Main-Tauber

Land und Leute Christoph Reichel hat aus dem „Beavers“ in Miltenberg einen Musikclub gemacht, der seinesgleichen sucht

Zu Gast im Reich der ewigen Jugend

Das „Beavers“ in Miltenberg ist ein Live-Club, wie man ihn nicht oft findet. Christoph Reichel hat daraus ein einzigartiges Schatzkästchen gemacht.

Jede Wand, jeder Winkel steckt voller Wunder. Zumindest für den, der ein Faible hat für alte Plattenhüllen, Poster, signierte Gitarren und allerlei Gimmicks. Christoph Reichel ist der Herrscher über dieses Reich der ewigen Jugend. Ob Bob Marley oder Pierre Brice, Jeff Beck oder Bata Illic – von A wie Adamo bis Z wie Zappa findet der fast schon fassungslose Gast staunend so gut wie jeden, der einst bekannt, berühmt oder auch nur berüchtigt war – und auch heute noch ist. Autogrammkarten, Tourplakate, „Bravo“-Hefte, Fan-Devotionalien: Christoph Reichel hat alles.

Doch wer ist dieser Mann? Wie „abgefahren“ muss man sein, um solch eine Welt zu erschaffen? Im Gespräch mit ihm wird schnell klar: Christoph Reichel, bald 63, ist so „normal“ wie man nur sein kann. Er liebt seine Heimat Miltenberg („ein wunderschönes Städtchen“), er spricht voller Liebe von seinen Eltern, seiner Frau, mit der er bereits seit 38 Jahren zusammen ist, seinen beiden Söhnen und seinen Geschwistern. „Ich hatte mein ganzes Leben lang Glück“, sagt er.

Vielleicht legten seine Eltern ja den Grundstein für das „Beavers“. Denn so liebevoll sie auch waren – mit der aufkeimenden Begeisterung für Rock und Pop Anfang der 60er Jahre hatten sie nichts am Hut.

Und deshalb gab es „so was“ auch nicht zu Hause in Rüdenau – obwohl das Familienoberhaupt selbst in einer Band spielte. „Durch dieses Verbot“, sagt Christoph Reichel und lächelt, „war der Reiz natürlich viel größer. Freunde hatten die Poster aus der ,Bravo’ an der Wand hängen, und wir durften diese Zeitschrift nicht einmal lesen.“ Er erinnert sich noch genau: „Bei Fußball- und Eishockeyspielen hingen die älteren Kids über der Bande und schrien ,Yeah, yeah, yeah! Mein Bruder und ich haben einfach mitgebrüllt – ohne zu wissen, worum es überhaupt geht.“

„Der Neckermann“ als Mekka

Doch dann ging es auf einmal trotzdem ganz schnell: „Jemand überließ mir einen Packen Singles, und seitdem hat es mich gepackt.“ Zum Geburtstag gab es als i-Tüpfelchen dann noch eine LP von den Bee Gees – ausgerechnet von den Eltern.

Fast schon wehmütig erzählt Christoph Reichel von der Schallplattenabteilung „beim Neckermann“ in Frankfurt, die bald zu seinem persönlichen Mekka wurde und nur noch in seiner Erinnerung existiert. „Die hatten einen Wühltisch mit Singles für 50 Pfennig. Heute sind das Raritäten.“ Und so wurde seine Sammlung immer größer.

Er berichtet von der Radio-Hitparade im Hessischen Rundfunk – „darauf hat man die ganze Woche hingefiebert“ – und von den wenigen Musiksendungen im Fernsehen wie zum Beispiel dem „Beatclub“ mit Uschi Nerke. Sie war übrigens auch schon im „Beavers“ zu Gast.

„Früher“, sagt er und jetzt spricht der Nostalgiker in ihm, „waren die Zeiten für mich schöner und viel aufregender. Es gab noch alles zu entdecken.“ Per Anhalter reiste er in den Sudan und zum Nordkap. „Heutzutage“, meint er, „haben die jungen Leute doch schon alles gesehen.“

Er weiß auch noch genau, wie er 1973 von Rüdenau nach Königshofen fuhr. Dort spielten nämlich Inga Rumpf, Atlantis und If.

Überhaupt hat der jung gebliebene Fast-63er ein phänomenales Gedächtnis. Zu jedem Bild an jeder Wand weiß er noch die dazugehörende Geschichte – ob sie nun von Johnny Winter, Mungo Jerry, Barry Ryan oder George Harrison handelt. Sein Computer-Archiv ist so gut gepflegt, dass selbst der NDR auf der Suche nach bestimmten Liedern schon fündig wurde.

Die Stückzahlen seiner gesammelten Werke weiß jemand wie Christoph Reichel natürlich auswendig: „Ich habe 67 000 Schallplatten, 300 000 Songtitel, 10 000 Autogramme, 8000 Plakate und alle ,Bravos‘ von 1956 bis 1980.“ Jede Schallplatte steckt fein säuberlich in einer Hülle mit einer Nummer darauf, jeden Titel, jede Musikzeitung, jedes Plakat hat er in den PC eingetippt.

Reichel gibt zu, ein Jäger und Sammler zu sein: „Mir fällt es schwer, etwas wegzuwerfen“. Bei sich zu Hause hat er allein für seine Schallplatten den Dachboden ausgebaut. „Meine Frau“, sagt er und lächelt, „hat das wohlwollend toleriert“.

Zwei Mal im Jahr nach Utrecht

Und er sinniert: „Wenn ich in mein Zimmer unterm Dach gehe, ist das für mich wie eine Zeitreise. Dann bin ich wieder in den 60er, 70er Jahren. Aber das verstehen viele nicht“.

Zweimal jährlich fährt er nach Utrecht. Die größte Plattenbörse der Welt, sie kann nicht ohne jemanden wie Christoph Reichel stattfinden. Seine Augen leuchten, wenn er von den Dimensionen dort erzählt.

Was einst die Schallplattenabteilung „beim Neckermann“ war, ist heute Utrecht für ihn, Mailand und Paris, aber auch der Flohmarkt in Obernburg. „Oft kaufe ich nur Platten, weil mir das Cover so gut gefällt. Da sind manchmal wunderschöne Motive dabei. Einmal jedoch“, berichtet er und lacht, „lag ich total daneben. Das Cover sah für mich nach Psychedelic Rock aus. Daheim entpuppte es sich dann als politisches Kabarett aus Italien“.

„Jetzt oder nie!“

Ein Bericht über Christoph Reichel kann aber nicht vollständig sein, wenn man den Blick nur auf seine Sammelleidenschaft wirft. Der Miltenberger ist auch ein Stehaufmännchen, jemand, der nicht aufgibt. Der Familie Reichel gehörte nämlich einst eine kleine Arzneimittelfirma. 26 Jahre lang verdiente man damit gutes Geld. Doch dann kam die „Enteignung“, wie Reichel es nennt. „Der Markt wurde bereinigt, alle kleinen Unternehmen gingen kaputt.“

Er erinnert sich: „Zwei Jahre lang war ich jeden Tag auf der Straße nach Rüdenau an dieser Ausstellung von Fertigküchen vorbeigefahren. Dann kam mir die Idee mit einer Art ,Hard Rock Café‘ darin. Ich dachte: Jetzt oder nie! Schon so oft hatte ich Menschen kennengelernt, die etwas Tolles aus ihrem Leben machen wollten und es nie wagten. Ich sagte mir: Bevor es in die Kiste geht, packen wir das an!“ Eine Idee, die ihn bald an seine Grenzen bringen sollte.

Er erzählt: „Mein damaliger Geschäftspartner hatte vom Tagesgeschäft genauso wenig Ahnung wie ich. Ich wusste ja nicht einmal, wie man ein Bier einschenkt.“ Nach vier Wochen stand er ohne Partner, dafür aber mit einem Riesenberg Schulden da. „Meine Frau und ich waren ganz unten. Aber ich habe immer gesagt, ich zieh’ das durch, die kriegen mich nicht!“ Reichel: „Jeden Morgen redete ich mir ein: Bedauer’ dich nicht selbst! Schmeiß die Bettdecke weg und pack’s an!“ Das war vor zehn Jahren. Aus dem Lokal, das als bloße „Kneipe“ für Miltenberg viel zu groß war, entwickelte sich nach und nach ein beliebter Musikclub: „Irgendwann haben wir beschlossen, auch Livekonzerte anzubieten, und wir merkten: Da haben wir plötzlich viel mehr Gäste.“ Doch auch das gestaltete sich nicht ganz so einfach, wie es sich anhört. „Am Anfang war es ein harter Kampf, überhaupt Künstler hierher zu bekommen.

Und das Equipment für Konzerte habe ich mir immer vom Musikladen in Miltenberg geliehen.“ Von Anfang an sparte er nicht am falschen Ende. Sein Credo: „Jeder Künstler ist nicht nur Geschäftspartner, sondern auch Gast. Und dementsprechend werden die Leute auch behandelt.“ Das sprach sich in der Szene schnell herum. Christoph Reichel strahlt, als er von jener Liste mit Clubs erzählt, mit der Künstleragenturen arbeiten: „Da stehen wir ganz oben dabei.“

Längst geben sich im „Beavers“ bekannte Bands und Sänger die Klinke in die Hand. Im Dezember gastierte Martin Turner’s Wishbone Ash dort, und kürzlich probte Schauspieler Uwe Ochsenknecht mit seiner Band bei Christoph Reichel.

Die Schulden – sie sind seit zwei Jahren abbezahlt. Den neuen Bürgermeister und den neuen Landrat bezeichnet der Rory-Gallagher-Fan als Glücksfälle: „ Beide haben erkannt, dass das ,Beavers’ für Miltenberg eine große Bereicherung darstellt.“

Und deshalb bereut der 62-Jährige auch nichts – fast nichts: „Ich hätte die Zeit, die ich als aktiver Fußballer in den Sport investiert habe, vielleicht dazu verwenden sollen, ein Instrument zu erlernen.“ Zur Erklärung: Reichels Verein spielte in der Landesliga Nord in Bayern: „In einer einzigen Saison sind wir mehr Kilometer gefahren als der 1. FC Köln in der Bundesliga.“ Der Name „Beavers“ kommt übrigens auch vom Sport: Als aktiver Kicker trug Reichel den Spitznamen „Biber“.

Unter Stars und Sternchen

Steht man staunend im „Beavers“ inmitten der Stars und Sternchen, erscheint einem die Frage nach einem weiteren Hobby fast schon überflüssig. Zum Glück hat man sie dann doch gestellt, denn die Antwort ist schon fast philosophisch: „Ich lese fast alles – Biografien, wissenschaftliche Abhandlungen, Romane, Krimis. In meinen Augen gibt es keine uninteressanten Dinge, sondern nur desinteressierte Menschen.“

Christoph Reichel ist aber auch noch in anderer Hinsicht ein ganz erstaunlicher Zeitgenosse: „Ich glaube, ich bin der einzige Kneipier, der noch nie in seinem Leben geraucht oder Alkohol getrunken hat. Nicht einmal eine Schnapspraline habe ich je gegessen“, sagt er und lacht.

Dass der Mietvertrag fürs „Beavers“ nun nicht verlängert wird, haut einen wie Christoph Reichel nicht um. „Wir suchen in allen Richtungen und sind guten Mutes, dass wir etwas Geeignetes finden“, sagt er und lächelt verschmitzt.

Das Reich der ewigen Jugend, es wird nicht untergehen.

Info: Weitere Informationen, auch zum Musikprogramm, gibt es unter www.beaversmiltenberg.de im Internet.