Main-Tauber

Flüchtlinge Integrationsnetzwerk Hohenlohe-Main-Tauber und der Bildungsträger Kolping bieten eine Vielzahl von Kursen

Menschen nicht einfach versauern lassen

Klappt die Integration von Flüchtlingen? Diese einfache Frage ist schwer zu beantworten. Vor Ort aber setzen sich viele dafür ein, berichten von Fort-, aber auch von Rückschritten.

Main-Tauber-Kreis. Das Thema Integration ist komplex. Schließlich ist die individuelle Situation jedes einzelnen Flüchtlings zu verschieden, als dass man pauschalisieren könnte. Allein der Aufenthaltstitel – meist abhängig von der Einstufung des Herkunftslandes als sicher oder nicht oder dem Nachweis politischer Verfolgung – zeigt Grenzen auf, was jemand in Deutschland darf oder nicht. Abhängig vom Status ist auch die Berechtigung zur Teilnahme an Integrationskursen. Davon wissen die Mitarbeiter des Integrationsnetzwerks Hohenlohe-Main-Tauber sowie des Bildungsträgers Kolping ein Lied zu singen.

„Die Flüchtlinge versuchen sich zu integrieren, doch die Politik agiert häufig konträr“, moniert Karin Aeckerle vom Integrationsnetzwerk. Sie und ihr Kollege Julian Wegmann kennen die Probleme derer, die kommen. Fast alle haben einen Auftrag der Familie in der Tasche, die ihr Geld zusammengelegt hat, um die Flucht zu ermöglichen. Auf der einen Seite sollen sie sich bilden, auf der anderen Geld verdienen und nach Hause schicken. „Oft werden sie in dieser Zwickmühle so zerrieben, dass sie total überfordert sind“, so Aeckerle.

Duldung ist Bleiben auf Abruf

Julian Wegmann stellt zudem fest, dass nach dem großen Flüchtlingsstrom im Zuge des Kriegs aus Syrien immer mehr Menschen aus Afghanistan oder afrikanischen Ländern kommen. Ihr Asylantrag wird mittlerweile häufig abgelehnt. Meist erhalten sie aber eine Duldung, was keinen rechtmäßigen Aufenthaltstitel darstellt. Sie bescheinigt, dass sie ausreisepflichtig sind, aber vorläufig nicht ausreisen oder abgeschoben werden können, weil ein Abschiebehindernis besteht. Das können die Verweigerung der Aufnahme des Herkunftslands oder fehlende Papiere sein.

Frage nach Perspektive

Ein Recht auf vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) finanzierte Integrationskurse haben die geduldeten Menschen nicht. Einerseits wurden sie abgelehnt, andererseits sollen sie Mithilfe bei der Beschaffung von Papieren leisten. „In der somalischen Botschaft werden grundsätzlich keine Ersatzpapiere ausgestellt“, weiß Wegmann und fragt: „Welche Perspektive bietet man diesen Menschen?“

Das Integrationsnetzwerk Hohenlohe-Main-Tauber und das Kolping Bildungswerk haben sich gemeinsam zu einem Koordinationsnetzwerk entwickelt. Sie wollen gleichsam Ansprechpartner und Vermittler sein.

Sie bieten Kurse und Programme nach BAMF-Kriterien an, aber auch solche, die Menschen mitnehmen, die eigentlich keinen Anspruch auf Kurse haben und in ihren Unterkünften ohne Beschäftigung frustriert versauern würden.

„Der aktuell laufende Grundkurs Deutsch A1 ist so ein Kurs“, erläutert Dieter Abendschein, Vorsitzender des Kolping Bildungswerks. „Flüchtlinge mit nicht verwertbaren Deutschkenntnissen und ohne Zugang zu anderen Angeboten können hier in 300 Unterrichtseinheiten sprachliche Grundlagen erwerben“, so Abendschein.

Auch das Programm „Zukunft Deutschland“ für erwerbsfähige Menschen aus fremden Kulturkreisen, dessen Teilnehmer vom Jobcenter ausgewählt werden, gehört zu denen, die Perspektiven vermitteln wollen, auch wenn keine Anerkennung vorliegt.

Integrationsnetzwerk und Kolping Bildungswerk sind ständig dabei, ihre Angebote zu modifizieren. „Der Erfolg lebt von schnellen Veränderungsmöglichkeiten“, ist Abendschein überzeugt. „Wir müssen den Menschen da helfen, wo sie stehen.“

Das sieht auch Marina Maler, stellvertretende Leiterin Bildungswesen beim Kolping Bildungswerk: „Wir haben festgestellt, dass Mathematik ein echtes Problem ist.“ Häufig hapere es an Grundrechenarten, Prozent- und Flächenberechnung, weiß sie. „Die aber braucht man in jedem Ausbildungsberuf.“

Sprache, das ist allen im Bereich Integration Tätigen klar, bildet immer die Grundlage für jede Wissensvermittlung. Deshalb wird der Sprachkompetenz auch der höchste Stellenwert beigemessen. Aus der Erfahrung wissen die Experten aber, dass manchmal behauptet werde, etwas verstanden zu haben, um sich keine Blöße zu geben.

Schnupperkurse

Mareike Löffler ist Integrationslotsin bei Kolping. „Bei der Fülle an Angeboten ist es oft schwierig, das Richtige zu finden“, räumt sie ein. Hilfreich sind deshalb dreitägige Schnupperkurse, um unterschiedliche Berufsfelder kennenzulernen. Für die Bereiche Handwerk, Pflege und Gastronomie hat Kolping deshalb einen dreitägigen Kurs entwickelt, um den Arbeitsalltag bei Kooperationsbetrieben hautnah zu erleben. „Gerade für Frauen bietet sich hier eine Chance“, ist Löffler überzeugt.

Zusätzlich werden Wochenkurse in EDV und Mathematik oder ein zweitägiger Vorbereitungskurs für die Ausbildung mit Themen wie Versicherungen, Rechte und Pflichten oder Umgang mit Kolleginnen und Kollegen geboten.

Die Netzwerker vor Ort glauben fest daran, dass Integration – zumindest im Main-Tauber-Kreis – gelingen kann und keine Illusion ist. Dass der Weg weder ein kurzer noch ein leichter ist, wissen sie. Denn auch sie kennen die Situation, dass jemand von heute auf morgen nicht mehr da ist und trotz aller Bemühungen auf Nimmerwiedersehen verlorengeht.