Mudau

Migration bei der Firma Aurora Mudauer Unternehmen bildet mittlerweile 100 Mitarbeiter mit Migrationshintergrund aus / Personalmangel noch immer ein Problem

„Ohne Zuwanderung nicht weiter machbar“

Mudau.Wie wird die berufliche Integration geflüchteter Menschen in Unternehmen im Neckar-Odenwald-Kreis ganz praktisch gelebt? Ein wichtiges und aktuelles Thema und Anlass für einen gemeinsamen Besuch von Karin Käppel, Leiterin der Arbeitsagentur Schwäbisch Hall- Tauberbischofsheim, dem Bundestagsabgeordneten Alois Gerig (CDU) und Dr. Björn- Christian Kleih, dem Ersten Landesbeamten im Landratsamt Neckar-Odenwald, bei der Firma Aurora in Mudau.

Das Unternehmen gehört zu den führenden Entwicklern und Produzenten von kompletten Heiz- und Klimasystemen für Nutzfahrzeuge. Standorte der Firma gibt es auch in den USA, der Türkei, den Niederlanden und China. Von den 350 Mitarbeitern in Mudau haben etwa 100 einen Migrationshintergrund. Sie kommen zum Beispiel aus Polen und Russland, aber auch geflüchtete Menschen aus Pakistan, dem Irak, Afghanistan und Syrien arbeiten hier.

Arabische Schilder als Hilfe

„Wir kommen gut miteinander aus“, erfahren Käppel, Gerig und Kleih von den Arbeitern während ihres Rundgangs im Betrieb. Schwierig wird es dann, wenn die Sprachkenntnisse nicht ausreichen und die technischen Begriffe fehlen. „Die Sprache ist das Wichtigste, damit steht und fällt alles“, betont Geschäftsführer Hannes Wolf. Das bestätigt Essam A., der in Syrien als Programmierer gearbeitet hat und aufgrund seiner sehr guten Deutschkenntnisse als Übersetzer in der Firma fungiert, wenn es nötig ist. „Seine Idee war es auch, wichtige Sicherheitshinweise und Schilder auf arabisch zu verfassen, als die ersten Syrer bei Aurora anfingen“, zeigt sich Manuela Ernst, Ansprechpartnerin für die Beschäftigung von Flüchtlingen bei Aurora, begeistert.

Essam A. arbeitet an der Schneidemaschine. Er hat aber noch weitere Pläne, will eine Ausbildung machen, sich weiterbilden. „Sprache lernen und Arbeit zu haben, ist die beste Lösung für die Integration. Aber ohne Unterstützung schaffen das nur die Wenigsten“, weiß er zu berichten. Osman A. aus dem Irak kam über die Maßnahme „Perspektiven für junge Flüchtlinge (PerjuF)“ und der Empfehlung eines Freundes nach Mudau. Nach zwei Tagen Probearbeit wurde er eingestellt und hat seit 2017 eine Festanstellung in der Spritzgießerei. Um die anfängliche geringere Leistung und längere Einarbeitung etwas auszugleichen, wurde die Beschäftigung mit einem Eingliederungszuschuss der Arbeitsagentur gefördert.

„Die Arbeitsagentur und das Jobcenter haben neben der Beratung gute Förderinstrumente, um die Unternehmen zu unterstützen – sowohl für die Arbeitsaufnahme als auch für die Ausbildung oder Weiterqualifizierung von geflüchteten Menschen“, so Karin Käppel. Durch Vermittlung der Gemeinde Mudau schaffte es Riaz M. aus Pakistan, bei der Firma als Helfer eingestellt zu werden. Und er hat sich so gut entwickelt, dass er inzwischen eine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker macht.

Durchhaltevermögen gefordert

Auch Sarwand M. aus dem Irak möchte sich ausbilden lassen. Derzeit besucht er vormittags einen Sprachkurs und arbeitet nachmittags in der Düsenmontage. Das ist nicht einfach und erfordert Durchhaltevermögen. Großes Engagement zeigte auch Mohibullah Z., der über eine Eingliederungsmaßnahme der Arbeitsagentur ein Praktikum absolvierte und im Anschluss in die Lackiererei übernommen wurde. Die erste Zeit hatte er noch eine tägliche Fahrzeit mit dem Bus und Bahn von insgesamt vier Stunden in Kauf genommen hat, bevor er nach Mudau umgezogen ist.

Alois Gerig weiß um diese logistischen Schwierigkeiten der Firmen im ländlichen Raum, neue Mitarbeiter bekommen. „Aurora als Industriebetrieb hat dabei noch einen besseren Stand als kleine Handwerksbetriebe“, so Gerig.

Der Fachkräftemangel und die Mitarbeiterrekrutierung seien ein ernstes Problem. „Wir investieren in unsere Mitarbeiter, wir bilden aus, wir haben viele Frauen nach der Familienphase beschäftigt, bieten allen eine Chance, die arbeiten möchten, dennoch brauchen wir zusätzliches Personal. Wir wachsen, aber ohne Zuwanderung ist das inzwischen nicht weiter machbar“, stellt Geschäftsführer Wolf dar.

„Im Sinne der Wirtschaft und der Zukunft unserer Unternehmen brauchen wir Migration“, unterstreicht Gerig diese Aussage. Er sieht die Politik in der Verpflichtung, Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Betrieben und den geflüchteten Menschen mehr Planungssicherheit geben, aber keine zusätzlichen Begehrlichkeiten seitens der Flüchtlinge schaffen.

Mehr versicherte Beschäftigte

„Wir sind auf einem guten Weg bei der Beschäftigung geflüchteter Menschen“, führt die Agenturleiterin Käppel an und untermauert dies mit Zahlen. Im Neckar-Odenwald-Kreis waren zum aktuellen Stichtag im Januar über 300 Menschen aus nicht-europäischen Asylherkunftsländern wie zum Beispiel Syrien, Afghanistan, Irak, Iran oder Somalia sozialversicherungspflichtig beschäftigt, fast doppelt so viele wie ein Jahr zuvor.

Der Erste Landesbeamte Kleih sieht auf der einen Seite die Forderung der Wirtschaft, integrierte und gute Mitarbeiter aus den Asylherkunftsländern zu halten in Verbindung mit den Auswirkungen der demografischen Bevölkerungsentwicklung auf den Arbeits- und Ausbildungsmarkt. „Auf der anderen Seite besteht aber auch die gesellschaftliche Forderung auf Rückführung in die Herkunftsländer, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen für das Hierbleiben nicht oder nicht mehr vorliegen“, erklärt er.

Betriebe brauchen Sicherheiten

In dem aktuell öffentlich diskutierten Ansatz des „Spurwechsels mit einer Stichtagregelung“ sehen die Verantwortlichen einen guten Ansatz für die notwendige Planungssicherheit der Betriebe und für eine gute Zukunft der geflüchteten Menschen, die sich nicht nur beruflich, sondern auch gesellschaftlich gut integriert haben. Ihrem Ziel, sich hier eine Zukunft aufzubauen, werden in den nächsten Tagen zwei neue Mitarbeiter aus Syrien und ein Mitarbeiter aus dem Irak näher kommen. Und ein junger Mann aus Somalia wird nach einer von der Arbeitsagentur geförderten Einstiegsqualifizierung voraussichtlich im nächsten Jahr eine Ausbildung zur Fachkraft Lagerlogistik bei der Mudauer Firma beginnen.