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Rätsel des kleinen Glücks

Archivartikel

Zufällig fiel vor einigen Tagen mein Blick auf ein Buch im Regal. Der Titel zog mich an: „Der Freude auf der Spur – Sieben Schritte, um die Seele fit zu halten“. Ich zog es neugierig heraus und begann, darin zu blättern. Bei Tipp 5 blieb ich hängen: Löse täglich das Rätsel des kleinen Glücks!

Elisabeth Lukas, eine Schülerin von Prof. Viktor Frankl, eine begehrte Lehrtherapeutin, heißt die Ratgeberin. Sie geht davon aus, dass den meisten Menschen das große Glück, nach dem sie sich sehnen, verwehrt bleibt. Provozierend schonungslos formuliert sie: „Das ‚große’ Glück (ist uns Menschen) nicht gegeben. Nicht von Dauer. Nicht ohne Verlockung und Verblendung. Nicht unbeschadet. Unsere Spezies verträgt es nicht, es bekommt ihr nicht.“ (S. 97). Weil solch glanzvolles Glück den Keim des Niedergangs bereits in sich trägt, wie sie einige Zeilen weiter ausführt.

Der erfolgreiche Weg für jeden Glücksucher besteht für sie darin, das „Rätsel des kleinen Glücks“ zu lösen. Das kleine Glück beschreibt sie so: „Es ist nichts, was die Welt bewegt, es bewegt nur ein Herz. Es glitzert auch nicht im Rampenlicht, im Gegenteil, es ist so hauchzart, dass es meistens übersehen wird. Derjenige jedoch, der es sieht, schaut hinein in das Mysterium des Numinosen (Geheimnis des Namenlos-Göttlichen).

Das kleine Glück hat mit Frieden zu tun, mit Harmonie, mit Einssein zwischen demjenigen, der es findet und dem Gefundenen. Es ist von ruhiger, stabiler Natur. Das Erstaunliche ist, dass es jedem offensteht, ohne Ansehen der Person.“ (S. 98)

Sie geht in ihren Überlegungen vom Bild eines Kreuzworträtsels aus, das nur mit einigem Aufwand zu lösen ist. Für eine Hausfrau z. B. hört sich das so an: „4 waagrecht: Dein Kind kommt verschmutzt vom Spielen heim. Antwort: Wie froh bin ich, ein munteres, normales Kind zu haben. 8 senkrecht: Es ist Zeit, das Abendessen zu kochen. Antwort: Welche Gnade, dass wir genug zu essen haben.“ (S. 98)

Viele Zeilen sind es, die im Kreuzworträtsel auszufüllen sind, manche bleiben leer, weil die Antwort fehlt, später vielleicht fällt sie einem ein, wenn sich die Konturen des Ganzen deutlicher abzeichnen… Natürlich ist es jedem unbenommen, auch andere Worte einzuschreiben, z. B. Worte des Ärgers oder Selbstmitleids, der Gleichgültigkeit oder Alltagsroutine. Aber dann geht das „Rätsel des kleinen Glücks“ nicht auf und ein Leben mit Lücken und Leerstellen entsteht. „Wem es hingegen gelingt, dieses Rätsel in hohem Grade aufzulösen, der hat – welch seltsames Spiel des Geschicks! – am Ende doch das große Glück gefunden.“ (S. 99)

Und wer von uns wollte es nicht ergreifen? Zumal in dieser Sommerzeit, wenn groß und klein sich Freude und Spaß erhoffen in der freien Natur, beim Wandern, Radfahren und Spazieren gehen, beim Campen, Baden, Surfen und Segeln, bei Boots- und Schifffahrten oder bei fröhlichen Picknicks und Festen. Oder bei anregenden Urlaubsreisen, die viel Neues, Interessantes und Spannendes bieten. Auch dann – und vielleicht gerade dann! – gilt: Löse täglich das Rätsel des kleinen Glücks!

Für mich ist Tipp 5 die Einladung Jesu, „täglich“ unser Kreuz auf uns zu nehmen und ihm zu folgen – allerdings in aktueller Sprache und damit für manche verständlicher.

Schwester Brigitte Wahl osf, Bad Mergentheim