Main-Tauber

ADHS Erkrankungen in der Region stiegen laut Allgemeiner Ortskrankenkasse um 3,3 Prozent

Oft ist der kindliche Stress hausgemacht

Heinrich Hoffmann, Autor des „Struwwelpeter“ hat bereits vor über 150 Jahren Auffälligkeiten im Kindes- oder Jugendalter festgestellt. Der „Zappelphilipp“ ist ein Beispiel.

Main-Tauber-Kreis. Wegen hyperkinetischer Störungen wie ADHS waren im Jahr 2016 im Main-Tauber-Kreis 364 AOK-versicherte Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 19 Jahren in ärztlicher Behandlung. Die Zahl der Erkrankungen in der Region stieg in den vergangenen Jahren um durchschnittlich 3,3 Prozent, wobei etwa drei Mal so viele Jungen wie Mädchen betroffen sind. Die Dunkelziffer nicht erkannter Fälle dürfte nach Meinung von Experten sehr groß sein.

Belastung für Familien

Für Familien stellt ADHS eine erhebliche Belastung dar und ärztliche Hilfe sollte unbedingt in Anspruch genommen werden, wie die AOK Heilbronn-Franken zum „Internationalen Tag der Familie“ am heutigen 15. Mai mitteilt.

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gehört zur Gruppe der Verhaltens- und emotionalen Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend. Sie äußert sich durch Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulsivität und Selbstregulation. Häufig kommt zusätzlich starke körperliche Unruhe (Hyperaktivität) hinzu. Die Rate der Erkrankung unter Kindern und Jugendlichen wird vom Robert-Koch-Institut mit etwa 5,3 Prozent beziffert. Sie gilt heute als häufigste psychiatrische Erkrankung in dieser Altersgruppe.

Erheblicher Druck

Meist stehen Betroffene und ihre Familien unter erheblichem Druck. Versagen in Schule oder Beruf sowie die Entwicklung von weiteren psychischen Störungen sind oft die Folge. Teilleistungsdefizite, wie Lese-Rechtschreib-Schwächen wurden bei etwa 45 Prozent der von ADHS Betroffenen festgestellt. Depression tritt bei Jugendlichen mit ADHS mindestens fünf Mal so häufig auf wie bei Jugendlichen ohne diese Beschwerden. Schlafstörungen sind eine häufige Begleitproblematik.

„Wenn Eltern die Vermutung haben, dass bei ihrem Kind eine ADHS-Erkrankung vorliegen könnte, sollten sie dringend einen Arzt aufsuchen und entsprechende Tests durchführen lassen“, rät Dr. Hans-Peter Zipp, Kinder- und Jugendarzt der AOK. Eine gezielte Therapie könne nachhaltig helfen.

Für Eltern von Kindern mit AHDS sei es wichtig zu wissen, dass die Erkrankung nicht durch Erziehungsfehler verursacht wird. Vielmehr werde davon ausgegangen, dass sich die Störung wesentlich aufgrund einer erblichen Veranlagung entwickelt. Ungünstige Umgebungsfaktoren wie übermäßiges Fernsehen oder Computerspielen verstärken das Auftreten der ADHS-–Symptome oft erheblich.

Doch nicht jede Hyperaktivität sei zwangsläufig eine ADHS-Erkrankung. Häufig sei der Familienstress hausgemacht. Dr. Zipp: „Die wichtigsten Ursachen für ein hohes Stressniveau und Hyperaktivität bei Kindern sind Termindruck mit einem eng getakteten Zeitplan, wenig freie Zeit ohne Verpflichtungen und der Wunsch, die Erwartungen der Eltern immer zu erfüllen.“ Der Kinderarzt rät, den Alltag von Kindern zu „entschleunigen“. Ein strukturierter Tagesablauf, der dem Kind Freiräume zur Entspannung schafft, und ein maßvolles Freizeitprogramm seien ein guter Ausgleich zu festen Terminen wie Spielgruppe, Hort oder Schule. So lasse sich Stress vermeiden oder zumindest besser bewältigen. aok