Main-Tauber

IHK-Vollversammlung Jahresabschluss 2017 genehmigt / Gastvortrag von Matthias Schepp

Sanktionen erschüttern Russland nicht

Archivartikel

Kupferzell.Zur Sommersitzung 2018 trafen sich die Mitglieder der IHK-Vollversammlung am Donnerstag im Turmsaal der Firma Ziehl-Abegg SE im Gewerbepark Hohenlohe bei Kupferzell. Im Mittelpunkt stand der Impulsvortrag des Vorstandsvorsitzenden der Deutsch-Russischen Auslandhandelskammer, Matthias Schepp.

Im Kern ging es um die aktuelle wirtschaftspolitische Situation zwischen Deutschland und Russland, insbesondere um die Auswirkungen durch die Wirtschaftssanktionen, wobei Schepp auch die derzeitige Lage deutscher Unternehmen in Russland ansprach.

Die Zeit der großen Verluste sei vorüber, es gehe langsam wieder bergauf. Der ehemalige Leiter der Spiegel- und Sternbüros in Moskau und Peking, zeigte sich dabei als exzellenter Kenner der Materie und zerstörte gleich zu Beginn die Illusion, Russland sei mit Sanktionen in die Knie zu zwingen. „Damit machen wir die nur stärker“.

Das Riesenland habe sich vom Schock des Ölpreisabsturzes im Jahr 2014 erholt, die Inflation liege bei 2,5 Prozent, die Arbeitslosigkeit in Moskau mit 1,0 Prozent spiele keine Rolle und mit5 fünf Prozent im Landesdurchschnitt sei die Quote derzeit auch kein Problem.

Gold- und Währungsreserven

Die Auslandsverpflichtungen seien in den Jahren 2015/16 um 220 Milliarden Euro reduziert worden, und die Regierung sitze immer noch auf beruhigenden Gold- und Währungsreserven von über 400 Milliarden Dollar. Mit einer Staatsverschuldungsquote von 16 Prozent liege Russland an sechster Stelle und beschäftige die meisten Gastarbeiter. Der Referent nannte aber auch die alten, immer noch vorhandenen Probleme wie die hohe Bürokratie, verkrustete Strukturen, Korruption und Vetternwirtschaft und die zögerliche Taktik „Zwei Schritte vor, einer oder auch zwei zurück“.

Für ausländische Investoren sei das Klima durch die massive Abwertung des Rubel so günstig wie nie. Die Arbeiter seien gut ausgebildet und das Lohngefüge ausgeglichen. In Russland zu produzieren und von dort aus zu exportieren, mache also durchaus Sinn und auch entsprechenden Gewinn, wie Schepp an folgenden Beispielen verdeutlichte: BMW stehe kurz vor dem Bau einer Produktionsstätte in Kaliningrad. Bosch beziehe seine Zündkerzen aus Russland.

„Die neue, stark verjüngte und bestens gebildete Führungsmannschaft im Kreml hat ihre Hausaufgaben in weiten Teilen gemacht“, so der Russlandkenner. Das Wettrennen um neue Investoren sei in vollem Gange, die Bedingungen vor Ort bestens. Stirnrunzeln bereitet dem Redner dabei allerdings, dass er immer wieder protektionistische Tendenzen erkennen könne.

Schepp ließ den Blick auch in die Zukunft schweifen. Präsident Putin sei nicht so allmächtig wie allgemein angenommen. Er lasse sich viel Zeit und treffe dann die letzte Entscheidung. Das sei bei den zwei bestimmenden Gruppierungen in der Regierung nicht einfach. Die Wirtschaftsliberalen stehen für eine florierende Makroökonomie.

Berechenbar

Dagegen stehen die Interessen der Geheimdienste und der Vertreter des nationalen Sicherheitsrats mit dem Industrieminister an der Spitze. Putins schwierige Aufgabe sei die Rolle des Moderators zwischen beiden Lagern. „So lange Putin der Präsident ist, bleibt Russland berechenbar“, so die Einschätzung des Referenten.

Im ersten Teil der Sitzung waren der Jahresabschluss genehmigt und eine Reihe von Regularien verabschiedet worden. Neues gab es aus Sicht des Präsidenten Professor Dr. Harald Unkelbach: Die Vizepräsidenten und die Mitglieder der Vollversammlung sollen künftig stärker eingebunden werden, damit die Vollversammlungen zu einem „Ort des Austausches“ werden. Das Präsidium will mehr auf die Wünsche der Mitglieder eingehen und wissen, was die Basis denkt.

Damit die Kammerspitze die Richtung vorgeben kann, um das zu tun, was für die Wirtschaft der Region wichtig ist. „Wir wollen mehr an die Zukunft denken als uns mit Formalien beschäftigen“, so der Präsident. Auch über die noch zu bildenden Ausschüsse für Umwelt und Energie will man sich in der nächsten Sitzung im Dezember unterhalten. Der Finanzausschuss mit Ralf Hirschfeld an der Spitze wurde bereits geschaffen.