Main-Tauber

Wirtschaftsrat Dr. Wolfgang Fassnacht, Personalleiter bei SAP, hielt ein interessantes Referat

Wie finden und halten Unternehmen die besten Mitarbeiter?

Archivartikel

Main-Tauber-Kreis.Die Zeiten, in denen man die besten Mitarbeiter allein mit einem guten Gehalt für sich gewann, sind mit der Ankunft der „Generation Y“ in der Arbeitswelt endgültig vorbei. Vor Unternehmern, Mitgliedern und Gästen des Wirtschaftsrates referierte Dr. Wolfgang Fassnacht, Senior Vice President Global bei SAP, über aktuelle und künftige Herausforderungen bei der für jedes Unternehmen wichtigsten Ressource: den Mitarbeitern. Er war dem Aufruf des Wirtschaftsrats, Sektion Badisch-Franken, nach Tauberbischofsheim gekommen.

Sektionssprecherin Petra Jouaux ging in ihrer Begrüßungsrede darauf ein, dass sie sich „jederzeit über neue Mitglieder und neue Impulse freue und jeden Unternehmer, der sich für die Sache des Wirtschaftsrats interessiere, willkommen heiße“.

Michael Schneider, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Main-Tauber, gab in seinem Grußwort Einblick in das erfolgreiche Geschäft seines Hauses und skizzierte die wichtigsten Eckdaten, deren Kundenstruktur in der Region, und stellte das neue Servicekonzept in Bad Mergentheim vor, bevor er zu Dr. Wolfgang Fassnacht überleitete.

Badisch-Franken weist nahezu Vollbeschäftigung und viele produzierende Unternehmen auf. Doch wie gewinnt man als multinationales Unternehmen die besten Mitarbeiter und bindet sie anschließend langfristig an die Firma?

SAP zählt zu den beliebtesten Arbeitgebern in Deutschland, daher antwortete Dr. Fassnacht sehr eingehend auf diese Frage. Dabei beleuchtete er verschiedenste Strategien und Eckpfeiler im Human Resources Bereich bei SAP.

SAP ist der größte europäische Softwarehersteller und rangiert weltweit auf dem vierten Platz. 1972 gegründet, erwirtschaftet das Unternehmen heute mit circa 90 000 Mitarbeitern etwa 23 Milliarden Euro Umsatz. Fassnacht betonte: „SAP konkurriert mit verschiedenen Unternehmen weltweit um die besten Mitarbeiter.“ Die jüngeren Generationen werden bei der Wahl des Arbeitgebers zunehmend nicht mehr nur vom Gehalt, sondern auch von der Sinnhaftigkeit der Arbeit und der Atmosphäre in der Firma beeinflusst. Diese Bewegung wird in Fachkreisen „From profit to purpose“ genannt. Um auf die „Generation Y“ und die nachfolgende „Generation Z“ eingehen zu können, ist ein Umdenken in der Wahrnehmung der Mitarbeiter notwendig.

Neben der Stellung als Talentmagnet haben noch weitere Punkte in der Personalgewinnung und Personalbindung dieselbe Wichtigkeit. Dazu zählen, passionierte Teamleiter und Experten auszubilden, maßgeschneiderte Lernangebote und Weiterbildungen anzubieten, zukunftsfähige Arbeitsplätze und die Unternehmenskultur zu leben. So beschäftigt SAP eine wachsende Zahl von Mitarbeitern mit Asperger-Syndrom und baut deren individuelle Stärken passgenau in das Unternehmen ein. Dass SAP ungewöhnliche Wege gehe, zeige sich auch indem Mitarbeiter interne Achtsamkeitsseminare besuchen können.

Selbstverständlich öffne sich der Personalbereich bei SAP auch vollständig für die Digitalisierung, so Fassnacht. Diese ermöglicht einen nie da gewesenen Bürokratieabbau und mithilfe von künstlicher Intelligenz individuellere Lösungen für die Mitarbeiter in allen Bereichen. Dies geschieht ohne zeitlichen Mehraufwand.

SAP-Mitarbeiter arbeiten generell auf Vertrauens- und nicht auf Kontrollbasis.

Seit Gründung der Firma existieren keine Zeitkontrollen und Stempelanlagen. Hierarchien und alte Bewertungssysteme werden schrittweise immer weiter abgeschafft. Mitarbeiter können jederzeit in Teilzeitarbeit wechseln und ohne Verzögerung wieder in ihre Vollzeitstelle zurückkehren.

Diese Flexibilität nimmt den Mitarbeitern die Angst vor einem Verbleiben in Teilzeit und fördert die Effektivität der Arbeitseinteilung. Transparenz und Wertschätzung sind zum festen Bestandteil in den verschiedenen Teams und im Dialog mit jedem Mitarbeiter geworden.

Im Wesentlichen befreit sich die menschenfreundliche Personalentwicklung 4.0 von Bürokratie und alten Zwängen und ist somit für die Zukunft und die nachkommenden Generationen, zumindest im Fall von SAP, bestens ausgerüstet. Fassnacht fügte jedoch an: „In dieser Hinsicht sind wir ein Raumschiff, verglichen mit anderen Firmen.“ Er spielte damit auf die Rückständigkeit im Personalwesen vieler anderer Unternehmen an. Die Erkenntnisse des Vortrags ermöglichten den Anwesenden einen neuen Blickwinkel auf die Art und Weise, wie man als Unternehmer in Zukunft Mitarbeiter rekrutieren, aufbauen und führen kann. Nach dem Vortrag tauschten die Teilnehmer sich in angenehmer Atmosphäre in den Räumlichkeiten der Volksbank Main-Tauber aus.

Themen wie die Zukunft des Personalwesens greift der Wirtschaftsrat auch in Landesfachkommissionen, wie beispielsweise zum Thema Bildung oder Digitalisierung auf. Die Bündelung von Know-how der verschiedenen Mitglieder aus ähnlichen Branchen liefert hierbei Synergieeffekte, die zum Erreichen des gemeinsamen Ziels führen.

Der Wirtschaftsrat ist der starke Mediator zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik und zugleich Kompetenzzentrum, Netzwerk und Ratgeber mit weitreichendem Einfluss dank seiner Unabhängigkeit. Dabei ist er dem Gemeinwohl und der sozialen Marktwirtschaft verpflichtet.

Die Sektion Badisch-Franken profitiert davon und hat es sich zum Ziel gesetzt, sowohl die Mitgliederzahl zu erhöhen als auch das Themenspektrum zu erweitern. Es werden künftig noch weitere Veranstaltungen dieses Formats stattfinden, die zum Austausch und zur Partizipation einladen. pm