Main-Tauber

Landwirtschaft Praxisbetriebe für nichtchemische Unkrautkontrolle in Königheim demonstrierten den Anbau von Backgetreide ohne chemische Pflanzenschutzmittel

Regionaler Anbau – ohne Zusatzstoffe

Archivartikel

Der Einsatz von chemischen Substanzen zum Pflanzenschutz ist umstritten. Ein Betrieb in Königheim zeigt, wie es auch ohne Zusatzstoffe geht.

Main-Tauber-Kreis/Königheim. Die momentan intensive gesellschaftliche Diskussion um den modernen Pflanzenschutz führt in der Landwirtschaft, in der Landtechnik und im Bäckerhandwerk zu praktischen Folgen. Immer mehr Verbraucher wollen wissen, wo ihre Nahrung herkommt und wie sie erzeugt wird. Sie möchten Produkte aus der Region und das Ganze möglichst ohne den Einsatz von Chemie in Form von Herbiziden (Unkrautbekämpfungsmittel). So hat sich etwa das Wort Glyphosat zu einem Schreckgespenst entwickelt.

Wie der Anbau von Backgetreide auch ohne den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln funktioniert, konnte jetzt in Königheim auf zwei Praxisbetrieben für nicht-chemische Unkrautkontrolle besichtigt werden. Seit drei Jahren baut der Betrieb Matthias Leimbach für die Marktgemeinschaft KraichgauKorn Winterweizen und Winterroggen als Backgetreide an. Timo Fahrmeier erzeugt Dinkel für Brotgetreide und für Grünkern.

Bewahrung biologischer Vielfalt

KraichgauKorn ist eine 1990 gegründete Gemeinschaft von 53 Bauern, davon neun aus dem Main-Tauber-Kreis, vier Mühlen und rund 40 Bäckern aus der Region Kraichgau und den angrenzenden Gebieten.Die Marktgemeinschaft steht unter anderem für einen regionalen Anbau ohne chemische Pflanzenschutzmittel und Gentechnik, kontrolliert von einem unabhängigen Sachverständigen und dem Land Baden-Württemberg. Auch der Besatz von Ackerwildkräutern zur Bewahrung der biologischen Vielfalt zählt zu den Zielen eines reduzierten Pflanzenschutzmitteleinsatzes.

Gerhard Risser ist öffentlich bestellter Sachverständiger und Kontrolleur. Er legt von jedem der 1500 Getreidefelder der Marktgemeinschaft eine Rückstellprobe an, um sicher nachzuweisen, dass keine Herbizide auf den Flächen der beteiligten Landwirte eingesetzt wurden. RIsser stellte auf dem Versuchsfeld der Leimbach GbR fünf Weizen der Qualität A und neun sogenannte Eliteweizen mit ihren Eigenschaften wie Eiweißgehalt und Gesundheit vor.

Bei den Demonstrationsflächen war die Sortenwahl beim nicht-chemischen Anbau eines der angesagten Themen. Matthias Leimbach hat den besichtigten Weizenversuch am 20. Oktober vergangenen Jahres nach der Vorfrucht Winterraps mit der Kreiselegge eingesät. Zur mechanischen Unkrautbekämpfung hat er am 28. Februar , 19. März und 7. Mai diesen Jahres den Bestand mit einem zwölf Meter breiten Gerät gestriegelt.

In einem weiteren Winterweizenfeld konnte der Einsatz von Striegel und Hacke verglichen werden. Dort, wo der Weizenbestand mit einem drei Meter breiten Rübenhackgerät bearbeitet wurde, betrug die Reihenabstand statt der üblichen 12,5 jetzt 25 Zentimeter. Weil bei der mechanischen Unkrautbekämpfung kein Spritzwassertransport und keine Kosten für das Pflanzenschutzmittel anfallen, rechnet Leimbach nicht mit höheren Kosten, trotz deutlich höherem Zeitaufwand. Mit der früher eingesetzten Pflanzenschutzspritze konnte er früher in einer Stunde 3,5 Hektar bearbeiten, jetzt braucht er beim Hacken deutlich mehr Zeit, jedoch rechnet er mit Einsparungen im Düngeraufwand beim Einsatz der Hacke, weil dadurch ungefähr zehn Kilogramm Stickstoff pro Hektar mobilisiert werden.

„Beim Unkrautstriegeln dürfen meine Kinder auf dem Traktor mitfahren, beim einstigen Herbizideinsatz wollte ich sie nicht dabei haben“ berichtete Leimbach. Die Feldbegehung sollte insbesondere dazu dienen, Erfahrungen rund um die mechanische Unkrautkontrolle auszutauschen. Für Neueinsteiger und Landwirte, die an der Marktgemeinschaft KraichgauKorn interessiert sind, gab es umfassende Informationen. Riesser und der Vorsitzende der KraichgauKorn Roland Waldi freuen sich, dass sich vor allem junge Landwirte für einen Ackerbau ohne Herbizideinsatz einsetzen.

Regionales Getreide

Timo Fahrmeier baut die Dinkelsorte Zollernspelz als Brotgetreide an. Der Bestand wurde einmal gestriegelt. Die 100 Kilogramm Stickstoff, davon 50 Kilogramm als Mineraldünger, hat der Bestand benötigt, dagegen legte sich der Dinkel der alten Sorte Bauländer Spelz teilweise, obwohl er mit lediglich 80 Kilogramm Stickstoff versorgt wurde. Wer fragt dieses herbizidfreie Getreide nach? Es sind Bäcker, die auf regionales Getreide setzen und deren Umsätze, entgegen dem Trend wegen der steigenden Marktmacht der Discounter, nicht stagnieren. Auch ein „Slow Food Bäcker“ ist dabei.

Julia Bader von der LTZ Augustenberg informierte über das „Praxisnetzwerk zur Erprobung der nicht-chemischen Unkrautbekämpfung und mechanisch digitaler Verfahren im Ackerbau“. Die Feldbegehung fand in diesem Rahmen statt. Das Projekt wird aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg finanziert und vom LTZ Augustenberg im Rahmen der Landesstrategie „Sonderprogramm zur Stärkung der biologischen Vielfalt“ durchgeführt. Ziel ist es, die Anwendung von Herbiziden zu reduzieren und mittelfristig die Biodiversität auf und an Äckern zu verbessern.

Das LTZ Augustenberg erprobt praxisgeeignete, innovative, nicht-chemische, insbesondere mechanische, digitale, sensorgesteuerte Verfahren zur Unkrautregulierung. Hierzu gehören mechanisch-digitale Verfahren im Getreide- und Leguminosenanbau (Erbsen und Soja) und mechanische Verfahren im Kartoffelanbau. Durch ein Praxisnetzwerkes und durch Fachveranstaltungen werden die gewonnenen Erkenntnisse an die Beratung und an landwirtschaftliche Betriebe weitergegeben.

Die Wiedergeburt des früher üblichen mechanischen Pflanzenschutzes hat neben der öffentlichen Debatte um Chemie in der Landwirtschaft ihre Ursache in dadurch verursachten Problemen wie zunehmende Herbizidresistenzen durch zu enge Fruchtfolgen und den wiederholten Einsatz der gleichen Wirkstoffgruppe. Fachleute des Julius-Kühn-Institutes beschreiben das Problem mit den Worten: „Herbizide wurden immer als die wirksamste und in den meisten Fällen auch als die preisgünstigste und zuverlässigste Form der Unkrautbekämpfung angesehen. Die vermehrt auftretenden Resistenzfälle führen zu ökonomischen Konsequenzen auf einzelbetrieblicher Ebene, wenn die Herbizidbehandlungsintensität erhöht werden muss und dennoch Ertragsrückgänge aufgrund unzureichender Unkrautbekämpfung auftreten“.

Laut Professor Dr. Arno Ruckelshausen von der Hochschule Osnabrück ergeben sich im Pflanzenschutz Vorteile für Feldroboter mit Sensorik. Es sei möglich, „nur Unkraut zu behandeln oder bestimmte Unkräuter stehen zu lassen, weil sie der Nutzpflanze dienen“.