Mosbach

KZ-Gedenkstätte Vortrag über Häftlinge des Lagers Neckarelz

Berührende Schicksale

Neckarelz.In der Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Neckarelz findet sich unter den lebensgroßen Holzfiguren, die mit exemplarischen Häftlingsschicksalen verknüpft sind, auch jene von Arnold Unger – mit damals 15 Jahren einer der Jüngsten im Lager Neckarelz. Wer waren diese Häftlinge? So fragte Arno Huth, stellvertretender Vorsitzender der Gedenkstätte, in seinem gut besuchten Vortrag. Die Antwort: Facharbeiter mit verschiedenen Elektroberufen.

Huth zeigte viele Bilder dieser Männer oder Jugendlichen und zeichnete berührende Schicksale nach. Ihr Leben war von enormer Gewalt geprägt und führte aus verschiedenen Städten und Ghettos schließlich ins KZ Plaszow, in das Anfang 1943 erstmals jüdische Gefangene einquartiert wurden und schließlich dem berüchtigten Kommandanten Amon Göth unterstellt wurde. Das Lager war zunächst als regionales polizeiliches Zwangsarbeitslager für Juden eingerichtet worden, wurde jedoch wegen des Arbeitskräftemangels in Deutschland später in das reichsweite System der Konzentrationslager eingegliedert. Für die jüdischen Häftlinge bedeutete dies, dass sie nicht unmittelbar in die Vernichtungslager deportiert wurden – eine kleine Chance auf Überleben.

Im Juli und August 1944 verließen Gefangenentransporte das Lager Plaszow nach Auschwitz, Stutthof, Flossenbürg, Mauthausen und andere Konzentrationslager, unter anderem auch die 50 jüdischen Elektriker über das Stammlager Natzweiler nach Neckarelz. Diese waren tatsächlich wegen Mangels an Elektrofachkräften im Verlagerungsprojekt „Goldfisch“ angefordert worden und wurden dort auch eingesetzt. Zwei von ihnen starben in Neckarelz und wurden in Binau auf dem dortigen jüdischen Friedhof begraben. Arno Huth fand heraus, dass die anderen überlebten und zum großen Teil nach dem Krieg auswanderten, darunter auch Arnold Unger.

Den zweiten Teil seines Vortrags widmete Huth dem SS-Oberscharführer Franz-Josef Müller, gegen den im Jahr 1961 vor dem Landgericht Mosbach ein Prozess geführt wurde. Müller, Jahrgang 1910, hatte in Mosbach die Volksschule besucht und eine Lehre als Buchbinder gemacht.

Eine Kriegsverletzung brachte ihn zum Innen- und Lagerdienst in Krakau, wo er schließlich mit der Leitung von drei jüdischen Zwangsarbeitslagern in Krakau und dem Aufbau und der Führung des KZ Plaszow betraut wurde. Damit war er der unmittelbare Vorgänger des Lagerkommandanten Amon Göth.

Huths Bericht über Müllers Schicksal schöpfte aus den Ermittlungsakten des Prozesses vor dem Landgericht Mosbach. Seine Recherchen sollen als Buchform herausgebracht werden. Die Ausführungen Huths legen nah, dass Müller eine widersprüchliche Persönlichkeit war. Er beschützte gelegentlich auch jüdische Häftlinge oder Kinder. Doch ebenso oft erschoss er auch rücksichtslos Menschen.

Das Mosbacher Landgericht verurteilte ihn wegen Mordes in 22 Fällen und Anstiftung zum Mord in 58 Fällen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. De facto saß er davon zehn Jahre ab, danach wurde die Strafe ausgesetzt und Müller schließlich 1976 begnadigt. doro