Neckar-Odenwald

Bildung Neckar-Odenwald-Kreis rangiert in der „Bundesliga“ der Abiturienten auf Platz 270 / Wieder mehr Schulabgänger ohne Abschluss

Die Zahl der Abgehängten senken

Archivartikel

Die Anzahl der Schulabgänger mit Abitur hat bundesweit mit 34,7 Prozent einen Höchstwert erreicht. Gleichzeitig steigt auch die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss.

Neckar-Odenwald-Kreis. Mama Abitur, Papa Abitur, Kind Abitur. Diese alte Lehrerregel war noch nie so richtig wie heute. Fast zwei Drittel aller Kinder, die bundesweit auf einem Gymnasium sind, kommen aus Haushalten, in denen mindestens ein Elternteil Abitur oder Fachhochschulreife hat, sagt das Statistische Bundesamt. Der Trend zum Abitur hat deutschlandweit derweil einen neuen Höchstwert erreicht: 34,7 Prozent der zuletzt gezählten Schulabgänger hatte das Reifezeugnis in der Tasche.

Verglichen damit liegt die Quote im Neckar-Odenwald-Kreis mit rund 28,2 Prozent Abiturienten niedriger als im Bund. In der „Bundesliga“ der Abiturienten liegt der Kreis damit auf Platz 270 unter den 403 im Regionalatlas ausgewerteten Städten, Kreisen und Stadtstaaten. Spitzenreiter mit einer Abiturientenquote von 62 Prozent ist in diesem Vergleich die Stadt Neustadt an der Weinstraße.

Duales System gelobt

Die Geschichte hat allerdings einen Haken: Es gibt auch einen Trend zu keinem Abschluss: Bundesweit sind es jetzt 5,7 Prozent der Jugendlichen, deren Zukunft damit nicht gerade rosig ist. Im Neckar-Odenwald-Kreis blieben zuletzt 6,3 Prozent ohne jeglichen Abschluss. Im bundesweiten Vergleich bedeutet das für den Neckar-Odenwald-Kreis Platz 258, die niedrigste Quote hat die Stadt Mainz mit 1,2 Prozent jungen Menschen ohne Abschluss.

Jahrelang galt die Abiturientenquote als das Maß aller Bildungsdinge. Insbesondere bei der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Auf dem Bildungssektor ist diese vor allem durch die PISA-Studie bekannt. Seit dem Bildungsbericht 2017 lobt sie auch das deutsche duale System. Und in der weltweiten Bildungshierarchie ist Meisterbrief inzwischen sogar etwas besser als Abitur, weil dem Bachelor gleich gestellt. Karriere mit Lehre kann auch finanziell funktionieren, wie Betriebswirtschaftler errechnen können. Erstens, weil Abitur nicht zwingend eine Lehre ausschließt. Zweitens, weil Handwerk bekanntlich goldenen Boden hat. Was das Handwerk gern selber sagt, bestätigt die OECD für Deutschland beim Einkommensvergleich. Und drittens, weil der Handwerker von heute auch beispielsweise der Manager von morgen werden kann. Schuster, bleib bei deinem Leisten, gilt also nicht mehr.

Es gibt aber auch eine Kehrseite der Medaille und die birgt durchaus sozialen Sprengstoff: die Abgehängten. In Baden-Württemberg beendeten 5,2 Prozent junge Menschen die Schulzeit, ohne einen Hauptschulabschluss in der Tasche zu haben. Das ist eine etwas höhere Quote als im Vorjahr mit 4,8 Prozent.

Deutschlandweit ist der Anteil der Abschlusslosen zum dritten Mal in Folge – nach Jahren mit sinkender Tendenz – wieder leicht gestiegen: zuletzt von 5,6 auf 5,7 Prozent. Allerdings ist diese Zahl statistisch mit Vorsicht zu genießen, weil die Statistiker zwei Gruppen mischen, die nicht in einen Topf gehören: Etwa gut die Hälfte der Schulabgänger ohne Abschluss konnte gar keinen Abschluss machen, denn sie besuchten eine Förderschule. Viele von ihnen eine mit dem Schwerpunkten Lernen oder Geistige Entwicklung, und dort wird meist gar kein Hauptschulabschluss angeboten.

Aber selbst wenn alle Förderschüler, sprich bundesweit rund die Hälfte, abgezogen werden, verpasst eine hohe Zahl Jugendlicher die nötige Ausbildungsreife. Aktuell entfernen sich die Zahlen damit deutschlandweit auch weiter vom Fernziel, das die Bundesregierung beim Bildungsgipfel im Jahr 2008 ausgerufen hat: Bis ins Jahr 2015 sollte sich die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss von damals acht auf dann vier Prozent halbieren. 5,7 Prozent – Tendenz steigend – sindvor diesem Hintergrund kein Erfolgswert.

Im Neckar-Odenwald-Kreis entwickelten sich die beiden Gruppen junger Menschen so: 2008 blieben 8,3 Prozent ohne Abschluss, 2013 waren es 4,8 und aktuell sind es 6,3 Prozent. Dagegen machten im Sommer 2016 im Neckar-Odenwald-Kreis rund 28,2 Prozent der Schüler Abitur, und damit weniger als im Vorjahr mit 28,3 Prozent. Im Jahr 2013 hatten 25,4 Prozent und im Jahr 2008 rund 24,8 Prozent aller Schulabgänger den begehrten Abschluss.

Für die Bildungspolitik heißt das: Die Abiturientenquote zu steigern, ist nur die halbe Miete. Die Zahl der Abgehängten zu senken, ist genauso wichtig. Denn Mama kriminell, Papa kriminell, Kind kriminell, ist auch eine Gleichung, die viel zu oft aufgeht. Vor allem, wenn die Schule auch ein Misserfolg ist.

Kriminalität vorbeugen

Im Wissenschaftsdeutsch: „Betrachtet man den Einfluss der Bildungsvariablen auf kriminelle Verhaltensweisen, so zeigt sich, dass der Abbruch einer Ausbildung, ein fehlender Hauptschulabschluss sowie der Besuch der Hauptschule an sich eine signifikante, meist hochsignifikante Rolle bei der Erklärung kriminellen Verhaltens spielen. Aufgrund des Einflusses dieser Variablen ist zu vermuten, dass insbesondere bei Jugendlichen, die ihren Schulabschluss nicht geschafft haben oder – aus welchen Gründen auch immer – ihre Ausbildung nicht erfolgreich zu Ende führen konnten, dazu führen, dass häufiger kriminelle Verhaltensweisen an den Tag gelegt werden und die Gefahr besteht, in die Kriminalität abzurutschen.“

Um kriminellem Verhalten wirksam vorzubeugen, sei es daher von entscheidender Bedeutung, Jugendlichen Bildungschancen und, damit verbunden, die Aussicht auf ein selbstbestimmtes und glückliches Leben in Beruf und Gesellschaft zu eröffnen.

So stand es 2010 in der Bertelsmann-Studie „Unzureichende Bildung: Folgekosten durch Kriminalität“ zu lesen. zds