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Macht Gott etwa Urlaub?

Archivartikel

Liebe Leserinnen und Leser!

„Sie sind verbunden mit dem Anschluss von Pfarrer XY. Ich bin vom 29. Juli bis 12. August im Urlaub. Die Vertretung in dringenden Fällen hat Pfarrerin Soundso.“ Wer in der Sommerzeit auf dem Pfarramt anruft, der hat gute Chancen eine Nachricht zu hören, die so oder so ähnlich klingt. Die Sommerferienzeit ist die Zeit, in der die meisten Pfarrer Urlaub nehmen. Ostern und Pfingsten sind vorbei und Weihnachten ist noch weit weg. Wie in der Politik gibt es auch im Kirchenjahr ein Sommerloch. Warum eigentlich? Macht Gott etwa Urlaub? Ein Bibelvers aus dem Alten Testament könnte das vermuten lassen: „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?“ (Jeremia 23,23).

Manchmal spüren wir Gottes Nähe. Wir wissen, dass Er da ist. Manchmal berührt uns im Gottesdienst ein Bibelwort. Ein Lied geht uns zu Herzen. Beim Beten fühlen wir uns getragen und verstanden. Wir sehen die Schönheit der Natur in einem Regenbogen oder einem Sonnenuntergang.

Das alles kann unser Herz mit der Gewissheit erfüllen: Ja, Gott ist da!

Manchmal spüren wir aber auch gar nichts. Gott ist für uns dann fern. Fragen bleiben unbeantwortet. Seelenwunden schmerzen. Eigenes oder fremdes Leid bringt uns ins Zweifeln. Wo ist Gott? Hört er mich? Sieht er mich? Hat er mich verlassen?

Gott ist eben nicht nur nahe. Er hat keine Präsenzpflicht. Es gibt Zeiten, in denen uns seine Abwesenheit schmerzhaft bewusst wird. Die Urlaubsvertretung für Pfarrer lässt sich regeln. Vertretungsgottesdienste lassen sich organisieren. Aber Gottes Nähe lässt sich nicht festlegen und planen.

Einfach warten?

Was also tun, wenn Gott gerade fern scheint? Was tun, wenn er anscheinend im Urlaub und nicht erreichbar ist? Einfach warten? Hoffen, dass er sich irgendwann wieder meldet? Das kann unter Umständen aber ziemlich lange dauern. Es besteht sogar die Gefahr, dass der Kontakt ganz abbricht.

Da ist es besser sich immer wieder an Gott zu wenden und ihn an seine Zusagen zu erinnern. Gott sagt: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten.“ (Psalm 51,15). Gott verspricht, dass bei ihm nicht nur der Anrufbeantworter ran geht. Er verspricht, dass wir mit unseren Gebeten direkt zu ihm durchkommen. Gerade in den Psalmen können wir lesen, wie die Beter Gott immer wieder an seine Zusagen erinnern, wie sie ihm sein Wort vorhalten. Sie erfahren Gott als fern und halten gleichzeitig fest an Seiner Nähe. Er hat es doch versprochen! Und dann passiert es oft, dass sich beim Beten etwas verändert. Mitten im Psalm schlägt die Stimmung um. Die Klage wird zum Lob. Das macht mir Mut. Daran will auch ich mich festhalten: nicht an der scheinbaren Ferne Gottes, sondern an der versprochenen Nähe.

Auch wenn das manchmal schwer fällt und ganz schön dauern kann.

Das Sommerloch im Kirchenjahr hat also seinen Grund nicht darin, dass Gott sich seinen wohlverdienten Urlaub nimmt, sondern darin, dass wir ihn uns nehmen, die Pfarrer, die Mitarbeiter und die Gemeindeglieder.

Und so wünsche ich Ihnen und uns allen eine schöne und erholsame Sommerzeit. Ob in der Ferne oder in der Nähe, aber auf jeden Fall in Gottes Nähe.

Es grüßt Sie herzlich

Pfarrer Matthias Haas,

Pfarramt Reinsbronn, Sechselbach und Waldmannshofen