Neckar-Odenwald

Gastronomie im Neckar-Odenwald-Kreis Die Zahl der Betriebe ist in den Jahren 2008 bis 2016 um ein Fünftel zurückgegangen / Dorfgaststätten drohen zu verschwinden

Paul Berberich: „Es ist eins vor zwölf“

Die Zahl der Gastronomiebetriebe im Neckar-Odenwald-Kreis ist von 2008 bis 2016 um knapp 20 Prozent gesunken. Vor allem der klassischen Dorfgaststätte droht das Aus.

Neckar-Odenwald-Kreis. Der Blick in die Statistik, die alle steuerpflichtigen Betriebe mit Lieferungen und Leistungen über 17 500 Euro erfasst, ist ernüchternd. Im Neckar-Odenwald-Kreis sank die Zahl der Betriebe im Gastgewerbe von 401 im Jahr 2008 auf 321 im Jahr 2016 (minus 19,95 Prozent). Die Berherbergungsbetriebe nahmen in diesem Zeitraum um 21 von 91 auf 70 ab (minus 23,08 Prozent), die Gastronomiebetriebe von 310 auf 251 (minus 19,03 Prozent). Ein ähnliches Bild zeigt sich im Nachbarkreis. Gab es im Jahr 2008 noch 495 Betriebe im Gastgewerbe im Main-Tauber-Kreis, so sind es im Jahr 2016 nur noch 375 (minus 24,74 Prozent). Der Landstrich zwischen Main und Tauber hält damit einen traurigen Rekord im Ländle. Bei den Beherbergungsunternehmen sank die Zahl von 114 auf 93 (minus 18,42 Prozent), in der Gastronomie von 381 auf 282 (minus 25,98 Prozent).

Vor allem die klassische Dorfgaststätte ist vom Aussterben bedroht. Die Fränkischen Nachrichten sprachen mit dem Vorsitzenden des Dehoga-Kreisverbandes, Paul Berberich, über dieses Thema. „Es liegt eindeutig an den Rahmenbedingungen“, ist der sich sicher. Und man müsse schnell handeln. „Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist bereits eins vor zwölf“, machte Berberich deutlich.

Zu wenig investiert

Die Preise in solchen Gaststätten seien vielfach zu niedrig. Die Gäste würden oft nur den Materialwert betrachten und die Personal- und Fixkosten außer acht lassen. Weil unterm Strich zu wenig hängen geblieben sei, habe man oft zu wenig investiert, was sich nun bei der Übergabe an die nächste Generation bemerkbar mache. Diese müsse dann noch einmal kräftig Geld in den Betrieb stecken, was sich vielfach einfach nicht rechne.

Der Stammtisch sei heute eigentlich tot und auch den Mittagstisch gebe es quasi nicht mehr. Metzger, Bäcker und Lieferservices hätten dagegen deutlich mehr Geschäft als vor zehn Jahren. Auch das verstärkte Aufkommen von Schnellimbissen habe Potential weggenommen. Viele Menschen seien auch in Vereinsheime geflohen, was nochmal Umsatz gekostet habe.

Angriff aufs Kerngeschäft

Der Dehoga-Landesvorsitzende Fritz Engelhardt bläst ins gleiche Horn: „Die Vereine graben unseren Wirten nicht nur mit landesweit 80 000 Festen pro Jahr das Wasser ab. Viele von ihnen vermieten auch ihre Vereinsräume für Familienfeiern und Veranstaltungen. Dieser von der Politik subventionierte Angriff auf unser Kerngeschäft trifft die Gasthäuser und Gasthöfe auf dem Land bis ins Mark.“ Während Vereine bis zu 45 000 Euro Gewinn pro Jahr steuerfrei machen könnten, gebe es kein Geld für eine faire Gastro-Mehrwertsteuerregelung. „Wer so Politik macht, braucht sich nicht zu wundern, wenn Wirte keine Nachfolger finden“, ist Engelhardt verärgert.

Laut Paul Berberich sei das Gasthaussterben aber auch ein Problem für den Tourismus. „Was nutzt den Kommunen der schönste Rad- oder Wanderweg, wenn es keine Möglichkeit zur Einkehr gibt?“, fragte der Dehoga-Kreisvorsitzende. Diese Entwicklung könne man nur aufhalten, wenn man die Rahmenbedingungen verbessere. Gleiche Steuern auf Essen, weniger Bürokratie – zumindest für kleinere Betriebe – und die Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes, forderte Berberich im FN-Gespräch. Die Mitarbeiter seien bereit dazu. Schließlich gehe es auch nicht um Mehrarbeit, sondern um mehr Flexibilität, was auch in anderen Branchen gefordert würde. „Wir brauchen die Ausweitung von zehn auf zwölf Stunden“, machte der Gastronom klar. Bei einer Feier könne man nicht nachts um eins die Servicecrew durch eine andere ersetzen, gab er zu bedenken. Die Ausweitung sei auch wichtig, um wieder Aushilfskräfte einstellen zu können. Seine Hoffnung setzt Berberich nun in die Politik. Einen entsprechenden Vorstoß zur Flexibilisierung von Arbeitszeiten wagte jetzt Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Bei der oppositionellen SPD stieß dies auf Ablehnung, alle anderen Fraktionen zeigten sich mehr oder weniger offen für Flexibilisierungen.

Mehr Steuern

Aber auch eine gute Nachricht hatte Paul Berberich: „Der Hotellerie geht es wieder gut.“ Die Senkung des Umsatzsteuersatzes auf sieben Prozent habe der Branche gewaltig geholfen. Und nun zahle die Hotellerie sogar deutlich mehr Steuern an die Bundesregierung als vor der Steuersenkung. borg/hut