Neckar-Odenwald

Zweijähriges Pilotprojekt im Neckar-Odenwald-Kreis Smartphone-App soll im Notfall potenzielle Ersthelfer alarmieren / Start ist am 1. Oktober geplant

„Dem Zufall auf die Sprünge helfen“

Archivartikel

Um Leben zu retten, wird im Neckar-Odenwald-Kreis ein zweijähriger Testversuch gestartet. Eine App soll bei einem Notfall Ersthelfer in der Nähe kontaktieren und sie zum Einsatzort leiten.

Neckar-Odenwald-Kreis. Es geschieht innerhalb von Sekundenbruchteilen. Die Haut verfärbt sich blass-grau, die Pupillen zeigen keine Reaktionen. Und dann folgt die Bewusstlosigkeit. Ein Kreislaufstillstand, ohne Vorwarnung aufgetreten. Der Notarzt ist alarmiert, es zählt jede Sekunde. Während den Angehörigen noch der Schock in den Gliedern sitzt, zeigt die betroffene Person auf dem Boden keine Regung. Bis der Notarzt eintrifft, wird es noch dauern. Nur ein paar Häuser weiter sitzt ein Arzt in seinem Garten, trinkt einen Kaffee und liest die Zeitung. Die Sirenen nähern sich, der Rettungswagen rauscht an seinem Grundstück vorbei. Hätte er von dem Vorfall gewusst, hätte der Mediziner schon früher dem Betroffenen helfen können.

Damit solche Szenarien wie in diesem fiktiven Beispiel nicht mehr auftreten, gibt es die Smartphone-App „Mobile Retter“. Qualifizierte Ersthelfer können sich darin registrieren lassen. Gibt es einen Notfall in ihrer Nähe, werden sie über den Ort des Geschehens informiert – und können dann eingreifen.

In einem zweijährigen Pilotprojekt wird diese App in den DRK-Kreisverbänden Mosbach und Buchen getestet. Die Leitstelle in Mosbach sei sogar die erste in ganz Baden-Württemberg, die dieses System einführe, sagte Gerhard Lauth, DRK-Präsident des Kreisverbandes Mosbach, am Montag bei der Vertragsunterzeichnung in der Kreisstadt.

Am 1. Oktober soll die App starten. Interessierte können sie bereits jetzt im App-Store ihres Smartphones herunterladen. Doch das bedeutet nicht, dass jeder zugelassen wird. Nur wer sich im Rahmen einer ehren- oder hauptamtlichen Betätigung regelmäßig mit medizinischen Fragen beschäftigt, wird nach einer Einweisung zugelassen. „Die Qualifizierung als Ersthelfer wird überprüft“, erklärte der Geschäftsführer des Vereins „Mobile Retter“, Stefan Prasse.

Fünf Minuten früher vor Ort

Die Nutzer dieser App seien im Durchschnitt fünf Minuten früher vor Ort als die Sanitäter. Das System werde nur bei zeitkritischen Notfällen wie einem Kreislaufstillstand oder bewusstlosen Personen zum Einsatz kommen. „Rettungswägen geraten einfach an zeitlichen Grenzen bei ihrer Fahrt. Wenn jemand zufällig in der Nähe ist und helfen kann, geht das viel schneller“, meinte Prasse, der keinesfalls die Arbeit der Sanitäter kritisieren möchte. Vielmehr sei die App ein weiteres Glied in der Rettungskette.

Das System dahinter: Über GPS werden die Nutzer geortet. Kommt es zu einem Notfall, koordiniert die Leitstelle dann den Rettungswagen und schickt zusätzlich eine Meldung an die „Mobilen Retter“. Das bedeutet, die App benötigt Internet. Bei der Alarmierung kommen nur Nutzer in Betracht, die auch wirklich in der Nähe sind. Über einen Notfall in Aglasterhausen wird also kein Ersthelfer in Hardheim alarmiert.

Einsatzbereit oder nicht?

Potenzielle Retter werden dann gefragt, ob sie auch einsatzbereit seien. „Man kann ja nicht sein Kind alleine in der Badewanne lassen“, schilderte Prasse einen möglichen Absagegrund. Es werden immer mindestens zwei Personen kontaktiert. Mit weiteren Informationen werden die Ersthelfer dann zum Notfallort geleitet. „Oft ist jemand in der Nähe, beispielsweise in einem Café, der Erste Hilfe leisten kann. Nur weiß er gar nichts von der Situation, die sich hundert Meter weiter abspielt“, sagte Timo Dreier von der „medgineering GmbH“, dem Technologiepartner der „Mobilen Retter“. In anderen Landkreisen und Städten werde die App bereits genutzt: Im niedersächsischen Landkreis Emsland beispielsweise gebe es bereits über 1000 „Mobile Retter“. Auch in den Großstädten und in der Politik steige das Interesse.

Extraportion Motivation

Die App an sich sei relativ unspektakulär und einfach gestaltet. Über ein Protokoll können die Nutzer ihren Einsatz nachweisen. Nachrichten über Notfälle, in denen ein „Mobiler Retter“ erfolgreich vor Ort war und somit ein Menschenleben gerettet hat, sollen als Motivationsschub dienen. „Schließlich kann es auch vorkommen, dass ein Nutzer monatelang gar nicht alarmiert wurde. Die Leute sollen sehen, dass die App Leben rettet, und dadurch motiviert werden“, so Dreier. Es sei sogar möglich, den Status zu ändern: Vom Bereitschaftsmodus bis hin zu „Nicht verfügbar“ gibt es mehrere Möglichkeiten.

Wichtig: Niemand kann dafür belangt werden, wenn er nicht auf einen Alarm reagiert hat oder die App deaktiviert ist. Rechtliche Fragen wurden alle geklärt, wie Dr. Harald Genzwürker, Chefarzt der Neckar-Odenwald-Kliniken betonte. Das gelte auch für den Datenschutz und für die Versicherung, etwa wenn es bei der Rettung zu einem Unfall komme. Die App soll auch mit den Standorten von Defibrillatoren vernetzt werden: Ein Ersthelfer kümmert sich um die bewusstlose Person, ein Zweiter besorgt den „Defi“ in der Nähe. Gerhard Lauth, der DRK-Präsident des Mosbacher Kreisverbandes, äußerte sich bei der Vorstellung des Systems optimistisch. „Bei einem Notfall geht es um jede Sekunde. Diese App kann dazu beitragen, Leben zu retten.“

Auf viele Nutzer angewiesen

Auch Landrat Brötel war zufrieden mit der Vertragsunterzeichung für das neue System. „Wer in einem Flächelandkreis wie dem Neckar-Odenwald lebt, der weiß, wie weit die Wege sind“, sagte er. Um das 68 000 Euro teure Pilotprojekt zu finanzieren, habe man viele Sponsorengelder gesammelt. Das System müsse sich ja schließlich selbst finanzieren. Um bis zum 1. Oktober einsatzfähig zu sein, werde man gezielt werben: bei den Helfer-vor-Ort-Gruppen und bei den Mitarbeitern der Krankenhäuser und Arztpraxen. Eine dreistellige Anzahl an „Mobilen Rettern“ will Brötel zusammen mit Genzwürker und den DRK-Kreisverbänden akquirieren. Je mehr, desto besser. „Wir wollen mit dem Konzept dem Zufall auf die Sprünge helfen, um Leben zu retten.“