Main-Tauber

Ausbildungsmarkt Arbeitsagentur berät Bewerber neutral / Arbeitgeberservice hilft Firmen bei Strategien, um für junge Menschen attraktiv zu sein

Soft-Skills gewinnen an Bedeutung

Schulabgänger haben die Qual der Wahl, denn es gibt mehr Ausbildungsstellen als Bewerber. Für Unternehmen heißt das: Ihre Firma muss sich für Jugendliche attraktiv präsentieren.

Main-Tauber-Kreis. 1510 Berufsausbildungsstellen waren bei der Arbeitsagentur Schwäbisch Hall-Tauberbischofsheim für den Main-Tauber-Kreis für das vergangene Berichtsjahr gemeldet. Das begann am 1. Oktober 2017 und endete am 30. September 2018. Eigentlicher Ausbildungsbeginn ist in der Regel der 1. September jeden Jahres, die Möglichkeit, eine Lehrstelle noch kurz nach diesem Termin zu beginnen und mit kleiner Verzögerung in die Berufsschulklasse zu stoßen, ist allerdings möglich.

Diesen 1510 Ausbildungsstellen standen 971 Bewerber gegenüber, so dass rein rechnerisch auf jeden Bewerber 1,56 Lehrstellen kamen. 959 dieser 971 Bewerber fanden einen Ausbildungsplatz oder aber eine schulische Alternative. Lediglich zwölf junge Menschen blieben unversorgt, obgleich jeder von ihnen theoretisch auf fast acht Ausbildungsstellen Zugriff gehabt hätte.

Holger Simonidis, Leiter der Berufsberatung am Standort Tauberbischofsheim, kennt diesen Sachverhalt. Manchmal sei es einfach so, dass keine Stelle im Wunschberuf gefunden werden konnte, teilweise gebe es Vermittlungshemmnisse, etwa einen schlechten Schulabschluss. In letzterem Fall könne durch verschiedene Maßnahmen, wie die Einstiegsqualifizierung, nachgebessert werden.

Dabei handelt es sich um ein sechs- bis zwölfmonatiges Praktikum in einem Betrieb, für das 231 Euro an den Betrieb sowie eine Pauschale für die Sozialversicherung gezahlt wird. In der Regel gibt der Arbeitgeber diese 231 Euro an den Praktikanten weiter. Dieser hat die Chance, Betrieb und Beruf kennenzulernen sowie die Berufsschule zu besuchen. Im Idealfall mündet die Einstiegsqualifizierung in eine Lehre und wird auf die Ausbildungszeit angerechnet.

„Wir beraten neutral und vermitteln auch überregional“, hebt Holger Simonidis den Anspruch der Berufsberatung hervor. Natürlich werde auf Chancen in der Region hingewiesen und zu Praktika angeregt. Wer jedoch das feste Ziel habe, Goldschmied zu werden, finde vor Ort keinen Ausbildungsplatz, sondern müsse sich gen Pforzheim orientieren.

Bedarf im technischen Bereich

Einen hohen Bedarf sehen die Berufsberater im sogenannten MINT-Bereich. Die Abkürzung steht für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Vor allem Mädchen sollen an diese Fächer stärker herangeführt werden. „Schulen sind nach dem neuen Curriculum gefordert, diese Fächer praxisorientierter ab Klasse fünf zu unterrichten“, erläutert Simonides. Immerhin steht der Agenturbezirk Schwäbisch Hall-Tauberbischofsheim im landesweiten Ranking beim Frauenanteil bei neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen in dualen MINT-Berufen mit 11,7 Prozent auf Platz sechs. Doch auch hier differenziert Holger Simonides. Das Gros der Frauen (39,2 Prozent) wählt aus diesem Bereich den Beruf Technische Produktdesignerin, was in erster Linie Bildschirmarbeit bedeutet. „Schmutzig, laut und dreckig soll es meist nicht sein“, stellt Simonides fest und fügt an: „Da sind nach wie vor dicke Bretter zu bohren.“

Wird bei der Berufsberatung der Fokus auf den Bewerber gelegt, steht beim Arbeitgeberservice die Firma im Mittelpunkt. „Manch kleinerer Handwerksbetrieb hat es nach schlechten Erfahrungen mit einem Ausbildungsabbruch oder dem Mangel an Bewerbern aufgegeben, nach Auszubildenden zu suchen“, weiß Teamleiterin Anna-Maria Lenk. „Unser Ziel ist es deshalb, die Arbeitgeber am Ball zu halten“, beschreibt Claudia Richter vom Arbeitgeberservice die Aufgabe. Gerade kleineren Firmen ohne Personalabteilung stehen sie und ihre Kollegen zur Seite. Ein Rat lautet, Stellenausschreibungen zu individualisieren und Stärken herauszustellen.

Stärken herausstellen

So finanzierten manche Unternehmen bei weit entferntem Berufsschulunterricht Unterkunft und Fahrtkosten oder beteiligten sich daran, andere böten einen Fahrdienst, um überhaupt zur Arbeit zu kommen. „Für manche ist das selbstverständlich“, meint Claudia Richter. Gutes zu tun und damit für sich selbst zu werben, müsse vielen aber erst nahegebracht werden.

Was die Mitarbeiter des Arbeitgeberservices zudem feststellen ist, dass die Soft-Skills, also persönliche, soziale und methodische Kompetenzen, eine immer größere Rolle spielen. Zwar werde gerade in technischen Berufen immer noch nach den Noten in naturwissenschaftlichen Fächern geschaut, doch werde dem Auftreten des Bewerbers ein hoher Stellenwert beigemessen. „Der erste Eindruck zählt“, so Richter.

Darüber hinaus empfiehlt der Arbeitgeberservice, auf Ausbildungsmessen präsent zu sein, soziale Medien zu nutzen, Kooperationen mit Schulen einzugehen, einen Tag der offenen Tür anzubieten oder auf der eigenen Homepage zu informieren. Ist ein Ausbildungsvertrag geschlossen und stellen sich schulische Probleme ein, greifen die ausbildungsbegleitenden Hilfen, die bereits seit Jahren fest etabliert sind. Rund 100 vom Kolping Bildungswerk betreute Plätze gibt es im Main-Tauber-Kreis, die immer ausgelastet sind.

Anna-Maria Lenk kennt das Problem der Fachkräftegewinnung, das bei vielen Firmen über die Ausbildung gelöst wird. Um diese Plätze zu besetzen, ist manchmal aber Kreativität gefragt. Verena Kraus, Pressesprecherin der Arbeitsagentur: „Wenn du nicht auffällst als Betrieb, fällst du weg.“