „Ich schalte dabei den Kopf aus, lasse den Pinsel einfach ohne Unterbrechung laufen“, so Schmidt, der bereits mehr als 3000 Bilder geschaffen hat. „Ohne kognitive Kontrolle“, bezeichnet er diese kreative Phase. Danach wird aber ganz genau komponiert, das Bild proportional ausgeglichen – nach dem eigenen Gefühl. Wichtig ist ihm dabei die positive Diagonale. „Ich bin ein fröhlicher Mensch, das soll sich auch in den Bildern zeigen.“ Die aufstrebende Richtung von links unten nach rechts oben ist dabei deutlich zu erkennen.

Als Autodidakt hat er im Laufe der Jahre seinen ganz eigenen Stil entwickelt. Aus dem Naturalismus der frühen Jugend und den späteren Gemälden aus den Urlaubsregionen Spanien, Italien und Frankreich wurde eine gegenständliche Malerei mit tiefer Eigeninterpretation.

Nun sind daraus impulsive Farbchiffren geworden mit abstrakten, aber immer authentischen Formen. „Die Bilder gleichen sich in der Art, doch jede einzelne Form ist anderes.“ Wann er damit begonnen hat, weiß er selbst nicht mehr, gesteht er mit einem Schulterzucken. Er verweist auf eine mehr als 20 Jahre alte Visitenkarte, die schon ähnliche Formen zeigt.

Verrückter malen

Und er will noch verrückter werden, wie er sagt. „Ich könnte mir vorstellen, die jetzige Abstraktion mit teilweise gegenständlichen Bildern zu vereinen.“ Die Erfahrungen seines malerischen Könnens zu bündeln, schwebt ihm vor. Und dabei noch mutigere Farb- und Forminterpretationen umzusetzen. Kurz: „Alles, was ich kann, soll zusammenfließen.“

„Ich war schon immer halb Maler, halb Behördenchef“, reflektiert der frühere Leiter der Standortverwaltung in Bad Mergentheim. Und auch seine Mitarbeiter kannten das künstlerische Talent ihres Chefs, der gerne ein Gemälde verschenkte. Bereits in jungen Jahren förderte die Mutter die Malkünste des Sohnes. Als Vierjähriger kopierte er ein Bild seines verstorbenen Vaters, später zeichnete er Kunstkarten nach, die ihm seine Mutter besorgt hatte. „Ich war als Bub verliebt in einfache Bauernhäuser im Gebirge“, erzählt er mit einem Schmunzeln.

Später, als Sanitätssoldat, habe ihn der Vorgesetzte zum Malen animiert. Während des Verwaltungsstudiums blieb beim Familienvater dafür kaum noch Zeit. Doch das wurde als Inspektor und später als Behördenleiter nachgeholt. Zu Festtagen der Kollegen oder auch beim Behördenleitertreffen in der Kurstadt gab es als Geschenk ein Bild. Und so manches Werk ging bei einer Benefizveranstaltung für den guten Zweck an neue Besitzer.

„Ich war mit meiner Malerei sehr erfolgreich“, erinnert sich der Neunkirchener auch an die Jugendzeit, als er für US-Soldaten Ölbilder aus seiner Heimatstadt Ansbach angefertigt hat.

Von Picasso inspiriert

Inspiriert von Picasso, probiert der 78-Jährige immer wieder neue Techniken, will sich immer wieder neu erfinden. Erst kürzlich habe er sich von einem Bild mit dem Titel „Farbsegel“ getrennt.

Dabei wurde Spachtelmasse auf die Leinwand aufgetragen und mit Ölfarben ganz unterschiedliche fließende Nuancen erzeugt. Und er will mit seinen Werken mehr: Provozieren, zum Nach- und vor allem Überdenken des Lebens animieren, er will wachrütteln aus der Spießigkeit des Alltags. „Wenn dem Betrachter ein Bild gefällt, er aber nicht weiß warum, dann habe ich mein Ziel erreicht“, sagt Schmidt.

Die figürlichen Chiffren, energiegeladen und impulsiv, sind ein Ausdruck von Schmidts überbordenden Kreativität. „Ich brauche dieses Fliegen in meiner Malerei.“ Ein bisschen davon will der Vater zweier erwachsener Kinder auch an die vier Enkel weitergeben und bei Malkursen an Interessierte. Sich selbst entwickelt der Italien-Freund in der Sommerakademie in Neuburg an der Donau weiter.

„Kunst kann man nicht lernen. Man muss sich im Klaren sein, ob man den Charakter dafür hat, die Begeisterung und das Feuer.“ Genau dieses Feuer hat Hans Hermann Schmidt.