Neckar-Odenwald

Am 11. November endete der Erste Weltkrieg Blick in die regionale Geschichte / Menschen von hoher Arbeitslosigkeit, stagnierender Wirtschaft und Lebensmittelknappheit betroffen

Grundstein für noch größeren Wahnsinn gelegt

Der Erste Weltkrieg endete am morgigen Sonntag vor genau 100 Jahren. Auch in der Region hinterließ dieser schwerwiegende Folgen – auch lange nach Kriegsende.

Neckar-Odenwald-Kreis. Mit dem Attentat von Sarajevo, bei dem Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Gemahlin Sophie Chotek ermordet wurden, begann am 28. Juni 1914 die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts: der Erste Weltkrieg. Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn entschlossen sich, das Attentat zu nutzen, um gegen Serbien einen Militärschlag zu führen und die Kriegsbereitschaft seiner russischen Schutzmacht zu testen, so verschiedene Historiker. Den großen Krieg strebten sie zwar nicht an, aber sie riskierten ihn. Bis 1918 beteiligten sich knapp 40 Nationen direkt oder indirekt daran. Die Weiterentwicklung der Waffen brachte Massentötungsmaschinen hervor: Maschinengewehre, Panzer und Giftgas. Die Opferzahlen erreichten deshalb bis dahin unvorstellbare Ausmaße. Von 70 Millionen eingesetzten Soldaten starben mehr als neun Millionen. Am Ende lag Europa in Trümmern. Insgesamt verloren 17 Millionen Menschen ihr Leben. Damit begann vor hundert Jahren eine Zeitenwende.

Die Geschichte der „Urkatastrophe“ lebt in der Gegenwart fort, meist vergessen und nicht so erhofft wie es in der Aufzeichnung der 27 Gefallenen im Alter von 19 bis 40 Jahren in Langenelz heißt: „Auf dem Felde der Ehren sind gefallen“ und „Solange Deutsche leben werden sie bedenken, dass dies einst Söhne ihres Volkes waren“.

Der Odenwaldmaler Arthur Grimm aus Mudau schilderte in seinen Lebenserinnerungen seine Kriegserlebnisse von 1914 bis 1915 mit folgenden Worten: „Am frühen Morgen des 1. August verließ ich mit meinem Köfferchen Hollerbach. Was wird nun geschehen? Krieg? Wirst du dieses Land wiedersehen? Ich nahm Abschied, weil ich musste und überließ alles andere einem gütigen Schicksal. Denn das war mir klar – ein Krieg bringt nichts Gutes. Und der Gedanke beseelte mich, dass nach diesem Krieg alles sich ändern wird.“

Glaube an ein schnelles Ende

Grimm, damals im Alter von 31 Jahren und verheiratet, erkrankte und wurde kurz vor Kriegsende entlassen. Im Jahre 1915 glaubte er, wie viele andere, an ein baldiges Kriegsende. Er beendete seinen Bericht: „Ich war nahezu 36 Jahre alt geworden. Das Kriegserlebnis empfand ich künstlerisch als eine Lücke. Es war der tragische Zusammenbruch eines Volkes. Menschlich gesehen war der Krieg ein Wahnsinn – eine Schande des 20. Jahrhunderts.“ Wie wahr, denn er legte den Grundstein für den 20 Jahre später folgenden und noch größeren Wahnsinn. Grimm hatte Glück und er überlebte, während andere Künstlerkollegen, wie der heute berühmte Franz Marc, den „Heldentot“ starben.

Zweifel am Frieden

Nachdem die letzte Offensive am 5. April im Westen mit 230 000 Gefallenen gescheitert war, wuchs die Erkenntnis, dass der Krieg nicht zu gewinnen war. Die Not war groß. Die Beschlagnahme von Kirchenglocken und Fahrradschläuchen, von Kupfer und Geschirr, vergrößerte den Zweifel am Frieden. Die Landwirtschaft kümmerte dahin. Es fehlte an Arbeitskräften und Düngemitteln. Defekte Maschinen und Geräte konnten nicht ersetzt werden. Schlechtes Saatgut und ungenügende Bodenbearbeitung führten zu einem Rückgang der Ernteerträge. Die Franzosen wurden beschuldigt, den Ende des 19. Jahrhunderts eingeschleppten Kartoffelkäfer gezielt zu vermehren, um im Deutschen Reich eine Lebensmittelknappheit zu erzeugen. Deshalb werden diese Insekten auch „Franzosenkäfer“ genannt. Die Gemeinde Langenelz musste über den Kreis an die Heeresverwaltung Großvieh abliefern, ersatzweise auch Kleinvieh.

Der neue Reichskanzler Prinz Max von Baden richtete am 3. Oktober 1918 ein Waffenstillstandsangebot an US-Präsident Wilson. Die Matrosen der deutschen Hochseeflotte in Wilhelmshaven verweigerten am 29. Oktober den Dienst. Der Aufstand griff auf andere Städte über. Die gesamte kaiserliche Flotte meuterte. Die Offiziere wurden entwaffnet und in Kiel wählte man Soldatenräte, die zusammen mit den Arbeiterräten in ganz Deutschland die politische Macht an sich rissen. Dies führte am 9. November zur Abdankung von Kaiser Wilhelm II., auch der Großherzog dankte ab. Der Sozialdemokrat Friedrich Ebert, dessen Vorfahren aus Krumbach stammen, wurde neuer Reichskanzler. Schon am 11. November wurde nach den Bedingungen der Alliierten der Waffenstillstand unterzeichnet. In Deutschland hatte sich mit Kriegsende die Lebensmittelknappheit weiter verschärft. Es kam zu einer Hungersnot. Es gab fast nur noch Steckrüben, Kartoffeln und Brot, kaum Fleisch und Milchprodukte. Am 19. Januar 1919 fanden die Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung statt, die ganz im Zeichen der bürgerkriegsähnlichen Zustände im Reich standen. Die Badische Presse berichtete am 31. Januar 1919 davon: „In den jetzigen Tagen der Ungewissheit“, dass der englische Präsident Wilson darauf beharre, dass man „keineswegs den Ersatz der gesamten Kriegskosten von Deutschland erwarten dürfe ...“.

Reichsverfassung tritt in Kraft

Die Überschriften lauteten damals „Gegen den Raub der deutschen Kolonien“, „Die Rheingrenze als Armeezone“ oder „Verhaftung von Kommunisten“. „Von der französischen Unmenschlichkeit gegen Kriegsgefangene...... widerstrebende deutsche Kriegsgefangene durch Anlegen von Daumenschrauben zu quälen“ oder „Bolschewisten und Menschewisten sind auf dem Wege durch Deutschland in die Schweiz, um an der Berner internationalen sozialistischen Konferenz teilzunehmen“ hieß es in Auszügen aus den Texten. Am 14. August 1919 trat die Reichsverfassung in Kraft und die Demokratie wurde verankert.

In Deutschland trat das Frauenwahlrecht in Kraft, die Schulpflicht für Jungen und Mädchen wurde einheitlich geregelt. Das Schultagebuch in Langenelz vermerkt für 1920, dass „erstmals zwei Mütter zum Schuljahresschluss erschienen sind und so ihr Interesse an der Schulerziehung bekunden“. Heute, 100 Jahre später, überwiegen die Mütter. Auch in Österreich zerfiel das Habsburger Reich und der Kaiser musste ebenfalls gehen. Soldaten, welche bei ihrem Weg von der Front zurück durch das Land zogen, Scharen von Hungrigen und Armen, Bettlern, Hausierern, Raffern und Schiebern aus den umliegenden Großstädten ergossen sich übers Land. Hinzu kam die Spanische Grippe, die sich ab dem Frühjahr 1918 von den Schlachtfeldern über die Lazarette verbreitete. In drei Wellen zog sie sich bis ins Frühjahr 1919 hin. Sie soll zwischen 25 bis 50 Millionen Todesopfer gefordert haben. In Deutschland gehen Experten von 400 000 Todesfällen aus. Sie grassierte auch im Neckar-Odenwald-Kreis und raffte junge, körperlich kräftige Personen innerhalb kurzer Zeit dahin.

Tauschen war wieder im Trend

Theodor Humpert aus Mudau merkt an, dass das bürgerliche Ordnungsgefüge ins Wanken kam. Soldaten machten Heeresgut zu Geld, verwundet und an den Kriegsfolgen leidend waren sie die allergrößten Verlierer. Die Bauern umgingen die verhasste Zwangswirtschaft, die Tauschwirtschaft blühte wieder auf. Die Lebensmittel-Rationierungen ließen vielerorts, wie es heißt, „die Gefühlswerte schwinden und die Sittlichkeit wurde aufs Empfindlichste bedroht“. So berichtete noch am 29. November 1919 der Stadt- und Landbote Eberbach: „Großschlächterei in Reisenbach aufgedeckt, Verhaftung mehrerer Metzger und Landwirte; den Spuren nach wurden von Mai bis Oktober mindesten 35 Stück Großvieh geschlachtet. Im Leiningenschen Wildpark am Dreiländereck wurde während des Krieges stark gewildert, 1919 waren die Wildbestände nicht einmal halb so groß wie 1914.“

In der Region hatte die Revolution keine Chance. Mit Kriegsende kam es zwar zur Einrichtung von „Räten“ wie in Buchen, Walldürn und Mosbach, aber auch in Mudau. Hier vertreten waren Vertreter aus den umliegenden Ortschaften. Nach der Stabilisierung der Lage lösten sich im Verlauf des Jahres 1919 auch in der Region die Volksräte auf. Die Versuche der Räte, die Kontrolle über die Bezirksämter zu übernehmen, scheiterten. Im Sommer hielten sich in Mudau wochenlang 200 Fremde auf. Zwölf Kinder aus dem Hungergebiet Erzgebirge trafen im Dezember ein.

Die Arbeitslosigkeit war hoch, die Landwirtschaft dümpelte vor sich hin. Es fehlte an allem, an Arbeitskräften, Düngemitteln, Saatgut und Arbeitsgeräten. Die Holzlieferungen an die Alliierten löste Holzknappheit bei der Bevölkerung aus. Die Waldstreunutzung und Schweineweide im Wald wurden freigegeben. Viehseuchen, auch die Maul- und Klauenseuche, waren das ganze Jahr über zu beklagen. In Schloßau schlug der Diebstahl einer Uhr in dieser Notzeit hohe emotionale Wellen. Die Pfarreien sammelten für notleidende Kinder in Mannheim. In Schloßau dagegen – hier waren inzwischen drei von vier Glocken verlorengegangen – wurde für Neuankömmlinge gesammelt. Amerika-Auswanderer aus Mudau spendeten zur Anschaffung einer neuen Orgel hohe Geldbeträge.

Hoher Blutzoll

Im Jahre 1919 wurde auch in der Region mit den vom Felde heimgekehrten Kriegern gefeiert. Der Blutzoll in der Gemeinde Mudau war hoch und von Ort zu Ort unterschiedlich. Donebach (26 Männer), Langenelz (27), Mörschenhardt (zehn), Mudau (48), Reisenbach (sieben), Rumpfen (drei), Oberscheidental (zehn), Unterscheidental 15, Schloßau 27, Steinbach 21, Waldauerbach (fünf) – insgesamt waren 199 Männer betroffen. Erst im März 1920 kam der letzte Schloßauer aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Fast jeder Mann im Alter zwischen 19 und 40 Jahren war im Kriegseinsatz. Die Enttäuschung war groß: Ohne besiegt worden zu sein, verlor das Reich weite Landesteile und musste hohe Reparationsleistungen erbringen. Die Dolchstoßlegende wurde geboren, nach der die Heimat der Front in den Rücken gefallen sei. Kriegerdenkmale entstanden, Militär- und Veteranenvereine hatten Hochkonjunktur, der nationale Geist erwachte.