Neckar-Odenwald

Naturschutz EU verbietet Einsatz des Insektengiftes Neonicotinoide / Folgen für Imker und Bauern in der Region

Gefährlich für die Bienen, gut für die Landwirte

Archivartikel

Die EU hat das Insektengift Neonicotinoide verboten. Eine Entscheidung, die Bienen schützen soll, aber gleichzeitig weitreichende Folgen hat für Imker und Landwirte in der Region.

Neckar-Odenwald. Es muss ein schrecklicher Anblick für Imker Alexander Ball aus Seckach gewesen sein. Im Mai vergangenen Jahres lagen tausende seiner Bienen im kurzgemähten Rasen vor seinen Bienenstöcken bei Großeicholzheim. Sie zuckten, waren orientierungslos, verkrampften und starben schließlich. Rund 60 seiner 80 Völker waren von diesem rätselhaften Bienensterben betroffen. Die Ursache dafür wurde nie geklärt. Am vergangenen Freitag verbot die EU den Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln, die die umstrittenen Wirkstoffe Neonicotinoide enthalten.

Alexander Ball weiß bis heute nicht, woran seine Bienen im vergangenen Jahr gestorben sind. Er verständigte damals sofort den für Seckach zuständigen Bienensachverständigen Klaus Lauer. Beide sammelten einige der verendeten Bienen ein und bewahrten sie in einem Schraubglas auf.

Als sich nach einigen Tagen Mitarbeiter vom Fachdienst Landwirtschaft des Landratsamts mit dem Fall befassten, war es zu spät, um rechtsverwertbare Proben von den toten Bienen und der vermeintlich mit Schädlingsbekämpfungsmitteln behandelten Rapsfläche aufzunehmen. „Wir hätten die toten Bienen einfrieren müssen“, sagte Lauer. Das habe er bis dahin nicht gewusst. Da von dem rätselhaften Sterben die Flugbienen der Völker betroffen waren, die den Blütennektar in den Stock bringen, erntete Alexander Ball im vergangenen Jahr deutlich weniger Honig. Die betroffenen Völker gingen geschwächt in den Winter. Zwanzig von ihnen gingen ein. Klaus Lauer geht davon aus, dass der Landwirt das in der Nachbarschaft der Bienenstöcke gelegene Rapsfeld mit einem falsch gemischten Schädlingsbekämpfungsmittel oder mittags, zur Hauptflugzeit der Bienen, bespritzt habe. An jenem Tag im Mai herrschten hochsommerlichen Temperaturen und damit ideale Bedingungen für nektarsammelnde Honigbienen.

Mehr Ertrag durch Bestäubung

Klaus Müller, Kreisvertreter der Imker im Neckar-Odenwald-Kreis, ist klar, dass Landwirte ohne Pflanzenschutzmittel nicht wirtschaftlich arbeiten können. Bienenzüchter und Landwirte sitzen in einem Boot, sagt er. Imker freuen sich über blühende Felder für ihre Bienen und eine möglicherweise reiche Honigernte. Landwirte erzielen nach den Worten von Müller bis zu 30 Prozent mehr Ertrag, wenn genügend Insekten ihre Felder bestäubten. „Doch wir haben immer wieder Probleme“, stellt Müller fest.

Seitdem vor zehn Jahren in Mittelbaden 10 700 Bienenvölker eingegangen sind, weil Schädlingsbekämpfungsmittel mit den umstrittenen Neonicotinoiden auf falsche Weise eingesetzt wurden, ist deren Verwendung in Deutschland nur noch eingeschränkt erlaubt. Im Jahr 2013 beschloss die EU, bei Weizen und Gerste die Saatgut- und Bodenbehandlungen mit diesen Mitteln nur dann zu erlauben, wenn die Aussaat zwischen Juli und Dezember erfolgt. Blattbehandlungen sind verboten. Bei Mais, Raps und Sonnenblumen sind die Saatgut- und Bodenbehandlungen generell verboten. Blattbehandlungen sind nur nach der Blüte erlaubt. Nur der Zuckerrübenanbau war von Verboten bisher nicht betroffen, da die Rüben vor der Blütezeit geerntet werden.

Zuckerrübenbauern betroffen

Das nun beschlossene Freiflächenverbot von Schädlingsbekämpfungsmitteln, die die umstrittenen Neonicotinoide enthalten, trifft also hauptsächlich die Zuckerrübenbauern in besonderer Weise. „Ich brauche die Mittel im Frühjahr gegen Blattläuse“, sagt Albert Gramling, Landwirt aus Ravenstein und Vorsitzender des Kreisbauernverbands. Neben Mais und Raps baut er auch Zuckerrüben an. „Wenn ich dieses Schädlingsbekämpfungsmittel nicht mehr verwenden darf, muss ich auf Verdacht Insektizide spritzen. Die sind für die Bienen und anderen Insekten möglicherweise noch schädlicher.“

Marco Eberle, Fachreferent für Ackerbau beim Landesbauernverband Baden-Württemberg, sieht keine Notwendigkeit dafür, den Einsatz von Neonicotinoiden weiter einzuschränken. „Was will eine Biene in einem Zuckerrübenfeld ohne Blüten?“, fragt er. Nach seinen Worten besteht für die Biene keine Gefahr, dort auf das Schädlingsbekämpfungsmittel zu treffen, da die Felder vor der Blütezeit abgeerntet würden. Das Bienensterben aus dem Jahr 2008 sei ein „Beizunfall“ gewesen. Das Beizmittel mit den gefährlichen Stoffen sei in den Bodenstaub und durch den Wind auf die Blüten geraten. „Das hat man inzwischen im Griff“, sagt Eberle.

Deshalb könnte man auch die Beizung von Mais-Saatgut wieder zulassen. Wenn man im Zuckerrübenanbau keine Neonicotinoide einsetzen dürfe, müsse man flächendeckend andere Insektizide spritzen. Allerdings stünden hier nur wenige Wirkstoffe zur Verfügung. Es sei damit zu rechnen, dass die Schädlinge innerhalb weniger Jahre gegen diese eine Resistenz entwickelten. „Und was dann?“, fragt Eberle. Die Entwicklung neuer Wirkstoffe und ihre Zulassung für den Markt dauere Jahre.

Wie Jan Egenberger, Pressesprecher des Landratsamts, mitteilt, würden im Neckar-Odenwald-Kreis Neonicotinoide bisher „fast ausschließlich im Rapsanbau zur Bekämpfung des Rapsglanzkäfers verwendet“. Sobald der Raps blühe, sei die Bekämpfung in der Regel abgeschlossen. Sollten während der Blütezeit Maßnahmen gegen Schädlinge nötig sein, wirke man darauf hin, dass dies außerhalb der täglichen Bienenflugzeit geschehe, zum Beispiel abends. Den richtigen Einsatz von Insektiziden prüfe die Behörde mit Stichproben an Pflanzenschutzgeräten. Außerdem nehme man Proben von Saatgut, das mit Insektiziden gebeizt worden ist. Wer gewerbsmäßig Pflanzenschutzmittel verwendet, müsse außerdem an einer Sachkundeschulung teilnehmen. Verstöße würden als Ordnungswidrigkeiten und mit der Kürzung von EU-Ausgleichzahlungen geahndet. Seit fast zehn Jahren besteht im Neckar-Odenwald-Kreis ein sogenannter „Bienenausschuss“. Hier treffen sich mindestens einmal im Jahr Landwirte und Imker.