Mosbach

DGB-Empfang zum „Tag der Arbeit“ Talkrunde im Mosbacher Rathaus über „Gesundheit im ländlichen Raum“

„Niedriglohnsektor gefährdet Zusammenhalt“

Archivartikel

Mosbach.Zum „Tag der Arbeit“ begrüßte der Gewerkschaftsbund Neckar-Odenwald (DGB) beim Empfang im Mosbacher Rathaussaal wieder zahlreiche Bürger. Liselotte Haaß, stellvertretende DGB-Kreisvorsitzende, eröffnete die Veranstaltung mit den Worten, dass der „Tag der Arbeit“ nicht nur ein freier Tag, sondern einer der weltweiten Solidarität sei, an dem Arbeitnehmer für ihre Rechte eintreten.

Mit den anstehenden Europa- und Kommunalwahlen am 26. Mai hätten die Menschen die Möglichkeit, ihre Chance auf ein soziales, demokratisches und gerechtes Europa zu nutzen. Doch Haaß sparte auch nicht mit Kritik: „Die europäische Wirtschaft ist durch eine rigide Sparpolitik und den Abbau sozialstaatlicher Leistungen geprägt. Ein Viertel der EU-Bürger ist von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Europaweit bildet der deutsche Arbeitsmarkt den zweitgrößten Niedriglohnsektor. Das gefährdet den Zusammenhalt und das Vertrauen“. Der DGB stehe für ein Europa als Friedens- und soziales Fortschrittsprojekt und rufe deshalb dazu auf, mit seiner Stimme die Demokratie zu stärken, appellierte Haaß weiter.

Hohe Wahlbeteiligung als Wunsch

Die Gestaltung der Lebensbedingungen beginne auf kommunaler Ebene und reiche von sicheren Arbeitsplätzen, fairen Löhnen, ausreichender Rente bis zu bezahlbarem Wohnraum. Der DGB habe in seinem 70-jährigen Bestehen nichts von seiner Daseins-Berechtigung verloren, der durch konsequente Verhandlungen Arbeitnehmerrechte stärke, so Haaß. Dies bekräftigte auch CDU-Fraktionsvorsitzende Josef Bittler in seinen Grußworten an die Gäste, der stellvertretend für die Stadt Mosbach sprach. Um dies weiterhin umsetzen zu können, sei eine hohe Wahlbeteiligung wünschenswert.

Mit der Talkrunde „Gesundheit im ländlichen Raum“ lenkte DGB-Kreisvorsitzender Robin Friedl den Fokus auf die Arbeitnehmersituation im Neckar-Odenwald-Kreis im Kranken- und Pflegebereich. Dazu begrüßte er die Kreisvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, Gabriele Teichmann, Verdi-Gewerkschaftssekretär Arne Gailing aus dem Bereich Gesundheit und Soziales sowie Wilfried Weisbrod aus dem Personalrat des Landratsamtes und Gewerkschaftsvertreter.

Gailing gab einen Einblick in die Geschäftssituation der Neckar-Odenwald-Kliniken, die seit der bundesweiten Einführung des diagnosebezogenen Fallpauschalensystems unter finanziellen Druck geraten seien. Die Einnahmen aus diesem Klassifikationssystem müssten für sämtliche Investitionen zu Verfügung stehen. Um die Kosten gering zu halten, sparen die Krankenhäuser am Personal, und dies gehe zulasten der Arbeitsbedingungen der Fachkräfte und der Patientenversorgung, so Gailing. Positive Veränderungen seien zuletzt bei den Tarifverträgen der Mitarbeiter der Service GmbH erzielt worden. Trotzdem solle sich generell ein viel stärkeres politisches Verständnis für die Beschäftigtengruppen entwickeln. Sowohl Gewerkschaften als auch Politik hätten erst gehandelt, als es zu spät war.

Eigenanteil ein großes Problem

Angesprochen auf die Situation der stationären Pflege erläuterte Teichmann, dass die Kosten des Eigenanteils ein großes Problem darstellen. 2017 lag der Eigenanteil bei circa 1970 Euro bei einer durchschnittlichen Rente in Höhe von 1200 Euro. Diese Diskrepanz sei für Menschen nicht mehr machbar, weshalb viele sich daheim versorgen würden.

Entscheidend sei der betriebswirtschaftliche Druck, weil höhere Tariflöhne der Pflegekräfte gegenfinanziert werden müssten. Teichmann dazu: „Wir als Arbeiterwohlfahrt begrüßen die Vorgehensweise, dass ein einheitlicher Tarif geschaffen werden soll. Dies ist auch ein großes Thema am anstehenden Sozialkongress“. Teichmann sprach in diesem Zusammenhang die fehlende Wertschätzung der Pflegekräfte im ambulanten und stationären Dienst an.

„Ohne ordentliche Pflege und gerechte Bezahlung können wir nicht in die Zukunft gehen“. Gailing begründete die fehlende Wertschätzung der Menschen mit dem Gefühl, gegen Andere um den sozialen Status kämpfen zu müssen, statt miteinander. Laut Gailing sei es daher weniger ein Kampf von rechts gegen links, als ein Kampf von oben gegen unten. „Das sollte aufhören. Wir müssen die Trendwende hinbekommen, so dass die Bevölkerung nicht nur das Gefühl von Verbesserung hat, sondern, dass es wirklich so ist“.

Suche nach Nachfolgern

Nicht weniger schwierig sei die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung und die Gewinnung von Fachärzten im ländlichen Raum. Die zunehmend schlechte Versorgung liege laut Weisbrod daran, dass viele niedergelassene Ärzte in einem Alter seien, in denen sie einen Nachfolger suchen müssten. Hinzu käme die hohe Arbeitsbelastung im ländlichen Raum, eine bessere Bezahlung in der Schweiz und attraktivere Arbeitsbedingungen in den Städten. Um dem entgegenzuwirken, könnten Kommunen versuchen, mit Abiturienten und Medizin-Studenten in Kontakt zu bleiben, um die Affinität zum Landkreis zu erhalten, Gebäudemöglichkeiten zu sichern oder Starthilfe für die Praxiseröffnung zu geben.

Für einen runden Abschluss der Talkrunde und passend zum Motto des Abends „Europa. Jetzt aber richtig“ sorgten Elena und Anastasia Spitzner mit ihrem Repertoire an Liedern wie „Die Gedanken sind frei“ und „Brot und Rosen“.