Main-Tauber

Suchtberatung Michael Goldhammer und Mathias Schulz stellten dem Ausschuss für Soziales, Bildung, Kultur und Verkehr die Arbeit der agj im Main-Tauber-Kreis vor

Soziales Umfeld sollte sehr achtsam reagieren

Main-Tauber-Kreis.Sucht in all ihren Formen ist seit Jahren Thema im Main-Tauber-Kreis. Vor drei Jahren stellte die Suchtberatung der agj dem Kreistagsausschuss für Soziales, Bildung, Kultur und Verkehr das letzte Mal ihre Arbeit vor. Am Mittwoch war es wieder so weit.

Unrühmlich für den Landkreis ist sicher, dass er seit rund einem Jahrzehnt landesweit ganz oben bei denjenigen ist, aus denen die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus kommen. Doch Michael Goldhammer, Leiter der Suchtberatung, relativierte die Zahlen. „Wo gute Präventionsarbeit geleistet wird, wird mehr kontrolliert und fallen deshalb auch mehr junge Menschen auf“, argumentierte er. Das berüchtigte „Komasaufen“ sei aus der Mode. Auch bei Amphetaminen und Kräutermischungen sei insgesamt ein Rückgang festzustellen. Bei jungen Leuten überwiege der Cannabis-Konsum, ab 30 sei es der Alkohol, der Probleme bereite.

Rein statistisch betreut die Suchtberatung zwischen 540 und 580 Klienten pro Jahr. Der Frauenanteil sank 2017 von 29 auf 27 Prozent. Wichtig ist Goldhammer und seinem Team, den Kontakt bei Anfragen schnell aufzubauen. 77 Prozent erhalten einen Termin innerhalb von 14 Tagen, 92 Prozent binnen drei Wochen. Da es sich durchaus auch um Menschen handeln kann, die sich mit dem Gedanken an einen Suizid tragen, gibt es sowohl Hausbesuche als auch einen engen Kontakt mit der am Krankenhaus Tauberbischofsheim angesiedelten Psychiatrie. Zu Letzterer meinte Goldhammer: Davon profitieren die Menschen im Kreis.“

Und weiter: „Es geht uns in erster Linie darum, Vertrauen aufzubauen“, so Goldhammer. Nach dem ersten Kontakt finden in der Regel fünf bis sieben Gespräche in einem Abstand von drei Wochen statt. Auf 2751 Kontakte kam das fünfköpfige Sozialpädagogenteam so im vergangenen Jahr.

Bei den Süchten dominiert der Alkohol bei 255 Klienten. Gefolgt wird er von Drogen mit 194 Ratsuchenden. Davon sind 107 vornehmlich junge Menschen primär von Cannabis abhängig. 63 Klienten leiden unter Spiel- oder Tabaksucht, wovon 36 den Automatenspielern zugeordnet werden. Zudem betreut die Suchtberatung auch Angehörige. 69 waren es im vergangenen Jahr.

Neben den ambulanten Maßnahmen wie der Rehabilitation oder der Nachsorge, kamen allein 50 Prozent der Ratsuchenden aufgrund von gerichtlichen Auflagen oder Auffälligkeiten im Straßenverkehr. 34 Klienten wurden im Rahmen des Drogenersatzprogramms betreut.

Schwierige Evaluation

Anhand von Abfragen nach dem Betreuungsende versucht die Suchtberatung, die Wirksamkeit herauszufinden. Rund 50 Prozent der ehemaligen Klienten, so das Ergebnis, sei ein Jahr nach Ende der Maßnahme noch abstinent von Suchtmitteln. Doch es sei schwer, tatsächlich aussagekräftige Zahlen zu präsentieren, so Goldhammer, da anhand von Fragebögen ausgewertet werde. Sind die Klienten nicht mehr erreichbar, wird eine Erhebung zwangsläufig löchrig.

Nicht nur die Beratung und Betreuung gehört zur Arbeit der Suchtberatung, sondern auch Prävention durch Öffentlichkeitsarbeit. Bei 78 Veranstaltungen in Schulen, in der Jugendarbeit oder in Betrieben, in Kooperation mit der Polizei und den Kommunen beim Projekt „Festkultur“ sowie bei thematisch orientierten Vorträgen wurden über 1400 Personen und Multiplikatoren erreicht.

Von den Schülermultiplikatorenseminaren berichtete Mathias Schulz, der zum 1. März die Nachfolge von Gerhard Heine übernommen hat. Über 500 Schüler wurden in Seminaren zu Multiplikatoren ausgebildet. Inhaltlich geht es darum, die Ursachen der Suchtentwicklung kennzulernen, eigene Erfahrungen zu reflektieren, die eigene Meinung gegenüber dem Thema Sucht zu stärken sowie Alternativen zum Suchtmittelkonsum zu entwickeln und erlebnispädagogisch zu erproben. „Wichtig ist, dass Schüler lernen, dass sie in Kooperation mit Erwachsenen Lösungen suchen müssen“, so Schulz. Eigene Seminare an der jeweiligen Schule der Multiplikatoren sollen Mitschüler für das Thema Sucht sensibilisieren. Schulz: „Das kommt bei den Schülern an.“

Ein großes Lob hatte Kreisrat Dr. Urban Lanig (CDU) für die Suchtberatung der agj. „Sie haben eine tolle Art, auf die Leute einzugehen“, bescheinigte er dem Team. Er wies allerdings auf die recht hohe Dunkelziffer beim Thema Sucht hin. Zudem fragte er, ob die Aufforderung an die Gastronomie noch gelte, ein alkoholfreies Getränk günstiger als Bier anzubieten.

Als weitere Anregung in Richtung des Aktionskreises Sucht- und Gewaltprävention, Sicherheit und Gesundheitsförderung nannte er die Aufklärung über die drastische Zunahme von Geschlechtskrankheiten wie Chlamydien oder HPV-Viren, aber auch HIV. Diese bereiteten zunehmend Probleme, weshalb stärker präventiv gearbeitet werden müsse.

Eberhard Feucht (Bündnis90/Die Grünen) stieß mit seiner These, dass in Fußballvereinen extrem viel Alkohol getrunken werde, auf Gegenwehr bei den Kollegen. „Wir sind kein Saufverein, sondern ein Fußballverein“, dementierte Alois Imhof (Freie Wähler) vehement. Alfred Bauch (SPD) sprang ihm bei: „Ich habe viele Einblicke in Vereine. Das Verhalten in allen Vereinen sei in geselliger Runde gleich.“ Von Extremfällen könne er nicht berichten.

Josef Morschheuser wollte wissen, ob die Folgen von Sucht mit nackten Tatsachen in drastischen Bildern vorgeführt würden. „Es geht darum, welche Weichen man präventiv stellen kann“, erläuterte Mathias Schulz. Abschreckende Beispiele, ergänze Goldhammer, könnten zudem das Gegenteil bewirken und Neugier wecken.

Elmar Haas (Freie Wähler) appellierte, gerade bei Festen besser hinzuschauen, was die Jugendlichen tun. Denn dort entwickele sich in Sachen Alkoholkonsum vieles in der Gruppendynamik.

Abschließend fragte Renate Gassert, ob bereits Migranten oder Asylbewerber Klienten der Suchtberatung seien. Sie beobachte nämlich, dass in den Unterkünften ganz ordentlich getrunken werde. Goldhammer verneinte dies, verwies aber auf die Erfahrungen in den 90er Jahren mit den Spätaussiedlern. Über kurz oder lang kämen auch aus dieser Gruppe Klienten. hvb