Main-Tauber

Jugendhilfeausschuss Dr. Michael Lippert stellte dem Gremium den Familienbericht vor / Viele interessante Aspekte zur Lebenswirklichkeit im Main-Tauber-Kreis

Jugendliche wandern massiv ab

Alle zwei Jahre legt das Jugendamt den Familienbericht vor. Ein Ergebnis: Bei steigender Geburtenrate gibt es zwar mehr Kinder – Jugendliche gehen dem Kreis aber durch Wegzug verloren.

Main-Tauber-Kreis. Wenn Dr. Michael Lippert den Mitgliedern des Jugendhilfeausschusses den Familienbericht vorstellt, geht es ans Eingemachte. Denn dort wird nicht nur aufgeschlüsselt, wie sich die Kinderzahl nach Alter verändert, sondern auch, wie sich die Bevölkerung generell statistisch entwickelt, welche Hilfen das Jugendamt bereit hält und in welchen Familienkonstellationen die Wahrscheinlichkeit für die Inanspruchnahme solcher Hilfen zur Erziehung am größten ist.

Die Geburtenrate im Main-Tauber-Kreis weist bereits seit etlichen Jahren eine steigende Tendenz aus. Im vergangenen Jahr wurden 1211 Kinder geboren und somit 94 mehr als noch ein Jahr zuvor. 2013 lag die Zahl der neuen Erdenbürger mit 997 wie Jahre zuvor bei unter 1000. Soweit die positive Nachricht. Bei den Jugendlichen stellt sich die Lage hingegen anders dar. „Wir haben allein 5000 bis 6000 Jugendliche verloren, weil diese Kinder erst gar nicht geboren wurden“, verweist Lippert auf die stetig nach unten zeigende Geburtenrate der elf Jahre ab 2003. Zudem leide der Main-Tauber-Kreis massiv unter den Wegzügen junger Menschen nach ihrer Schulzeit. Zwar habe sich laut Lippert eine Stabilisierung bei der Bevölkerungsentwicklung eingestellt, dennoch sei der Main-Tauber-Kreis der einzige Landkreis in Baden-Württemberg bei dem diese leicht rückläufig ist. Daran hätten auch die Zuzüge im Rahmen der Flüchtlingsaufnahme nichts geändert.

Die Steigerung der Geburtenrate begründete er zum einen mit der stetig verbesserten und verlässlichen Kinderbetreuung in den vergangenen Jahren, die eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichterten. Zum anderen sei der Trend zu mehr Geburten pro Frau erkennbar. Auch der Zuzug von geflüchteten Familien trage zu den nach oben weisenden Zahlen bei, sei aber nicht ausschlaggebend.

Steigende Kinderzahlen und der Rechtsanspruch auf Betreuung auch unter Dreijähriger stelle ein riesengroßes Thema für die Kommunen dar, da sie die Plätze und damit die Räume bereit zu stellen habe. Laut einem Szenario des Deutschen Jugendinstituts fehlen für die Betreuung von Kindern im Alter von bis zu zehneinhalb Jahren in Krippen, Kindertageseinrichtungen, Horten und Ganztagsschulen bis 2025 bundesweit bis zu 1,2 Millionen Plätze. Bei einem entsprechenden Ausbau würde sich der damit verbundene Finanzbedarf jährlich auf bis zu 18 Milliarden Euro zusätzlich für die Betriebskosten und 1,4 Milliarden Euro für die Investitionskosten belaufen.

Bei den Familienstrukturen ging Dr. Michael Lippert auf die stetige Abnahme von Familien, bestehend aus Vater und Mutter mit Kindern ein. Die Quote liege bei unter 16 Prozent. Besonderes Merkmal im Main-Tauber-Kreis sei allerdings die Quote von Alleinerziehenden mit Kindern, die 2017 auf fast 20 Prozent gestiegen sei. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg liegt sie bei 15, im Bundesmittelwert bei 18 Prozent. Rein statistisch rangiert der Main-Tauber-Kreis mit diesen 20 Prozent in der Größenordnung von Städten mit 50 000 bis 100 000 Einwohnern. Lippert führte diesen hohen Wert, der auch für Kommunen wie Boxberg, Weikersheim, Külsheim oder Creglingen zu verzeichnen sei, auf die günstigen Wohnraumpreise im ländlichen Raum zurück.

Als „recht günstig“ im Vergleich zum Land bezeichnete Lippert die Fallzahlen bei den Hilfen zur Erziehung. Die Unterbringung in teuren stationären Jugendhilfeeinrichtungen habe mit 154 gegenüber 161 Fällen erstmals seit Jahren leicht abgenommen. Die ambulanten Hilfen seien mit 492 Fällen hingegen um 16 gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Obgleich bei den Familien die Stiefelternkonstellation nur fünf Prozent ausmacht, nehmen von dieser Gruppe knapp 23 Prozent Hilfen zur Erziehung wahr. Bei Alleinerziehenden liegt die Quote bei knapp über 40 Prozent, bei Familien mit beiden Elternteilen bei 34,5 Prozent.

„Die Erziehungsberatungen sind auf gleichbleibend hohem Niveau“, erläuterte Lippert die gute Nachfrage. Auch die Schulsozialarbeit habe sich in den vergangenen Jahren – nicht zuletzt durch die günstigere Finanzierung für die Kommunen – positiv entwickelt. Der Ausbau, blickte der Jugendamtsmitarbeiter voraus, werde weitergehen.

Wolfgang Pempe (Diakonisches Werk) sprach bei dem seit Jahren im Familienbericht festgestellten hochen Armutsrisiko von Alleinerziehenden von „alarmierenden Zahlen“ und fragte an, welche sozialpolitischen Einflüsse der Kreistag im Rahmen der Jugendhilfeplanung nehmen könne. Dass bei der Weiterentwicklung der Jugendhilfe keine weitergehenden Perspektiven in den Bericht aufgenommen wurden, monierte Manfred Schaffert (CDU): „Das ist mir zu wenig. Ich glaube, man müsste früher ansetzen bei der Unterstützung.“ Dem entgegnete Martina Knödler (Leiterin der Allgemeinen Dienste beim Jugendamt), dass mit den „Frühen Hilfen“ solche Instrumente bereit stünden.

Während Hayo Büsing (Evangelische Kirche) eine Freistellung der Leitung von Kindertagesstätten zur besseren Beratung von Familien anmahnte, wies Ute Schindler-Neidlein auf den positiven Effekt von Familienzentren hin. „Es war gut, das Angebot vor Ort an die Kommunen zu geben“, so die SPD-Fraktionsvorsitzende. Auch Matthias Fenger (Caritasverband) bezeichnete die Familienzentren als wichtige Schnittstellen zu Beratungsangeboten.