Mudau

Friedhof Mudau Die 300 Jahre alte Totenleuchte, heute im Foyer des Rathauses zu finden, die Hungerbrotsteine und das Andreaskreuz an der Friedhofsmauer im Visier

Zeugen der Not und des Brauchtums in alter Zeit

Archivartikel

Mudau.Die 300 Jahre alte Totenleuchte aus dem Jahre 1718, heute im Foyer des Rathauses zu finden, die Hungerbrotsteine und das Andreaskreuz an der Mudauer Friedhofsmauer sind Zeugen der Not und des Brauchtums in alter Zeit.

Die Totenleuchte stand bis 1985 an der Außenmauer des alten Eingangs zum Friedhof. Im Zuge des Umbaus der Schule zum Rathaus wurde sie durch die Firma Dieterle restauriert und fand dort, einschließlich der künstlerisch wertvollen Skulptur, aus Sicherheitsgründen einen würdigen Platz.

Als Totenleuchte im engeren Sinn wird ein im Mittelalter auf Friedhöfen errichtetes freistehendes Bauwerk bezeichnet, das in seinem oberen Teil eine mehrseitig geöffnete Laterne enthält (Lichthäuschen).

Aus ihnen entwickelten sich Bildstöcke, bei denen der tabernakelartige Aufsatz mit Reliefs, Bilddarstellungen und Kleinplastiken verziert und nicht mehr beleuchtet wurde. Die beiden Formen wurden nebeneinander verwendet, gingen ineinander über und tauschten teilweise ihre Funktion. Genau dies ist in Mudau zu finden.

Bei den freistehenden Totenleuchten handelt es sich um die „älteste Form“ des Bildstocks. Übrigens: Lichter an Gräbern und auf Friedhöfen anzuzünden, um der Toten zu gedenken, ist ein alter Brauch. Während es sich beispielsweise die hohe Geistlichkeit und der Adel leisten konnten, individuell ein Licht anzuzünden, blieb dem ärmeren Teil der Bevölkerung allerdings keine andere Wahl als zu einer „kollektiven“ Form der Totenverehrung zu greifen.

Über Frankreich kamen die Totenleuchten ab dem 12. Jahrhundert nach Deutschland. Das Ende der Errichtung von Totenleuchten wird zwar auf das frühe 17. Jahrhundert datiert (Reformation), sie wurden jedoch in katholischen Gegenden sogar noch nach dem Zweiten Weltkrieg zum Gedenken an die Kriegsopfer errichtet. Es gibt auch Leuchten, die an der Außenwand eines Beinhauses angebracht waren, so wie dies in Mudau der Fall war. Hier wurde beim größeren Kirchenneubau 1684 der Platz des um die Kirche liegenden Kirchhofs benötigt. Die Gebeine der dort ruhenden Toten wurden in einem neuerstellten Beinhäuschen am Rande der neuen Kirchhofmauer untergebracht.

Wie bei den Beinhäuschen üblich lag es im Süden der Kirche, im Bereich des heutigen Chores, und dürfte etwa 6,5 mal 4,5 Meter groß gewesen sein. Beim Bau der heutigen Kirche im Jahre 1792 war es, wie auch der Kirchhof, im Wege und wurde abgerissen. Die Gebeine befinden sich heute in der Ecke südöstlich der Leichenhalle.

Bei dieser Friedhofsverlegung wanderte die Totenleuchte vom Beinhaus an die Außenmauer des alten Friedhofteiles. Die dreiseitig geöffnete kollektive Leuchte für die Toten kam mit steigendem Wohlstand auch in Mudau außer Brauch und wurde, wie es üblich war, umgewandelt und mit einer Skulptur versehen. Die Stiftung der Totenleuchte mag mit dem verheerenden Großfeuer in Zusammenhang stehen, dem im Stiftungsjahr 1718 dreißig Häuser zum Opfer fielen.

Die Skulptur St. Valentin wird Nikolaus Hooff (1722-1785) zugeschrieben. Dies ob der außergewöhnlichen künstlerisch wertvollen Arbeit und da Hooff viele Valentinsfiguren geschaffen hat. Es handelt sich um St. Valentin, den man im Odenwald besonders verehrte und der als Fürsprecher und Helfer bei Epilepsie und Gichtleiden gilt.

Als individuelles Merkmal ist zu Füßen der Skulptur ein liegendes Kind zu sehen. Wahrscheinlich ist die Figur nach einer schweren Kinderseuche im Jahre 1761 entstanden, als 31 Kleinkinder starben und auch Hooff sein Söhnchen Valentin verlor. Anzumerken ist noch, dass die Skulptur, die in der Leuchte stand, am 20. Juni 1967 entwendet wurde. Frauen aus Mudau konnten diese anhand der Federzeichnung des Mudauer Malers Theodor Schöllig bei einem Antiquitätenhändler in München identifizieren und nach Mudau zurückführen.

Als der Kirchhof 1791/92 wegen der Kirchenvergrößerung vor die Tore von Mudau in die Eberbacher Straße weichen musste, wurde auch die Kirchhofmauer versetzt. Zur Abgrenzung des Areals wurden Fichten gepflanzt. Deshalb hieß es auch im Sterbefall nunmehr: er oder sie „muß naus d‘Fichte“.

Die Mauer ist, wie oft und schon am Limes zu sehen, mit dachförmigen Giebelsteinen abgedeckt. Auf diesen sind als erhabene Male runde und längliche Brotlaibe zu sehen – und ein vertieftes Andreaskreuz.

In Oppenheim findet man eine Steinplatte samt Inschrift mit einer Halbkugel, die einen Brotlaib darstellt, der an die Notzeit während des Kirchenbaus 1317 und an die große Hungersnot mit Teuerung hinweist. Hier nennt man die Tafel „Hungerbrotstein“. Die Darstellungen in Mudau sind identisch, leider ohne Inschrift, so dass man nicht weiß, auf welche Notzeiten sich diese Male beziehen. Nur sehr wenige Menschen konnten lesen, Bilder wurden aber verstanden.

Bei der Erstellung, auch der Steinkreuze, war die Ursache bekannt und wurde mündlich überliefert. Dies blieb lange im kollektiven Gedächtnis verankert, verblasste dann allerdings oft und wurde auch verfremdet. Auch in Hollerbach findet man zwei dieser Male an der Kirchhofmauer. Da dort – wie in Mudau – keine Eichmaße angebracht sind, weisen sie sich nicht als Rechtsdenkmale und auch nicht als Standeszeichen aus. Hungersteine sind bei Niedrigwasser im Flussbett oder auf Gewässergründen sichtbar werdende große Steine. Ihren Namen tragen sie durch die Inschrift „Hungerjahr 1947“. Nach dem Zweiten Weltkrieg brach im Winter 1946/47 eine große Hungersnot über Deutschland herein. Drei große Kältewellen machten den Menschen das Leben schwer. Die Flüsse waren zugefroren. Die Menschen starben an Kälte und Hunger. Auch 2011 lagen die Hungersteine von 1857 und 2003 auf dem Trockenen.

Das eingehauene Andreaskreuz weist auf den Apostel Andreas, den Bruder des Petrus, hin, der nach den Berichten im 4. Jahrhundert den Tod an einem Kreuz mit schrägen Balken fand. Es ging in die spätmittelalterliche Religion und Ikonografie ein.

Auch steht das Kreuz für den griechischen Buchstaben Chi, als Symbol für Christus. Somit reiht es sich als christliches Symbol an der Friedhofsmauer nahtlos ein, als Übergang vom qualvollen Hungertod in das ewige Leben. Im Übrigen fand das Andreaskreuz seinen Niederschlag auch auf Fahnen, Wappen und Münzen. Ebenso weist es auf Gefahren hin, wie bei Bahnübergängen und bei Giftstoffen. Andreas ist auch der Patron von Griechenland, Russland und Schottland.