Mosbach

Tagebuch von Dietmar Riemann Mosbacher Fotograf schreibt in seinem Eintrag vom 9. April 1989 von der Grenzkontrolle seiner Oma

Der „ganz normale“ Alltag an der Mauer

Archivartikel

Berlin.„Am Berliner Grenzübergang Chausseestraße hat es gestern einen missglückten Fluchtversuch gegeben. Dabei mussten sich zwei Männer einem schießwütigen NVA-Offizier ergeben. Im westlichen Fernsehen konnte man eine zufällig entstandene Fotosequenz dieses Fluchtversuches sehen.

Die Bilder waren erschütternd. Von dem beschriebenen Offizier gibt es ein Foto, auf dem zu sehen ist, wie er beidhändig mit seiner Pistole auf die Flüchtlinge zielt. Dabei hängt eine Zigarette im Mundwinkel dieser fiesen Fresse. Die zwei flüchtigen Männer sieht man am Ende der Fotosequenz bäuchlings auf der Erde liegen, alle vier Gliedmaßen von sich gestreckt und von zwei Grenzern umringt, die mit ihrer Kalaschnikow auf sie anlegen.

In der letzten Zeit hat es wieder mehrere Fluchten und Fluchtversuche gegeben, von denen die westlichen Medien auch berichtet haben.

Meine Mutter hat heute am Grenzübergang Friedrichstraße eine furchtbare Kontrolle über sich ergehen lassen müssen. Unglücklicherweise hat man sie auf dem Weg nach ,Drüben’ mit Büchern im Wert von etwa 600 Mark erwischt. Man darf aber nur ein Geschenk im Wert von maximal 200 Mark mit über die Grenze nehmen. Und das gilt auch nur, wenn man länger als einen Tag im anderen Teil der Stadt bleibt. Jetzt hatte man unsere Oma natürlich am Kragen.

Der Zoll unterstellte ihr illegalen Handel und suchte verbissen nach weiterem belastenden Material. Meine Mutter musste sich nicht nur einem sehr unangenehmen Verhör unterziehen, sondern sie mußte auch noch eine dem ,Tatbestand’ völlig unangemessene Leibesvisitation über sich ergehen lassen. Der Gipfel war, dass man die alte Frau aufforderte, sich splitternackt auszuziehen.

Danach musste sie sich nach vorn beugen, um sich in den Hintern sehen zu lassen. Alle Kleidungsstücke und andere Sachen wurden durchsucht und durchleuchtet. Den Zwickel vom Schlüpfer hat man demonstrativ in dieser Weise einer Kontrolle unterzogen. Die Schuhe wurden auseinandergenommen und dabei das Futter derselben zerrissen. Leider ist der geschilderte Vorfall nicht unter der Rubrik ,seltene Einzelfälle’ abzulegen. Dieses Erlebnis hat meine Mutter schwer erschüttert, und es hat Angst erzeugt. Das ,Entdecktwordensein’ hat bei ihr unendlich viel mehr bewirkt, als das peinliche Vorgehen der Ordnungsmacht. Wenn meine Mutter in Zukunft wieder Bücher mit auf die andere Seite der Stadt nimmt oder dorthin schickt, muss sie sehr vorsichtig sein. Es ist gefährlich, sich auf diese Art und Weise die Rente von rund 350 Mark aufbessern zu wollen. Gestern habe ich wieder einmal einen ganzen Tag bei Micha Wk. auf der Baustelle gearbeitet. Mir tut die körperliche Arbeit gut, auch wenn ich heute kreuzlahm bin und meine Hände dicke Blasen haben.

Heute Morgen hat unsere Renate angerufen. Sie hat mit „Onkel Hans“ gesprochen. Wir können in der nächsten Zeit noch einmal „Ostgeld“ in „Westgeld“ umtauschen. Renate ruft uns später wieder an und teilt uns dann auch verschlüsselt die Summe mit. Es fällt mir ungeheuer schwer, diesen verbotenen Sachverhalt auf meinen Tagebuchzetteln festzuhalten. [...]

Noch einmal 9.4.1989: In den vergangenen 24 Stunden hat es zwei weitere gescheiterte Fluchtversuche an der Berliner Mauer gegeben. So ist das. Und schon morgen sind diese ,normalen’ Vorfälle vergessen.