Main-Tauber

Zu Fuß auf Buch-Reise

Von unserem Redaktionsmitglied

Den legendenumrankten "Heiligen Rock" in Trier habe ich nicht gesehen. Dafür aber mutmaßlich Sarah Wagenknecht (mit Regenbogenglitzerohrringen) unweit des angeblichen Geburtshauses von Karl Marx in der Brückenstraße.

Zweifel sind beim Christusgewand angebracht (ein weiteres Original soll es in Georgien geben). Und das Marx-Haus ist bekanntermaßen mehrfach so umgebaut worden, dass es eigentlich kein wirkliches Marx-Haus mehr ist. Nur die Wagenknecht, die war echt. Politiker sehen oft fast so aus, wie auf ihren Wahlkampfplakaten.

Eigentlich war ich auf der Suche nach garnichts - höchstens nach dem nächsten Wegzeichen vom Moselsteig. Meine Wanderung von Luxemburg Richtung BernkastelKues ist zwar jetzt schon gut zwei Wochen her, aber den blauen großen Zeh vom langen Bergabgehen habe ich heute noch.

Fernwandern ist doch eine tolle Sache - es sei denn, man stolpert mit Stirnlampe durchnässt von innen (Schweiß) und außen (Regen) mitten in der Nacht einen kaum mehr erkennbaren, rutschigen Waldpfad hinunter und übernachtet dann in der Not auf dem harten Boden eines Weinbergskapellchens. Bei vier Grad plus am nebligen Morgen dann eine Urlaubsstimmung, wie man sie sich wünscht.

Ich beschwere mich nicht - im Gegenteil. War alles freiwillig, selbst Wagenknecht. Wer die Härten einer solchen Tour aushält, bekommt nämlich auch spektakuläre und wunderschöne Ausblicke ebenso wie eine urwälderige Auenschlucht mit dem feinen Namen Busental (gleich hinter Trier) zu sehen. Und zum Glück nur von Ferne Heerscharen von Wohnmobilisten, die ganze Äcker vor den kleinen Weinorten bewohnen. Kommt einem fast wie ein Plattenbau vor - und so unglaublich gemütlich! Wer aus seinem Wohnmobil-Fenster guckt, schaut gleich aufs nächste.

Der Hobbit Frodo Beutlin war Fünfzig, als er vom Auenland über Bree nach Bruchtal wanderte. Eine lange Reise bis ins düstere Land Mordor. Ein bisschen kam ich mir vor wie in "Der Herr der Ringe". Band eins (die grüne Paperbackausgabe meiner Jugend) hatte ich mitgeschleppt und abends in meinem Ein-Mann-Biwakzelt gelesen. Hobbits, Elben, der lustige Tom Bombadil, die Ringgeister - erschöpft und draußen fühlt man sich solcherart phantastischer Literatur noch näher.

Ich liebe solche Buch-Reisen. Einmal bin ich von Konstanz über die Alpen nach Lugano gegangen mit Hesses "Narziss und Goldmund". Am Ende ging's dann hinauf nach Montagnola im Tessin und zum Friedhof Sant'Abbondio ans Grab des Schriftstellers.

Kein Mobiltelefon, kaum Menschen, der Pfad und "Ich". Der Weg ist das Ziel - aber froh ist man schon, wenn man irgendwann ankommt. Wenngleich: Die schlimmsten Blessuren hat man überwunden und könnte immer weitergehen.