Mosbach

Tagebuch von Dietmar Riemann Der heute in Mosbach lebende Fotograf hielt das Leben seiner Familie in der DDR in einem Tagebuch fest / FN veröffentlichen Auszüge

Guten Ruf gegen die Freiheit eingetauscht

Archivartikel

Dietmar Riemann floh mit seiner Familie aus der DDR auf legalem Wege – kurz, bevor die Mauer fiel. In einem Tagebuch hielt er damals den gefährlichem Ausreiseweg seiner Familie fest.

Mosbach. „Ich möchte weinen, nur weinen“: Voller Verbitterung schreibt Dietmar Riemann in sein Tagebuch am 9. Dezember 1989. Genau einen Monat vorher fiel die Mauer in Berlin. „Was sich in meiner alten Heimat in gesellschaftlicher Hinsicht bewegt, ist so ungeheuerlich, so unglaublich, dass ich mich dabei ertappe, wie ich diese Vorgänge seit Neuestem regelrecht verdränge. Ich kann gar nicht anders. Ich schütze meine Seele mit diesem Verhalten, denn es tut mir sehr weh, dass wir nicht mehr dabei sind, dass wir so kurze Zeit vor dem Beginn dieser Umwälzungen die DDR verlassen haben“, heißt es in dem Eintrag weiter.

„Lieber mit leeren Händen gehen“

Zusammen mit seiner Frau Marga und Tochter Hella lebte Dietmar Riemann viele Jahre in der DDR. Ein Haus am Berliner Stadtrand, ein guter Ruf als Fotograf: Das alles konnte die Familie nicht davon abhalten, einen Ausreiseantrag zu stellen. Irgendwie durchkommen, das kam für die Riemanns nicht in Frage. „Lieber mit leeren Händen den harten Weg gehen.“ Sie wollten auf legale Weise fliehen, wie es damals so viele wollten. „Es waren nicht die tausend offenen Widerständler, die dem Regime geschadet haben, sondern die 400 000 bis 500 000 Menschen, die ausreisen wollten“, ist sich Riemann sicher.

Zu Staatsfeinden geworden

In dem sie 1986 die Ausreise beantragten, wurden sie zu Staatsfeinden. Sie verloren ihren Freundes- und Bekanntenkreis und mussten ihre komplette Existenz aufgeben, um auf dem einzig legalen Weg in den Westen zu kommen. Alles musste genehmigt werden, nichts von Wert ging mit auf die Ausreise. Sie saßen vier Jahre lang zusammen mit Tochter Hella buchstäblich auf gepackten Koffern. Am 28. September 1989 überschritten sie schließlich die innerdeutsche Grenze. „Ich dachte wie Honecker, dass die Mauer noch in hundert Jahren da ist“, erzählt Riemann, der heute mit seiner Frau in Mosbach wohnt.

Seine Erlebnisse begleitete der Fotograf damals in einem Tagebuch. Er schilderte Begegnungen aus dem Alltag, wie sich das Leben nach dem Ausreiseantrag verändert hat, wie er auf einmal auf der Straße von Kindern nur noch „böser Onkel Dietmar“ genannt wird. Das Tagebuch war damals natürlich nicht erlaubt, also versteckte er es wegen den Hausdurchsuchungen in einem Kohlenkasten.

Obwohl strengstens verboten, versuchte er sogar, Bilder von der Mauer zu machen. „Im Westen hatte man immer eine falsche Vorstellung davon, die Mauer wurde immer als bunt bemalt gesehen. Wir haben die andere, die tödliche Seite gesehen.“ Mit dem Fotografieren ging der heute 69-Jährige auch die Gefahr ein, dass ihm das Regime seine Tochter wegnehmen und in ein Heim sperren würde. Nicht nur bei diesen Versuchen erlebte Riemann seine ganz eigenen Grenzerfahrungen.

Die Fränkischen Nachrichten veröffentlichen in den kommenden Tagen immer wieder Einträge aus dem interessanten Tagebuch von Dietmar Riemann: über Begegnungen mit der Polizei, der Stasi und Behörden, über Alpträume, über den beschwerlichen und gefährlichen Weg bis zur Ausreise, über die furchtbare Grenzkontrolle der eigenen Mutter, über den Alltag in der DDR.