Neckar-Odenwald

Land und Leute David Schiffmacher aus Walldürn war bei der WM in Russland dabei / Über die Deutsche Sportjugend ausgewählt worden

„Im Fußball sind alle vereint“

Eine Woche war der 19-jährige David Schiffmacher aus Walldürn bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. In Rostow erlebte er unter anderem das Spiel Island gegen Kroatien.

Walldürn/Rostow. Es läuft die 90. Minute. Milan Badelj spielt den Ball in den Lauf von Ivan Perisic. Der Kroate zieht halblinks in den Strafraum und erzielt mit einem trockenen Schuss in die lange Torecke das entscheidende 2:1 für Kroatien. Sekunden später pfeift der Schiedsrichter ab. Während die Isländer aus dem Turnier fliegen und die Kroaten ihren Sieg feiern, beobachtet David Schiffmacher auf der Tribüne das Geschehen. „Die Isländer sind einmalig, die werden ihrem Ruf gerecht“, sagt der 19-jährige Walldürner über die Skandinavier. Spätestens seit der Europameisterschaft vor zwei Jahren in Frankreich, als Island sensationell die favorisierten Engländer im Achtelfinale besiegte und sich erst eine Runde später dem Gastgeber geschlagen geben musste, sind deren stimmungsvollen Fans mit ihrem „Huh!“-Schlachtruf in aller Welt bekannt. „Das muss man gesehen haben“, meint Schiffmacher, der eine Woche bei der WM in Russland zu Gast war.

Selbst als Schiedsrichter aktiv

Der Jugendliche leitet in seiner Freizeit als Schiedsrichter im Fußballkreis Buchen Woche für Woche Spiele, war selbst jahrelang aktiver Fußballer. Vor acht Wochen erhielt er plötzlich eine Mail von seinem Verbandsjugendleiter. Darin enthalten: eine Einladung der Deutschen Sportjugend für eine Woche bei der WM in Russland. Schiffmacher sagte zu, und dann ging alles ganz schnell. Passenderweise hatte er erst kurz zuvor sein Fach-Abitur erreicht, Zeit für einen spontanen Ausflug war also vorhanden. Nach einem Vorbereitungstreffen flog er schließlich von Frankfurt über Moskau nach Rostow. Bereits am Flughafen erwartete die Gruppe – bestehend aus vielen Jugendlichen – ein großer Empfang. „Es wurde auf dem Rollfeld extra für uns eine Bühne aufgebaut, auf der gesungen und eine Show geboten wurde. Das war ein tolles Gefühl“, beschreibt Schiffmacher die Ankunft in Russland.

„Stadt der fünf Meere“

Am nächsten Tag stand gleich mal ein Treffen zwischen der deutschen Delegation und dem Bürgermeister der Stadt an. Rostow, bekannt als „Tor zum Kaukasus“ und für seine Lage am Fluss Don, ist mit über 1,1 Millionen Bürgern die zehngrößte Stadt Russlands. Aufgrund der geografischen Nähe zum Schwarzen, Asowschen und Kaspischen Meer sowie den beiden Kanälen in Richtung Ostsee und Weißes Meer, wird Rostow auch „Stadt der fünf Meere“ genannt. Überraschend war es also nicht, dass auch eine Schifffahrt auf dem Don für die Reisegruppe auf dem Programm stand. Ungewöhnlich war jedoch die Begleitung auf dem Fluss. „Drei Polizeiboote sind uns hinterhergefahren“, erklärt der 19-Jährige. Die Sicherheit werde in Russland großgeschrieben, meint er, die Polizei sei überall sehr präsent gewesen – selbst wenn es kein Spiel gab. Angst hatte der Walldürner aber keine.

„Es ist aufgefallen, mit wie viel Nationalstolz die Russen dieses Turnier organisiert haben. Obwohl sie zum Beispiel wie hier in Rostow nicht viel Geld haben und vieles nicht so modern ist wie in Deutschland, wurde doch viel für die WM getan. Ich habe die Menschen dort als sehr weltoffen erlebt“, so Schiffmacher. Man dürfe auch nicht vergessen, dass bei einer Weltmeisterschaft viele Völker in einem Land aufeinandertreffen. Es sei durchaus beeindruckend gewesen, als selbst bei einem Museumsbesuch jeder Delegierte mit einem Detektor abgesucht wurde. Eingeschüchtert habe ihn das aber nicht. Er lernte zwar die Stadt und die Kultur kennen und besuchte auch eine russisch-orthodoxe Kirche in einem kleinen Dorf. Doch die Reise stand neben dem Fußball auch im Zeichen des Austauschs. In Workshops kam es zu vielen Gesprächen mit russischen Fachkräften und Ehrenamtlichen im Sport. So bekam Schiffmacher mit, dass es in Russland nach dem Vorbild der USA auch eigene College-Ligen gibt, in denen sich Teams im Fußball oder im Eishockey messen. „Bereits in der Grundschule ist der Sportunterricht Pflicht“, erklärt der 19-Jährige.

Aufgrund seiner kasachischen Wurzeln war ihm jedoch vieles nicht fremd, was er in Russland erlebte. Russische Speisen wie die berühmten Pelmeni beispielsweise kannte er auch von Zuhause. Neben dem Spiel der Isländer gegen Kroatien in der Rostow-Arena vor über 43 000 Zuschauern zählte auch der Besuch des Jugendtags in Rostow zu den Höhepunkten. Spannend war auch der Besuch im WM-Dorf, in dem die Delegation das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Südkorea verfolgte – mit bekanntem Ausgang. Zum frühen Ausscheiden der DFB-Elf hat Schiffmacher eine klare Meinung: „Es hat mich nicht überrascht. Der Kampfgeist hat gefehlt und die meisten haben eher für sich als für das Team gespielt.“ Einen Tag vor dem Abflug war er noch einmal mit zwei Jugendlichen aus der Delegation bei der Rostow-Arena und erlebte dort eine Begegnung, die für ihn symbolisch für den Sport steht. „Zwei Türken waren hier, obwohl ihr Land die WM-Teilnahme verpasst hat. Sie wollten unbedingt mit uns ein Bild machen und haben fleißig mit den anderen Fans gefeiert. Das zeigt, worum es geht: dass der Fußball alle vereint“, denkt Schiffmacher, der die beiden Mannschaften im Finale im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten richtig vorhersagte. „Frankreich gegen Kroatien“, antwortete er auf die Frage, wer im Finale stehen wird. Und wer wird morgen Abend Weltmeister? „Frankreich!“