Mosbach

„(K)ein alltägliches Theater Inklusives Projekt in Mosbach / Gruppe brachte in der alten Mälzerei ihr erstes Stück auf die Bühne

„Das kalte Herz“ als Theater der Teilhabe

Im voll besetzten Theatersaal der Alten Mälzerei Mosbach spielte die inklusive Theatergruppe „(K)ein alltägliches Theater“ ihr erstes Stück „Das kalte Herz“ nach Wilhelm Hauff.

Mosbach. Gut, dass der 5. Mai, der „Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung“, in diesem Jahr gerade ein Samstag war, denn das Wochenende ließ sehr viele Menschen ein gelungenes Teilhabeprojekt erleben. „Es ist der beste Tag, um auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen“, sagte Sozialdezernentin Renate Körber in ihrem Grußwort. „Die Akteure haben sehr viel Herzblut hineingesteckt und zeigen, wie die Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung spielerisch und gleichberechtigt gelingen kann.“

Wer nun aber ein konventionelles Märchenspiel erwartet hatte – immerhin gilt Wilhelm Hauff als Märchen- und Sagendichter –, wurde eines Besseren belehrt. Die Bühne minimalistisch nur mit Tisch und Stühlen ausgestattet, Bühnenbilder lediglich auf einer Staffelei angedeutet, die Schauspieler größtenteils in schwarzer Kleidung: Regisseur Alexander Kaffenberger inszenierte die Fabel aus dem 19. Jahrhundert völlig neu und sehr zeitgemäß.

Eine Rahmenhandlung führte die Zuschauer in den Schwarzwald der Glasmacher und Köhler, wo Arm und Reich streng voneinander getrennt leben. Die Sehnsucht des armen Kohlenmunk-Peter nach Anerkennung und Reichtum führt ihn dazu, in den finsteren Wald zu gehen, um dort das Glasmännlein aufzusuchen. Unzufrieden mit seinem Schicksal, wünscht er sich zunächst Geld und Tanzkünste, um den Dorfbewohnern zu imponieren. Schließlich verbündet er sich sogar mit dem bösen Holländermichel und willigt ein, ihm sein Herz zu übergeben gegen ein Herz aus Stein. Doch von diesem Tag an langweilt ihn sein Leben, und er will sein Herz zurückhaben. Dieser Wunsch gelingt nur mit einer List und mit Hilfe des Glasmännleins, bei dem er noch einen Wunsch frei hat. Anerkennung und Geld – so lehrt uns die Fabel – taugen nichts, wenn das Herz dafür geopfert werden muss.

Wie diese alte und immer neue Geschichte jedoch dargeboten wurde, das war bemerkenswert. Die Hauptperson Peter Munk wurde von Markus Mössner gespielt, der aufgrund seiner Behinderung nicht sprechen kann. Kongenial setzte Alexander Kaffenberger ihm ein „zweites Ich“ an die Seite, nämlich Dorothee Horsch, die ihm ihre Stimme verlieh. Während der junge Mann durch Mimik und Gestik die Geschichte vom Peter Munk nicht nur spielte, sondern lebte, ergänzte die Schauspielerin das, was ihm aufgrund seiner Einschränkung nicht möglich war. Dichter und herzergreifender als Markus Mössner kann man diese Geschichte gar nicht darstellen: Sein trotziges Kopfschütteln, der sehnsüchtige Ruf nach dem Schatzhauser, der ängstliche Griff auf die Brust mit dem Herz aus Stein und schließlich seine Wandlung trugen das ganze Stück.

Reuevolle Einsicht

Das Glasmännlein, das Wünsche erfüllt, war mit Mara Vierling, einer jungen Frau mit Behinderung, ebenfalls bestens besetzt. Wie sie in ihrem wunderschönen schillernden Mantel über die Bühne wirbelte, dem Peter Verstand wünschte und ihn schließlich zur reuevollen Einsicht bewegte, das war Theater vom Feinsten. Ebenso gut spielten der düstere und bösartige Holländermichel Sören Möller, die Mutter des Peter Munk, Erika Glückstein, der Erzähler Karl Heinz Sinner und der reiche Ezechiel Daniel Will. Behindert oder nicht behindert – das machte hier keinen Unterschied. Denn Schauspieler, die nicht so gut artikulieren konnten, wurden durch einen Tandem-Schauspieler unterstützt, der die Worte mitsprach. Selbst die Bühnenbilder wurden von einer jungen Frau mit Behinderung, Angela Gelbarth, gemalt und zeigten in reduzierter und dichter Bildsprache den Ort der jeweiligen Szene. Die Musikerin Maritta Wojcik spielte Trommel, Tamburin, Triangel und Gitarre als klangmalerische Unterstützung des Stückes, was zusammen mit der Beleuchtung eine teilweise sehr düstere, unheimliche Stimmung erzeugte. Ergriffen erlebte das Publikum aus Menschen mit und ohne Behinderung diese Aufführung in andächtiger, fast atemloser Stille und belohnte die Schauspieler mit minutenlangem Klatschen und Standing Ovations.

„Für mich ist „Das Kalte Herz“ eine Geschichte über Teilhabe“, sagt der Regisseur Alexander Kaffenberger. „Peter Munk will dabeisein, er lässt sich sogar mit Geistern ein und gibt sein Herz dafür her, doch er muss natürlich mit diesem Weg scheitern. Gleichzeitig haben wir die Teilhabe bei den Schauspielern, die sich mit ganzem Herz einlassen und von deren Ehrlichkeit das Stück lebt. Es ist eine besondere Erfahrung, mit diesem inklusiven Schauspielerteam zu arbeiten, denn sie verstehen und erzählen die Geschichte konsequent, sodass sie vom Publikum mitempfunden wird.“

Theaterprojekt soll nicht enden

Das Theaterprojekt soll nach der Aufführung nicht enden. Als Angebot für junge Menschen mit und ohne Behinderung wurde es von der Behindertenbeauftragten des Neckar-Odenwald-Kreises Jutta Schüle ins Leben gerufen. „Mithilfe von Spenden und durch die Teilnahme an Wettbewerben konnten wir das Geld für die Arbeit aufbringen“, sagt Jutta Schüle. „Außerdem hatten wir viele Unterstützer, zum Beispiel Beate Frey von der Johannes-Diakonie, die uns ihr Know-how und ihre Zeit schenkte und einen unermüdlichen Einsatz nicht nur auf, sondern auch hinter der Bühne leistete. Nach ein oder zwei weiteren Vorstellungen vom „Kalten Herz“ wünschen wir uns, dass diese Arbeit weitergeht und in eine inklusive Theaterkultur im Neckar-Odenwald einmündet.“

Weitere Schauspieler: Annette Krämer/Wirtin, Sabine Zellkowski/Lisbeth, Luisa Kohlhof/Kuckuck/Tänzerin/Baum, Johanna Quattlender/Tänzerin/Baum, Peter Lux/armer Schlucker, Peter Hartnagel/Polizist/Baum/Wanderer, Emanuel Kern/Schlurker/Reiseleiter, Annalena Frey/Baum/Wanderer/Mitarbeit, Beate Frey/Baum/Wanderer/Mitarbeit, Helga Clemenz/Tontechnik. Gabriele Eisner-Just